COMPUTER Botschaft im Pornobild
Nur wenige Stunden nach dem Anschlag auf das World Trade Center lief die Fahndung auch im Internet auf Hochtouren. Netz-Provider wie AOL stellten der amerikanischen Bundespolizei FBI Daten zur Verfügung, deutsche Universitäten durchforsteten ihre Internet-Server nach den E-Mails von Verdächtigen.
Die elektronische Fahndung ergab aber zunächst nur, dass sich einige der Terroristen die Flugtickets per Internet gekauft hatten. Nach FBI-Informationen nutzten die Männer dafür unter anderem öffentliche Internet-Terminals der Copyshop-Kette Kinko's in Florida.
Zudem kam heraus, dass sich zumindest einige der Terroristen gut im Netz auskannten. So unterhielt Said Bahaji, ein Marokkaner mit deutschem Pass und Kontakten zu den Hauptverdächtigen, auf einem Server der TU Hamburg-Harburg eine eigene Homepage: »In meiner Freizeit beschäftige ich mich gerne mit dem PC, ob Spiele, Programme oder Internet, spielt keine Rolle, Hauptsache ich sitze vor dem Rechner.« Auch tauchte seine E-Mail-Adresse unter den Empfängern eines radikal-islamistischen Newsletters, der so genannten Qoqaz-Liste, auf.
Doch bislang fehlen Beweise dafür, dass die Terroristen das Netz tatsächlich benutzt haben, um ihre mörderischen Anschläge zu planen. Ob der islamistische Netz-Rundbrief geheime Botschaften der Flugzeugentführer enthielt, ist noch unklar. Dennoch gab sich der ehemalige FBI-Direktor Louis Freeh überzeugt: »Unknackbare Verschlüsselungsmethoden erlauben es Terroristen - Hamas, Hisbollah, al-Qaida und anderen -, miteinander zu kommunizieren, ohne einen Lauschangriff fürchten zu müssen.« Und US-Justizminister John Ashcroft will ein neues Antiterrorgesetz (ATA) durchpeitschen, das die Überwachung von E-Mails auch ohne richterliche Genehmigung erlaubt: Polizeibehörden sollen künftig massenhaft speichern dürfen, wer mit wem kommuniziert. Auf diese Weise könnten sich Rückschlüsse auf die Mitglieder von Terrorzellen ziehen lassen.
Seit den Anschlägen am 11. September ist der alte Streit neu entbrannt, wie die Kommunikation im Netz überwacht werden kann und soll. US-Bürgerrechtler haben bereits gegen Ashcrofts Pläne protestiert. »Dieses Gesetz erinnert an die McCarthy-Ära in der Art, wie es der Regierung erlaubt, das Privatleben von US-Bürgern zu überwachen«, kritisiert Shari Steele von der Electronic Frontier Foundation (EFF).
Schon heute verfügen die USA über ein Internet-Schnüffelsystem namens DCS 1000 (ehemals Carnivore - zu deutsch: Fleischfresser), das den Datenverkehr mit aufwendigen Filtern nach verräterischen Begriffen absucht. Aber immer häufiger beißen sich der Fleischfresser und andere US-Lauschnetzwerke wie das weltweite Echelon-Abhörsystem an verschlüsselten Botschaften die Zähne aus. Denn im Internet frei erhältliche Verschlüsselungsprogramme verwandeln E-Mails in einen derart wirren Datensalat, dass selbst die besten Superrechner der Welt nicht in der Lage sind, den Klartext zu rekonstruieren.
»Wenn Sender und Empfänger eine gängige Verschlüsselungssoftware benutzen, dann kann das kein Geheimdienst der Welt knacken«, sagt der Gießener Krypto-Experte Albrecht Beutelspacher. Denn um an die verschlüsselte Nachricht zu gelangen, setzen selbst die Lauscher vom US-Geheimdienst NSA (National Security Agency) in ihrem Hauptquartier Crypto City im Bundesstaat Maryland meist noch immer auf das stupide Durchprobieren aller möglichen Schlüssel.
Wie viel Rechengewalt in der Praxis nötig ist, um eine verschlüsselte Botschaft auf diese primitive Weise zu knacken, zeigt der zukünftige offizielle Verschlüsselungsstandard für den Datenaustausch zwischen US-Behörden: Um die unsicherste Variante dieses Codes zu brechen, braucht man selbst mit der mathematischen Streitmacht von einer Milliarde herkömmlichen Rechnern länger, als die Erde alt ist.
So nutzte der arabische Terrorist Ramsi Jussuf vor einigen Jahren Krypto-Software für seine Pläne, elf Linienflugzeuge in die Luft zu jagen. Das FBI brauchte ein Jahr, um zwei seiner Dateien zu entschlüsseln - eine Zeitverzögerung, die sich als verhängnisvoll hätte erweisen können. Doch die US-Behörden hatten Glück: Jussuf kam nicht mehr dazu, die geplanten Anschläge auf Flugzeuge in die Tat umzusetzen, weil er nach seinem Bombenangriff auf das World Trade Center 1993 festgenommen wurde.
Noch schwieriger wird es für die Fahnder, wenn es Terroristen gelingt, ihre Unterredung vollkommen im Verborgenen zu führen. »Der beste Weg besteht darin, die Kommunikation zwischen beiden Partnern unsichtbar zu machen«, erläutert Lutz Donnerhacke, Mitbegründer des Fördervereins Informationstechnik und Gesellschaft (Fitug). Um die verräterische Datenspur zwischen Sender und Empfänger zu verwischen, gibt es so genannte »Remailer": Derartige »Wiederversender« entfernen aus einer E-Mail die Absenderadresse, um die Rückverfolgung unmöglich zu machen. Diese Methode zur Spurenvernichtung wurde vor etlichen Jahren schon von Belgrader Dissidenten benutzt, um vor Milosevics Geheimpolizei sicher zu sein.
Judd Gregg, republikanischer US-Senator, tritt nun für ein globales Verbot von Verschlüsselungssoftware ein - es sei denn, in ihr wäre ein digitales Hintertürchen für die Ermittlungsbehörden eingebaut. »Wenn Washington wirklich entschlossen ist, den Terrorismus auszulöschen, muss es Internet-Providern verbieten, verschlüsselte Botschaften weiterzuleiten«, fordert auch der bekannte britische Militärhistoriker John Keegan. »Provider im Ausland, die sich weigern, müssten sich dann darauf einstellen, dass ihre Gebäude von Cruise Missiles zerstört werden.«
»Derlei Vorstöße sind billiger Populismus«, meint Caspar Bowden, ein ehemaliger Investmentbanker, der heute das Institut Foundation for Information Policy Research in London leitet. Aufmerksam verfolgt er die Debatte in den USA: »Das wird garantiert auch in der EU zum Riesenthema.« Großbritannien hat bereits einen Vorstoß unternommen: Ein umstrittenes neues Gesetz soll es Behörden erlauben, Verdächtige zur Preisgabe ihres Passworts zu zwingen, mit dem sie eine Botschaft geschützt haben - andernfalls drohen zwei Jahre Knast.
Vor allem die Wirtschaft hat Probleme mit einem allzu rigiden Kurs. Denn Verschlüsselung schützt nicht nur Pädophile und Bombenbastler, sondern auch Banken und ihre Kunden. »Krypto ist das Fundament, auf dem die Finanz- und InternetWirtschaft steht«, erläutert Bowden. Ein Aufweichen der Verschlüsselungstechnik könne schnell einen Schaden in Milliardenhöhe bedeuten: »Im Internet gibt es keine Briefumschläge, daher müssen wichtige Dokumente verschlüsselt werden - wir werden den Geist nicht zurück in die Flasche bekommen.«
Schon nach dem Bombenanschlag auf das World Trade Center 1993 wurde von der US-Regierung ein Verbot starker Kryptografie erwogen. Doch die Befürworter der Verschlüsselung konnten sich durchsetzen - nicht zuletzt, weil klar wurde, dass der E-Commerce ohne geschützte Privatsphäre nicht funktionieren würde.
Ohnehin lassen sich geheime Botschaften heutzutage viel eleganter übermitteln als mit Hilfe einer verschlüsselten E-Mail. Bei der so genannten Steganografie werden in eine Bild-, Video- oder Musikdatei versteckte Zusatzinformationen eingestreut, die einem Unwissenden nicht auffallen. Der Empfänger hingegen weiß, dass zum Beispiel einige Pixel einer bestimmten Grafik gar keine Bildinformationen darstellen, sondern einen geheimen Text codieren.
Mit den Tarnbildern reagierten Internet-Aktivisten auf erste Versuche der Staatsapparate, auf verschlüsselte E-Mails Zugriff zu erhalten. Eine der Vorreiterinnen der Szene war Romana Machado, Programmiererin und »Playboy«-Model: Sie verschenkte ihre kostenlose Software als Komplettpaket gegen unliebsame Datensauger - mitsamt freizügigen Fotos von sich selbst.
Anfang des Jahres behaupteten US-Geheimdienstler, die Terrororganisation Bin Ladens kommuniziere über steganografisch aufgepeppte Bilder auf Porno-Web-Seiten. Die Beweise allerdings blieben sie schuldig.
Viel einfacher ist es für die Fahnder, Botschaften bereits abzufangen, bevor diese verschlüsselt worden sind. Das FBI setzt daher unter anderem auf Tastaturspione: Das Programm D.I.R.T. beispielsweise registriert jeden Tastenanschlag und überträgt die Daten heimlich an die Fahnder.
Mit einem ähnlichen Trick gelang es der Staatsanwaltschaft, Beweise gegen den Sohn des Mafiabosses Nicodemo Scarfo ("Little Nicky") aus New Jersey in die Hand zu bekommen: Ein Kriminalbeamter schlich sich unbemerkt in dessen Büro und installierte einen Tastaturspion, um so an die Passwörter des Angeklagten zu gelangen. Umstritten ist, ob diese Digitalspitzelei rechtens war.
Zuweilen hilft den Fahndern aber auch einfach nur Psychologie und Einfühlungsvermögen. In New York flog Mitte der Neunziger ein illegales Wettbüro der Mafia auf. Zehntausend Wettscheine lagen passwortgeschützt auf einer Festplatte. Doch für die Mafiakenner war das Codewort des Mafioso leicht zu erraten: der Vorname seiner Mama. HILMAR SCHMUNDT,
CHRISTOPH SEIDLER