Archäologie Dellen im Dach
Vor rund 4400 Jahren errichteten auf dem Burgberg von Troja Maurer und Zimmerleute einen Prunkbau. Als Königshaus, Kultstätte und Kornspeicher sollte das Gebäude dienen. Der Grundriß erstreckte sich auf nahezu 1000 Quadratmetern.
Zwischen den Handwerkern liefen Architekten und Astronomen umher, die mit Spezialwerkzeugen Maße und Ausrichtung der Mauern kontrollierten: 36 Meter - eine magische Zahl im Sexagesimalsystem - war der Palast lang. Exakt 36 Grad weicht die Gebäudeachse von der Nordrichtung nach Westen ab.
Schon bald nach dem Richtfest war es mit der Herrlichkeit vorbei. Das »Megaron« stand in Flammen - wahrscheinlich Brandstiftung. Als Heinrich Schliemann 1872 die Grundmauern freilegte, stieß er auf »ungeheure Massen an verbrannten Holzbalken« und auf Dolchklingen, die sich in der Gluthitze aufgerollt hatten.
Wie hatte das Megaron ausgesehen? Mit einer Dicke von 1,50 Meter wirken die erhaltenen Fundamente fast zyklopisch. Die Mauern waren aus einem speziellen Fachwerk mit Längs- und Querstützen gefügt. Mit diesem Holzgerüst lassen sich sehr hohe und tragfähige Häuser errichten.
Bislang hatte das Megaron in der Gelehrtenzunft als plumper Niedrigbau gegolten. Kaum fünf Meter sei der Tempel hoch gewesen, ein Primitivschuppen mit »Teppichen vor den Türeingängen«, mutmaßte Ende des 19. Jahrhunderts der Troja-Ausgräber Wilhelm Dörpfeld. Andere Rekonstrukteure malten in ihren Plänen »Unterstände für Schafe« ein.
Dieser Ansicht ist der Architekt und ehemalige Stadtdirektor von Nürnberg, Diether Kohler, nun entgegengetreten. Seinem Plan zufolge ragte das Gebäude 24 Meter hoch in den Himmel - ein »eleganter« Tempel-Wolkenkratzer von »majestätischer Würde«, wie der Experte meint (siehe Grafik).
Um den Kultbau in der dritten Dimension zu rekonstruieren, geht Kohler davon aus, daß das Megaron mit Hilfe einer Modultechnik entworfen wurde. Bei dieser Methode stehen die vertikalen und horizontalen Bauteile in einem festen Maßverhältnis zueinander.
Das Prinzip, das harmonische Proportionen schafft und den Architekten zu planerischer Disziplin zwingt, ist nachweislich bei zahlreichen Bauten der Antike verwendet worden. Der Parthenon von Athen etwa folgt einem wiederkehrenden Modul mit dem Verhältnis 4 zu 9. Alle möglichen Gebäudeabmessungen vom Grundriß bis zum Fries sind nach diesen Maßen proportioniert.
Auch die trojanischen Tempelarchitekten orientierten sich an Zahlenmystik und festgelegten Maßbeziehungen. Die erhaltenen Lehmziegel des Megaron sind alle 45 Zentimeter breit und 67,5 Zentimeter lang, was dem Verhältnis 2 zu 3 entspricht.
Auf Basis dieses Moduls hat Kohler das rätselhafte Gebäude fiktiv in die Höhe gezogen. Er fertigte zwei Holzmodelle an, die derzeit im Grabungscamp von Manfred Korfmann, dem Chefausgräber von Troja, stehen.
Plausibel wirkt die Modul-Hypothese, weil sie bei strenger Anwendung zu einem eleganten Gesamtentwurf führt. Mehrere Archäologen haben Kohlers hölzerne Modelle staunend begutachtet. Ein »fruchtbarer Denkansatz«, sagt der Antikenspezialist und Bauforscher Friedmund Hueber von der Universität Wien, »die Beweisführung ist schlüssig«.
Auch bei der Dachkonstruktion hat Kohler frappante Lösungen anzubieten. Bislang glaubten die Archäologen, der Tempel sei mit einem Flachdach überspannt gewesen, auf welches Erde geschüttet war. Solch eine Schlammkrone, aufs Megaron gewuchtet, würde 350 Tonnen gewogen haben. Bei Sommergewittern hätte sich die Last durch aufgesogene Nässe »ins Ungeheure gesteigert« (Kohler).
Ein weiterer Einwand: Der Kultraum des Megaron, die Cella, ist zehn Meter breit; Reste von Stützsäulen aber wurden nicht gefunden. Das Mammutdach hätte demnach frei über dem Kopf der Gottesdiener geschwebt. Kohler: »Wer unter solchen Bedingungen ein flaches Erddach baut, muß verrückt sein.«
Aber wie sah dann der Giebel aus? Bei seinen Recherchen stieß Kohler auf ein rund 3000 Jahre altes Vasenrelief. Die Tonware zeigt ein Haus aus der Hethiter-Hauptstadt Hattusa. Dort ist das Dach merkwürdig gewellt.
Solche rätselhaften Erhebungen finden sich auch auf mesopotamischen und ägyptischen Städtedarstellungen. Die Archäologen deuteten die ominösen Wellen bislang als Wehr- und Verteidigungszinnen.
Der Praktiker aus Nürnberg hält diese Erklärung für Nonsens. Er deutet die Dellen als schlichte Regenrinnen: »Das sind Ablaufkanäle, in denen sich das Wasser sammelte und wie bei einem Carport schräg nach hinten abfloß.«
Über den Fassadenschmuck des Megaron vermag auch der bayerische Modulforscher nichts zu sagen. Vielleicht war die Fassade mit Platten aus Gold oder Elektron verkleidet. Heinrich Schliemann stieß im Ruinenschutt auf unzählige große Bronzenägel mit Zierköpfen. Sie könnten die glitzernden Schuppenpanzer gehalten haben.
Solch phantastische Prunksucht wäre den Trojanern zuzutrauen. Vor 4400 Jahren schwamm die Dardanellen-Metropole offensichtlich im Geld. Auch der sagenhafte »Schatz des Priamos« stammt aus dieser Zeit. Schliemann fand das Geschmeide, wie es heißt, unweit vom Megaron in einem Mauerversteck.
Was der Grund für das Versteckspiel gewesen sein könnte, ist ungewiß: eine überhastete Aktion? Waren Marodeure im Anmarsch? Klar ist nur eines: Kurz nachdem die Klunker verborgen wurden, stand das Megaron in Flammen.
[Grafiktext]
Das Megaron von Troja
[GrafiktextEnde]