»Das ist Willkür« - DER SPIEGEL
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TIERSCHUTZ »Das ist Willkür«

Der Neurobiologe Andreas Kreiter, 45, über seine Experimente mit Makaken an der Universität Bremen und die Entscheidung des rot-grünen Senats, die Tierversuche am Institut für Hirnforschung zu stoppen
• aus DER SPIEGEL 48/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Für Ihre Versuche bohren Sie den Schädel der Affen auf, führen Elektroden ins Gehirn ein und fixieren die Tiere in einem sogenannten Primatenstuhl. Das klingt nach Tierquälerei.

Kreiter: Ist es aber nicht. Elektroden im Gehirn sind nicht schmerzhaft. Das sagt Ihnen jeder Neurologe. Bei vielen Operationen im Krankenhaus wird sogar am offenen Schädel operiert. Der Patient merkt nichts davon, ist völlig wach und kann sich unterhalten. Bei den Makaken wird einmalig eine wenige Millimeter große Öffnung im Schädel hergestellt. Durch diese werden haarfeine Elektroden eingeführt.

SPIEGEL: Sind Sie sicher, dass die Tiere nicht leiden?

Kreiter: Würden die Makaken leiden, würden sie sich den Versuchen verweigern. Die Tiere erbringen eine komplexe Dressurleistung. Das ist so ähnlich, als würde man einem Hund beibringen, gleichzeitig einen Ball zu balancieren und auf den Hinterbeinen zu stehen. Das funktioniert auch nicht, wenn man den Hund prügelt, sondern nur, wenn er sich wohl fühlt.

SPIEGEL: Der Bremer Senat hält die Versuche dennoch für unethisch.

Kreiter: Die Politiker haben sich vor der Bürgerschaftswahl 2007 darauf festgelegt, unsere Experimente zu beenden. Dabei ging es leider nicht um Ethik, sondern um das Erbeuten von Wählerstimmen. Die Beteiligten wissen, dass die Entscheidung sachlich nicht haltbar ist.

SPIEGEL: Warum nicht?

Kreiter: Ich habe in dem Antrag zur Genehmigung der Experimente erklärt, warum ich die Versuche für ethisch vertretbar halte. Wie vom Bundesverfassungsgericht gefordert, hätte die zuständige Behörde lediglich prüfen müssen, ob diese Erklärung plausibel ist. Stattdessen wurde der Antrag aufgrund politisch vorgegebener Ethik abgelehnt. Das ist Willkür.

SPIEGEL: Sie betreiben vor allem Grundlagenforschung. Welche Bedeutung haben Ihre Versuche?

Kreiter: Viele Leute glauben, dass solche Experimente nur die Neugier sadistisch veranlagter Forscher befriedigen. Jeder medizinische Fortschritt basiert jedoch auf Grundlagenforschung. Um Patienten mit neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen wirklich zu helfen, müssen wir wissen, wie das Gehirn funktioniert. Wir wollen zum Beispiel ein System entwickeln, dass es erlaubt, Hirnaktivität direkt am Gehirn zu messen und die Messwerte drahtlos nach außen zu senden. Bei Epilepsiepatienten könnte so beispielsweise die Hirnfunktion vor Operationen deutlich besser untersucht werden als bislang. Auch könnte es möglich werden, die Signale der für Bewegung verantwortlichen Hirnareale direkt abzunehmen, um damit beispielsweise komplexe Armprothesen zu steuern.

SPIEGEL: Ende dieser Woche müssen Sie Ihre Versuche nun wohl einstellen.

Kreiter: Ich hoffe auf eine einstweilige Anordnung, die es uns erlaubt weiterzuarbeiten. Solche Experimente kann man nicht einfach anhalten. Ähnlich wie Patienten im Krankenhaus müssen die Tiere weiter gepflegt werden. Das jedoch wäre uns ohne Versuchsgenehmigung nicht möglich. Die Makaken einschläfern zu müssen wäre eine Katastrophe.

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