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VULKANISMUS Der Berg brennt

Nach nur einem Jahr Ruhe spuckte der Ätna schon wieder glühende Lava. Jüngste Untersuchungen von Vulkanologen offenbaren einen Trend zu heftigeren Eruptionen. Verwandelt sich der »gute Berg« der Sizilianer in einen bösen Feuerspeier?
• aus DER SPIEGEL 45/2002
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Überheblichkeit bestraft »Mongibello«, der »Berg der Berge«, sofort. Gerade erst hatte Catanias Polizeichef Alberto Di Pace nach einem Helikopterkontrollflug mit führenden Vulkanologen Italiens Entwarnung gegeben. Die Lage stabilisiere sich, der Lavafluss verliere an Tempo, jubelte Di Pace vorigen Dienstagmorgen gegen zehn. Da bebte die Erde.

Um 11.02 Uhr erschütterte ein gewaltiger Erdstoß die Hänge des Ätna. Zwölf Sekunden lang war die Welt aus den Fugen: Straßen rissen auf, Hausdächer stürzten ein, Marmorbalkons begruben parkende Autos. In der Kirche der »Madonna del Carmelo« zerbröselten die

Mauern ebenso wie in der Carabinieri-Kaserne.

In Santa Venerina, nahe dem Zentrum des seismischen Horror-Spektakels, verloren über 1000 der rund 7700 Einwohner ihr Zuhause. Menschen rannten in Panik durch die Straßen. Dann ging wie schon in den Tagen zuvor ein dunkler Ascheregen über der Südflanke des Vulkans nieder.

Niemand wurde ernsthaft verletzt. Und doch fällt es den Bewohnern der Dörfer und Städte um den Ätna diesmal nicht so leicht, die Angst abzuschütteln. Nur ein Jahr nach seinem letzten Ausbruch öffnete der mit über 3300 Metern höchste Vulkan im Mittelmeerraum vorletzten Sonntag wieder seine Flanken und würgte 1100 Grad heiße Lava aus seinen Schlünden. Ganz gegen seine Gewohnheit schickte der Berg in der vergangenen Woche Lavaströme, Geröll-Lawinen und Ascheregen gleich an zwei Fronten - im Norden und im Süden - die Hänge hinab.

»Die Eruption verläuft diesmal ungewöhnlich schnell«, kommentierte Chef-Vulkanologe Enzo Boschi vom Institut für Geophysik und Vulkanologie in Rom das überraschend heftige Glutspektakel. Und Luisa Ottolini, Geowissenschaftlerin der Universität Pavia, übte sich gleich in Schwarzmalerei: »Der Vulkan verändert sich - seine Ausbrüche werden immer gewalttätiger.«

Fruchtbare Lava wirft der Ätna den Sizilianern regelmäßig auf die Felder. Seine Feuerfontänen locken jährlich Hunderttausende von Touristen an. Sollte sich der von den Einheimischen folgerichtig »Monte buono« - »guter Berg« - genannte Segensspender nun zum Pulverfass wandeln?

Gerade weil er ständig aktiv ist, galt der Ätna Fachleuten bislang eigentlich als braver Vulkan. Im Schnitt 18-mal pro Jahrhundert speit der Berg monatelang Feuer aus seinen Seitenhängen. Dazwischen fließt die Lava mehr oder weniger kontinuierlich aus den Gipfelkratern.

Der Grund liegt in der Zusammensetzung seines Magmas: Die Schmelze ist relativ dünnflüssig. In ihr enthaltenes Gas kann schnell entweichen. Verstopfungen seiner Schlünde und explosive Ausbrüche sind am Ätna daher selten.

Die meisten Forscher vermuten, dass sich der Vulkan über einem so genannten Hot Spot aufbaut: einer heißen Stelle im Erdmantel. Ströme aus erhitztem Gestein steigen dort aus der Tiefe auf und bohren sich wie ein Schweißbrenner durch die Erdkruste. Oben angekommen, ergießt sich das Magma in zwar spektakulären, doch zumeist harmlosen Lavaströmen.

Spätestens seit dem vorigen Jahr jedoch betrachten die Sizilianer ihren Berg mit neuen Augen. Ungewöhnlich heftig war schon damals der Ausbruch. Fünf Spalten öffneten sich im Juli 2001 innerhalb weniger Tage an der Südflanke des Ätna. Die Lavaströme zerstörten Pinienhaine, Skiliftmasten und Teile der Touristenstation »La Sapienza« auf 1950 Meter Höhe. Nur vier Kilometer vor der Ortschaft Nicolosi kam die Glut Anfang August schließlich zum Stillstand.

Als die Forscher das aus der Flanke ausgetretene Gestein untersuchten, fanden sie Absonderliches. Zähflüssiger und von anderer chemischer Zusammensetzung war die Lava als jene, die normalerweise aus den Gipfelkratern des Berges fließt. Ähnliches Gestein war zuletzt vor etwa 15 000 Jahren in größeren Mengen ausgetreten, als sich eine Serie katastrophaler explosiver Ausbrüche ereignete, die einen der Vorgängervulkane des Ätna zum Einsturz brachten.

Vulkan-Experten um die Italienerin Luisa Ottolini unterfütterten das neue Katastrophenszenario nur wenige Wochen später im Wissenschaftsmagazin »Nature« mit neuen Fakten: Lavaproben aus den letzten 100 000 Jahren offenbarten den Forschern, dass das Ätna-Magma tatsächlich immer zäher und damit explosiver wird.

Nach einer möglichen Quelle der gefährlichen Schmelze mussten die Forscher nicht lange fahnden. Nördlich von Sizilien im Tyrrhenischen Meer liegen die Äolischen Inseln, eine Kette so genannter Inselbogen-Vulkane. Sie entstanden, weil im sizilianischen Untergrund die Afrikanische Erdplatte unter die Eurasische abtaucht und dabei schmilzt (siehe Grafik). Für gefährlich und unberechenbar halten Forscher diesen Vulkan-Typ, zu dem beispielsweise der Stromboli und der Vulcano gehören. Einem Sektkorken gleich kann die zähe Lava die Schlünde der Berge verstopfen. Wird der Druck aus der Tiefe zu groß, entlädt sich das Höllenfeuer explosionsartig.

Auch der Ätna, glaubt Ottolini, speise sich mehr und mehr aus dieser geologischen Knautschzone, die sich fortwährend nach Süden verschiebe. Die Metamorphose von einem netten Dr.-Jekyll-Vulkan zu einem bösen Mr.-Hyde-Vulkan sei schon weit vorangeschritten: Der Ätna präsentiere sich jetzt mit einem Mix alter, ruhiger und friedlicher Verhaltensweisen - und seiner künftigen aggressiven Art. Zunehmend werde er »explosiver und gefährlicher«.

Andere Forscher halten die Schlüsse der Italienerin für vorschnell. »Es ist unwahrscheinlich, dass sich der Ätna drastisch verändert - vor allem nicht in so kurzer Zeit«, sagt etwa Hans-Ulrich Schmincke, Vulkanologe des Geomar-Forschungszentrums in Kiel. Zwar sei der Berg derzeit tatsächlich in eine explosivere Phase eingetreten. Forscher registrieren in den letzten 50 Jahren mehr Aktivität als in den 300 Jahren zuvor. Dabei könne es sich jedoch auch nur um ein kurzfristiges Phänomen handeln, gibt Schmincke zu bedenken.

Die veränderte Lavazusammensetzung etwa führt Schmincke auf einfache geologische Vorgänge zurück. Das aus der Tiefe aufsteigende Gestein sammele sich häufig über Jahrhunderte in unterirdischen Reservoiren, bevor es an die Oberfläche trete. Schon bei dieser Zwischenlagerung könne sich die Chemie der Schmelze über die Zeit verändern, erläutert Schmincke: »Die tektonische Lage des Ätna ist sehr komplex - langfristige Trends lassen sich sehr schwer voraussagen.«

Die Bewohner von Nicolosi, Belpasso und Catania können also noch hoffen, dass ihr guter Berg zumindest nicht dauerhaft zum bösen Feuerspeier wird. Zwar schossen in der vergangenen Woche aus Dutzenden von Rissen und Löchern glühende Gesteinsmassen in die Höhe. Gleich ein paar hundert Erdstöße bis zur Stärke 4,4 auf der Richter-Skala registrierten die Seismografen der Geophysiker. »Besonders heftig« seien die Beben jedoch gar nicht gewesen, beruhigte Enzo Boschi Mitte der Woche eine Bevölkerung unter kollektivem Schock. Auch nehme der Nachschub der Lavaströme langsam ab, versicherte der Vulkan-Profi.

Ende der Woche war es dann so weit: Vor dem Örtchen Linguaglossa erlahmte der Lavastrom. »Der Ätna ruht sich aus«, sagen die Sizilianer nun wieder - und warten. Denn eines zumindest ist Gewissheit für die Menschen an den Hängen des brennenden Berges: Der nächste Ausbruch kommt bestimmt. PHILIP BETHGE,

HANS-JÜRGEN SCHLAMP

* Vom 28. Oktober.

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