Hautfarbe Blasses Dementi
Das Haar verlor die Krause, die wulstigen Lippen verschwanden, die knollige Nase wurde plötzlich klein und spitz wie die von Audrey Hepburn. Schließlich erbleichte der Liedermacher. Michael Jackson, 34, einst ein schwarzer Kinderstar, erinnert heute an eine Wachsfigur aus dem Hause Tussaud.
Begeht das Popidol mit chirurgischen Mitteln Verrat an seiner Rasse? Hat »Wacko Jacko« (etwa: meschuggener Michael), wie Spötter den Sänger nennen, sein fahles Antlitz mit Bleichmitteln gestylt? Seine körperliche Verwandlung ist mittlerweile so augenfällig, daß biographische Rückblenden in einem Jackson-Video von einem weißen Jungen gedoubelt werden mußten.
In seinem ersten Live-Interview seit 14 Jahren entschloß sich der scheue Musikant zum Dementi. Rund 90 Millionen US-Zuschauer konnten vorletzte Woche am Bildschirm mitverfolgen, wie Jackson seine Annäherung ans Heino-Outfit erklärte. Nicht Tinkturen hätten ihn erblassen lassen, sondern eine rätselhafte Krankheit: Vitiligo.
Unter diesem Namen führen die Mediziner eine wenig erforschte Hautgeißel, die bereits in der Bibel erwähnt wird. Vitiligo-Kranke verlieren gleichsam die Farbe. Aus unbekanntem Grund stellen die Melanozyten, die Kraftwerke zur Produktion des Hautfarbstoffs Melanin, ihre Arbeit ein.
Folge der Blockade sind grellweiße oder gesprenkelte Hautstellen. Häufig bilden sich die Störungen an Bauch, Beinen oder Ellenbogen. Bei der Vitiligo focalis bleibt der Pigmentverlust auf wenige Flecken begrenzt. Viel seltener ist die Vitiligo universalis, die den ganzen Körper erfaßt. Ein Afrikaner mit ausgeprägten Universalis-Symptomen kann in kaum zwei Monaten eine schneeweiße Gestalt annehmen.
In Norddeutschland und Skandinavien werden 0,5 Prozent der Bevölkerung von dem Farbstoffdefekt geplagt. In Indien und Pakistan leiden acht Prozent an der »Scheckhaut«. Wegen der Ähnlichkeit mit ausgebrannten Lepra-Malen wurden Vitiligo-Kranke in früheren Jahrhunderten als Aussätzige behandelt.
Verbirgt sich also hinter der Maske Michael Jackson eine Pigmentwüste? Ist der begnadete Tänzer auf dem Weg zum moonwalkenden Albino? »Ich werde weißer und weißer«, klagte der Popstar, »und ich kann nichts dagegen tun.«
Bereits 1982, nach den Plattenaufnahmen zum Megaseller »Thriller«, soll der Beizprozeß im Gesicht begonnen haben. Um die Flecken zu übertünchen, so Jackson, habe er sein immer zierlicher werdendes Gesicht schminken müssen. »Das ist ein Problem für mich, okay?«
Solche Fixiercremes, sogenannte Cover marks, sind für viele Vitiligo-Leidende der letzte Ausweg. Die kosmetische Retusche wird eingesetzt, wenn alle Therapieversuche gescheitert sind. Gewisse Heilerfolge erzielen die Mediziner mit fotochemischen Behandlungen: Der Patient schluckt einen aminosäurehaltigen Sirup und wird sodann mit UV-Licht bestrahlt.
Viele Patienten pilgern ans Tote Meer, dessen salzhaltige und sonnendurchflutete Luft die Melaninproduktion manchmal auf wundersame Weise wieder anwirft. Deutsche Krankenkassen unterstützen diese Farbkuren. Der Heilmechanismus ist unklar.
Bei großflächiger Pigmentstörung, wenn mehr als 50 Prozent der Haut weiß wie Mehl sind, hilft nur die Flucht nach vorn. Mit Bleichsalben versuchen die Mediziner, die noch intakten Pigmentquellen abzutöten und die gesamte Körperoberfläche auf Schneeweiß zu trimmen. Als Bleichmittel dienen sogenannte Monobenzone, die über Monate, manchmal Jahre, in die Haut gerieben werden.
Ob sich bei Michael Jackson das ansonsten harmlose Gebresten wirklich ausgebildet hat, scheint indes zweifelhaft. Seit geraumer Zeit kämpft der Käskopf mit Imageproblemen; er sei ein Kyborg, eine Gipsfigur, ein lebensferner Homunkulus, nörgeln seine Kritiker. »Jacksons Karriere schoß in stratosphärische Höhen«, schrieb das Magazin Time, »er selbst wurde zusehends außerirdischer.«
Mit seinem PR-Auftritt scheint der Entrückte unversehens wieder auf der Erde gelandet zu sein, als Leidender, Kranker und Gescheckter. Der israelische Tourismus-Manager Raphael Farber bot dem Sänger an, sich am Toten Meer mit schwarzem Schlamm und Sonnenbädern zu kurieren.
Ein möglicherweise unnützes Angebot. Jacksons Behauptung, das Leiden sei auf eine genetische Erblast zurückzuführen ("Das ist in der Familie"), wurde von Schwester La Toya jedenfalls bestritten. Weder Vater Joseph noch eines der neun Geschwister habe je mit Pigmentproblemen gekämpft.