Yeti Bemooster Fels
Es ist der 21. Juli des Jahres 1986. Reinhold Messner, der berühmteste aller Bergsteiger, schreitet durch den Hochwald von Tibet, allein, nur begleitet von seinen Gedanken. Allerdings beschäftigt er diese im Augenblick nicht, wie sonst so häufig, mit Höherem, etwa der Frage, warum der Mensch auf Gipfel steigt, wo er doch dort oben weder nützt noch ziert. Er denkt vielmehr darüber nach, ob er vom Weg abgekommen sei - als ihm aus dem grünen Gezelt der Bäume eine dunkle Gestalt von falstaffschen Maßen entgegentritt: der Yeti, wer sonst.
Gut und gern zwei Meter sei er groß gewesen, weder Mensch noch Affe, und über und über mit schwarzen Zotteln bedeckt, erinnert sich Messner. »Reglos vor Überraschung stand ich da und starrte dieses Wesen an, von dem ich schon so viel gehört hatte.« Einzig diese heftige Bewegung des Gemüts habe ihn daran gehindert, beteuerte Messner, den Yeti fotografisch festzuhalten - und als er sich wieder gefaßt hatte, sei der Yeti davontrottiert, einfach so und sans adieu.
Alles was der Yeti hintanließ, war eine drei Kilometer lange Spur großer Fußtapfen, von denen Messner einige unscharfe Fotos machte. Als er diese zum Beweis seiner Behauptung präsentierte, wurde weithin gelacht - worauf Messner gekränkt ankündigte, er werde im folgenden Frühjahr nach Tibet reisen und der Yeti-Frage nachgehen. Und da Messner in Fragen der Publicity einen gewissen Zug zur Ungeniertheit nun mal nicht unterdrücken kann, kündigte er vollmundig an: »Das Rätsel steht vor der endgültigen Lösung.«
Dort stand es immer noch, als Messner letzte Woche wissen ließ, er werde den Yeti nunmehr im Frühjahr 1991 aufspüren - allerdings nicht den in Tibet, sondern einen im benachbarten Königreich Bhutan. Denn auch dort, so hat der Südtiroler erfahren, »gibt es eine Yeti-Vermutung«.
Was Wunder - überall im Himalaja erzählen die Bergvölker vom Schneemenschen, der in der Sprache der Sherpas Yeti heißt und ein ziemlich gewürfelter, aber kein allzu schlechter Geselle zu sein scheint - ein frecher Übermütler, der sein Gespött mit den Menschen treibt und Mutwill und Schalkereien gegen sie übt.
Gesichtet jedoch wird das mythische Wesen stets von den weißhäutigen Fremden, deren Beschreibungen vom Yeti verdächtig genau der Vorlage aus der Sage ähneln: Hochgewachsen und haarig ist er, mit riesigen Füßen und Zähnen, die weiß und groß wie Klaviertasten im übelriechenden Maul schimmern. Die Eingeborenen hingegen erblicken den Yeti nie, und aufstöbern wollen sie ihn schon gar nicht - sie glauben an ihn, was ihnen vollauf genügt.
Seinen Anfang nahm der Yeti-Wahn um den Nikolaustag des Jahres 1951. An jenem 6. Dezember veröffentlichte die Londoner Times Fotos von riesigen Fußspuren, die der englische Alpinist Eric Shipton am Mount Everest aufgenommen hatte. Diese Bilder, so der britische Experte Peter Gilman, »hatten offenbar einen ziemlich befreienden Effekt auf das bis dahin scheue Verhalten des Yeti« - jedenfalls häuften sich die Sichtungen im Laufe der Jahre derart, daß wissenschaftliche Gesellschaften oder Zeitungen wie etwa die Daily Mail Expeditionen mit bis zu 300 Teilnehmern und entsprechend starker fotografischer Feuerkraft in den Himalaja entsandten, um dem Phänomen auf die Spur zu kommen.
Sie fanden nichts, was sich nicht auf natürliche Ursachen hätte zurückführen lassen - meist bemooste Felsfigurationen oder Schneeverwehungen -, aber auch, und das soll mehr als einmal vorgekommen sein, auf Trugbilder aus der Whiskeyflasche. So schwört etwa der aus Irland gebürtige Bergsteiger und Yeti-Forscher Donald Whillans, er habe beobachtet, wie sich ein Schneemensch in der Nähe seines Zeltes am Anapurna an einem Mars-Riegel gütlich tat. _(* Foto von Eric Shipton, veröffentlicht ) _(in der Times vom 6. Dezember 1951. )
Beim Yeti handle es sich, so behaupten die meist selbsternannten Experten aus der Riege der Kryptozoologen, um primitive hominide Wesen, die im Schutz des ewigen Schnees überlebt hätten - vielleicht sogar um die letzten Exemplare des »Gigantopithecus«, einer Primatenart von monsterhafter Größe, die offiziell allerdings schon vor rund einer Million Jahren ausgestorben ist. »Woher kommen denn die Spuren im Schnee oder im Schlamm? Sind das alles etwa Fälschungen?« schnaubt Anthropologie-Professor Grover Krantz von der Washington State University, der aufgrund fortwährender kollegialer Anfeindung an chronischer Entrüstung leidet.
Vom Yeti-Glauben nicht infizierte Wissenschaftler geben eine ebenso schlichte wie einleuchtende Erklärung: Die scheinbar so rätselhaften Spuren stammen von Tieren wie den im Hochland des Himalaja lebenden Bären, vereinzelt auch von Orang-Utans, die sich in die Nebelwälder der Hochtäler zurückgezogen haben. Ihre extreme Größe erhalten die Spuren infolge der Sonneneinstrahlung - Schnee schmilzt immer in die Breite.
Die Fußtapfen von Messners Yeti beispielsweise identifizierte der Mainzer Zoologieprofessor Helmut Hemmer als die eines Kragenbären. Auch Messner glaubt, daß der Yeti ein tierisches Wesen ist - aber ein der Zoologie bislang unbekanntes soll es schon sein, bitte schön, sonst lohnt sich der ganze Aufwand nicht: »Vielleicht die Mutation einer Gorilla-Art, vielleicht sogar menschenähnlicher als die Schimpansen.«
* Foto von Eric Shipton, veröffentlicht in der Times vom 6. Dezember1951.