Computer »Das Risiko wächst«
SPIEGEL: Herr Neumann, sollte das Kürzel PC zukünftig besser mit »Presumably Correct« übersetzt werden - »rechnet vermutlich richtig«?
Neumann: Schlimmer: »Vielleicht richtig« trifft es womöglich noch genauer. Es besteht immer die Möglichkeit, daß Fehler beim Prozessordesign oder bei der Chip-Fabrikation auftreten. Das ist aber kein neues Phänomen . . .
SPIEGEL: . . . sondern anscheinend fester Bestandteil der Computergeschichte, wie Sie in Ihrem Buch schreiben: Bei einem der ersten Computer, dem Harvard Mark I von 1944, blieb ein Verdrahtungsfehler in der Schaltkreislogik jahrelang unentdeckt.
Neumann: Ähnliche Fehler tauchten dann auch bei den ersten Taschenrechnern von Hewlett-Packard und Texas Instruments auf. Bei modernen Mikroprozessoren für PC und Workstations kommen sie ebenfalls noch in Serie vor. Der Prozessor 29 000 RISC von AMD brachte es sogar auf drei eingebaute Macken. Die neuen Chips enthalten noch mehr Logik und sind deshalb anfälliger für Designfehler oder Funktionsstörungen als ihre Vorgänger.
SPIEGEL: Welche Konsequenzen können derartige Logikfehler noch haben?
Neumann: 1980 zum Beispiel hat ein fehlerhafter Chip zweimal Fehlalarm beim Strategischen Luftkommando der USA in Omaha (US-Staat Nebraska) ausgelöst - der Computer meldete anfliegende sowjetische Interkontinentalraketen. Der Konstruktionsfehler eines anderen Standardprozessors wurde für Pannen im Video-Überwachungssystem der Internationalen Atomaufsichtsbehörde IAEO in Kernkraftwerken sowie für Fehlfunktionen eines militärischen Computersystems in Kanada und von Fahrtenschreibern in Lastkraftwagen verantwortlich gemacht. Manchmal fallen die Folgen auch nicht sofort ins Auge, etwa, wenn der Prozessor in Präzisionsmaschinen oder bei statischen Berechnungen im Brückenbau eingesetzt wird.
SPIEGEL: Wo liegen die Ursachen für derartige Pannen?
Neumann: Umwelteinflüsse bei der Produktion, menschliche Unachtsamkeit, mutwillige Manipulation - es gibt jede Menge möglicher Gründe.
SPIEGEL: Massengefertigte PC-Prozessoren steuern inzwischen Telekommunikationsgeräte, Werkzeugmaschinen oder Sicherheits- und Alarmanlagen. Bedeutet das ein erhöhtes Gefahrenpotential?
Neumann: Ja, das Risiko wächst. Wir haben bereits 1984 öffentlich gewarnt, daß die »Zuverlässigkeit von rechnergestützten Systemen nicht als gesichert betrachtet werden kann«. Das gilt heute mehr denn je: Die Systeme sind unvergleichlich komplexer, die Fehlermöglichkeiten signifikant größer geworden. Nicht zu vergessen die Probleme, die sich daraus ergeben, daß der Datenschutz und die Datensicherheit bei PC-Systemen bislang total vernachlässigt worden sind.
SPIEGEL: 1990 haben Sie begonnen, den »Computerfehler des Jahres« zu küren. Eine Programmpanne legte damals einen Teil des US-Telefonnetzes lahm. Welche Fälle aus dem vergangenen Jahr kommen diesmal für den Titel in Frage?
Neumann: Der irrtümliche Abschuß der eigenen Blackhawk-Hubschrauber über dem Nordirak im April 1994 durch die US-Luftwaffe ist der eine Kandidat, der Intel-Fall mit dem »Pentium«-Fehler ist der andere. Intel hätte in den sauren Apfel beißen und das Problem besser sofort offen eingestehen sollen. Es war wirklich keine gute Idee, die Kunden hinzuhalten.
SPIEGEL: Bei jedem neuen PC-Prozessor geben die Chip-Hersteller Millionen aus, um Fehler wie die Pentium-Macke von vornherein auszuschließen - sie werden trotzdem nicht rechtzeitig entdeckt. Gibt es denn keine zuverlässigen Testmethoden?
Neumann: Solche Methoden können die Fehlerwahrscheinlichkeit reduzieren, aber nicht ausschließen. Komplexe Systeme funktionieren gewöhnlich im Fehlermodus - und ein ausfallsicheres System versagt, indem es versäumt, auf sichere Weise auszufallen. Y