GENETIK Buntes Gemisch
Lynne M. sah durch ihre blaugrauen Augen offenbar schon immer mehr als alle anderen - vor allem wenn es um das ging, was die anderen »gelb« nannten.
Noch immer kann sich die Sozialarbeiterin aus dem britischen Cambridge darüber empören, wie scheußlich sich ihre große Schwester zu kleiden pflegte: »Ein kieferngrüner Wollmantel und dazu ein geranienroter Schal - ist das nicht schrecklich?« Das Problem war nur: Keinen außer ihr entsetzte diese Kombination.
M. gehört einer kaum bekannten, eigenartigen Schwesternschaft an: der Gruppe der so genannten Tetrachromaten. Diese teilen ein bestimmtes Genmerkmal miteinander und sehen deshalb Farbnuancen, für die ihre Mitwelt blind ist.
In der menschlichen Netzhaut finden sich gewöhnlich drei verschiedene Typen von zapfenförmigen Farbrezeptoren; der eine reagiert besonders empfindlich auf blaues, der zweite auf grünes, der dritte auf rotes Licht. Aus der unterschiedlichen Reizung dieser drei Zapfen errechnet das Hirn dann die Farbtöne.
Tetrachromaten hingegen verfügen über vier Farbrezeptoren: Zusätzlich zum Standardset hat die Natur sie mit einer vierten Art von Sinneszelle beschenkt, die speziell auf den Spektralbereich zwischen Rot und Grün anspricht, jenen Bereich mithin, den der Mensch normalerweise in Gelbtönen wahrnimmt (siehe Grafik).
Im Tierreich sind seit langem Wesen bekannt, deren Farbsinn den des Homo sapiens überflügelt: Bienen etwa nutzen vier verschiedene Zapfentypen, um Blüten präziser unterscheiden zu können, bei Schmetterlingen kommt sogar noch ein fünfter hinzu.
In den achtziger Jahren machte der Cambridger Psychologe John Mollon dann unter südamerikanischen Totenkopfäffchen eine verblüffende Beobachtung: Einige der Weibchen schienen Farben besonders gut unterscheiden zu können, was sie ihren Artgenossen überlegen machte. Sie konnten die Fruchtreife besser einschätzen und leichter saftige Leckerbissen im dichten Dschungellaubwerk ausmachen. Die Netzhaut dieser Mutanten ist mit drei Farbrezeptoren bestückt, während gewöhnliche Totenkopfäffchen mit nur zwei Zapfentypen auskommen müssen.
Könnte ein ähnliches Phänomen auch unter Menschen denkbar sein? Lange war darüber nichts bekannt. Erst in jüngster Zeit haben sich Forscher in Großbritannien und den USA auf die gezielte Suche nach Menschen gemacht, die auf vier Kanälen Farben sehen - keine einfache Aufgabe, denn Tetrachromaten sind außerordentlich rar. Vor allem aber lassen sie sich nicht leicht ausfindig machen: Wer sieht einem Menschen schon an, wie viele Farben er sieht?
Den angelsächsischen Wissenschaftlern war klar, dass sie sich bei ihrer Suche an das weibliche Geschlecht würden halten müssen, »dessen Auge«, wie schon Goethe zu wissen glaubte, »jedes Verhältnis der Farben so fein beurteilt«. Denn die Gene für den Rot- wie für den Grünzapfen liegen auf dem weiblichen X-Chromosom. Am besten, so jedenfalls sagt es die Genetik voraus, müssten die Chancen, Tetrachromaten zu finden, paradoxerweise bei Müttern rot-grün-blinder Söhne sein.
Tatsächlich hatte die an der britischen University of Newcastle lehrende Psychophysikerin Gabriele Jordan bald Glück bei der Fahndung: 14 Mütter rot-grün-blinder Söhne unterzog sie einer ganzen Reihe von Wahrnehmungstests. Und tatsächlich: Zwei von ihnen verhielten sich, wie es bei Tetrachromaten zu erwarten war.
Normalsichtige nehmen unterschiedliche Lichtgemische mitunter als ein und dieselbe Farbe wahr. Als Jordan jedoch ihre beiden Probandinnen anhielt, derartige Gemische zu vergleichen, zeigte sich, dass sie dank ihres zusätzlichen Farbkanals feine Unterschiede machten. »Was ich für farbidentisch halte«, berichtet Jordan, »ist für die so unterschiedlich wie Äpfel und Birnen.«
Niemand weiß bisher, wie es der komplexe Rechner im Kopf vollbringt, Aufgaben zu übernehmen, für die er gar nicht ausgelegt ist. Denn um Farben verfeinert wahrnehmen zu können, reicht ein zusätzlicher Rezeptor in der Netzhaut nicht aus; das Hirn muss seine Signale auch deuten, um neuartige Farbempfindungen komponieren zu können.
Der Neurobiologe Jay Neitz, der am Medical College of Wisconsin einen Gentest für Tetrachromasie entwickelt, sieht gerade hierin die größte Bedeutung von Studien über die seltene Anomalie: »Wenn wir eines Tages Farbenblindheit und andere neurologische Erbkrankheiten genetisch therapieren wollen, müssen wir herausfinden, unter welchen Umständen die Signale zusätzlicher Sinneszellen auch ins Bewusstsein dringen.«
Eine Frage allerdings wird wohl aller Forschung zum Trotz offen bleiben: Wie sehen die zusätzlichen Farben, die Tetrachromaten wahrnehmen, eigentlich aus? »Ich weiß nicht, ob wir uns das je werden vorstellen können«, sinniert die Farbforscherin Jordan. »Denn leider können wir unseren Testpersonen ja nicht in den Kopf gucken.« HUBERTUS BREUER