Brasilien: Hitzewelle wäre ohne Klimawandel praktisch unmöglich gewesen - DER SPIEGEL
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Untersuchung der World Weather Attribution Hitzewelle in Südamerika wäre ohne Klimawandel praktisch unmöglich gewesen

Seit Wochen machen Dürre und Hitze Südamerika zu schaffen. Forschende zeigen nun: El Niño hat wohl zu dem Extremwetter beigetragen, war aber nicht der Haupttreiber.
Manaus: Raimundo Silva bei seinem selbst gebauten Brunnen in Brasilien (Bild vom 7. Oktober)
Manaus: Raimundo Silva bei seinem selbst gebauten Brunnen in Brasilien (Bild vom 7. Oktober)

Manaus: Raimundo Silva bei seinem selbst gebauten Brunnen in Brasilien (Bild vom 7. Oktober)

Foto: Raphael Alves / EPA

Wie Mosaike reiht sich die trockene Erde um das Loch im Boden, das Raimundo Silva mit Holzbrettern gestützt hat. Der 67-Jährige hat einen Brunnen gebaut, mit einem Eimer schöpft er Wasser aus dem Loch, so zeigt es ein Foto der spanischen Nachrichtenagentur EFE. Eigentlich ist Silva Fischer und Händler, doch fangen und verkaufen kann er derzeit nichts. Das Loch hat er in den Grund des Puraquequara-Sees im brasilianischen Bundesstaat Amazonas gebuddelt – denn der See selbst liegt seit längerer Zeit trocken.

Klimakrise

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Rund vier Millionen Menschen leben in der Region, die meisten von ihnen sind Indigene. Seit nunmehr Wochen erleben die Menschen hohe Temperaturen und eine schwere Dürre. Eine aktuelle Untersuchung legt nahe: Der menschengemachte Klimawandel hat die aktuelle Hitzewelle mindestens 100-mal wahrscheinlicher gemacht. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Initiative »World Weather Attribution« (WWA) untersuchen bei vielen Extremwetterereignissen nahezu in Echtzeit, welche Rolle der Klimawandel dabei gespielt hat. Oft eine große, wie die Daten andeuten.

Auch für die andauernde Dürre in Südamerika ist die Gruppe zu eindeutigen Ergebnissen gekommen:

  • Durch den Klimawandel fiel die Hitzewelle der Gruppe zufolge um 1,4 bis 4,3 Grad Celsius heißer aus, als es ohne die menschengemachte Erderhitzung der Fall gewesen wäre.

  • Das natürliche Wetterphänomen El Niño könnte einen Einfluss auf die hohen Temperaturen gehabt haben, WWA zufolge war der Haupttreiber jedoch der Klimawandel.

  • Ohne den menschengemachten Klimawandel wäre die derartige Hitzeperiode in Südamerika außerhalb der Sommermonate extrem unwahrscheinlich.

  • Unter den aktuellen klimatischen Bedingungen ist etwa alle 30 Jahre mit einer vergleichbaren Hitzewelle zu rechnen.

Um zu bestimmen, wie groß der Anteil des Klimawandels an der Hitzewelle in Südamerika ist, haben die Forschenden Wetterdaten und Modellsimulationen verwendet und mit historischen Daten verglichen. Sie untersuchten dabei die zehn heißesten aufeinanderfolgenden Tage im August und September dort, wo die Hitzewelle extrem war: in bestimmten Regionen Paraguays, Brasiliens, Boliviens und Argentiniens.

Die Forschenden warnen: Werden keine ehrgeizigen Maßnahmen ergriffen, um die Treibhausgasemissionen effektiv zu senken, werden Hitzeperioden wie diese wahrscheinlicher. »Besorgniserregend ist, dass in vielen Teilen der Welt im Frühjahr Temperaturen von mehr als 40 Grad Celsius üblich werden«, sagte Izidine Pinto von dem brasilianischen Institut für Weltraumforschung einer die Studie begleitenden Mitteilung zufolge. »Dies ist die Realität unseres sich rasch erwärmenden Klimas.« Wie sehr Ökosysteme unter der Dürre leiden, zeigt sich indes schon jetzt.

Algenblüte durch Hitze?

Mehr als 120 tote Flussdelfine wurden in den vergangenen Wochen im Amazonas entdeckt – rund fünf Prozent der lokalen Population –, etliche Fische starben. Forschende vermuten einen Zusammenhang mit der Hitzewelle in der Region. »Die durchschnittliche Wassertemperatur im Tefé-See liegt bei 32 Grad – zuletzt haben wir aber selbst in drei Meter Tiefe noch 40 Grad gemessen«, sagte Miriam Marmontel vom staatlichen Institut Mamirauá vor einigen Tagen der Nachrichtenagentur dpa. Der See liegt im brasilianischen Amazonas-Gebiet.

Naturschützerinnen und Naturschützer versuchen derzeit mit einer Gruppe des Mamirauá-Instituts, geschwächte – aber noch lebende – Tiere in tiefere Gewässer zu bringen. Dort könnten die Überlebenschancen höher sein.

Nun sei ein rötlicher Film auf dem Wasser entdeckt worden, sagte ein Sprecher der Umweltschutzorganisation WWF auf SPIEGEL-Nachfrage. Möglicherweise handele es sich um toxische Algen, die zur Sauerstoffarmut im Wasser führen können. Für Delfine sei das zwar nicht das primäre Problem – die Tiere können auftauchen und über Luft atmen. Dennoch werde das Wasser in dem See zu einer Art Todeszone, sagte der Sprecher weiter. Ob es sich tatsächlich um eine Algenblüte handelt und ob diese der Auslöser für das Sterben ist, werde aktuell noch untersucht.

Fluss in der Gemeinde Tumbira, Brasilien (Bild vom 8. Oktober)

Fluss in der Gemeinde Tumbira, Brasilien (Bild vom 8. Oktober)

Foto: Raphael Alves / EPA

Auch für Menschen sind Hitzewellen gefährlich. Etliche frühzeitige Todesfälle  sind bereits unter den jetzigen Klimabedingungen auf Hitze zurückzuführen. »Eine gute Planung in Bezug auf Hitze kann Leben retten«, sagte Julie Arrighi vom Klimazentrum des Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds. »Es ist absolut wichtig, dass jedes Land und jede Stadt einen Hitzeplan entwickelt.« Vier Menschen sind laut WWA allein in São Paulo in Folge der aktuellen Hitzewelle gestorben. Arrighi zufolge könnte die tatsächliche Zahl jedoch viel höher liegen.

Neben der Hitze, die Körper direkt stresst, ist etwa der Wassermangel gefährlich. Die Regierung im Bundesstaat Amazonas hat Ende September für etliche Bezirke den Notstand ausgerufen, weitere in Alarmzustand versetzt. Behörden haben Trinkwasser, Grundnahrungsmittel und Hygieneartikel verteilt. »Die Situation ist für niemanden gut. Nicht für mich, nicht für meinen Nachbarn, für niemanden«, sagte Fischer Silva der Nachrichtenagentur EFE.

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»Was in Rio Grande do Sul und jetzt im Bundesstaat Amazonas geschieht, zeigt, wie extreme Wetterereignisse uns bereits in erschreckender und dramatischer Weise betreffen«, hatte Brasiliens Umweltministerin Marina Silva gesagt. Dass genau diese Extreme häufiger auftreten könnten, davor warnen die WWA-Forschenden nun erneut. Wenn die globale Erwärmung zwei Grad Celsius erreiche, könnten ähnliche Hitzewellen alle fünf bis sechs Jahre auftreten und im Vergleich zum heutigen Klima um 1,1-1,6 Grad Celsius heißer ausfallen.

Alarmierend sind in dem Zusammenhang auch neue Daten des EU-Klimalandesdiensts Copernicus. 1,4 Grad über dem vorindustriellen Niveau lagen die globalen Durchschnittstemperaturen demnach von Januar bis September dieses Jahres. Im September wurde global gesehen selbst dieser Wert noch gebrochen – mit 1,75 Grad Celsius über dem vorindustriellen Referenzzeitraum.

ani