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SVEN HEDIN Der Große

• aus DER SPIEGEL 49/1952
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kurz vor Sven Hedins unerwartetem Tod ("Ich muß 100 Jahre alt werden, weil ich beim besten Willen noch nicht fertig bin mit meiner Arbeit") sagte ein Mann des Stockholmer Kulturlebens vertraulich: »Es wird Zeit, daß wir vorbauen. Sonst geht es uns auch noch so wie den Norskes.«

Was die Schweden vermeiden wollten, war die Schlüpfrigkeit einer delikaten Situation, wie sie beim Tode des »großen Sohnes Norwegens«, des Nobelpreisträgers Knut Hamsun, im Februar dieses Jahres entstand. An seinem Todestag bereuten viele Norweger manche Maßnahme gegen den allezeit deutschfreundlichen Dichter, die im Rausch der Vergeltung zu scharf bemessen war. Im Moment seines Todes wurde Knut Hamsun wieder »der große Abendländer«.

Eine ähnliche Situation hatten die Stockholmer Honoratioren und Wahrer altköniglicher Tradition, die sich über ihre offizielle Haltung Sven Hedin gegenüber rechtzeitig klarwerden wollten, schon einmal mit umgekehrten Vorzeichen auskosten müssen.

Das war im Herbst 1946 nach dem Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Prozeß. Unter den zum Tode Verurteilten war Hermann Wilhelm Göring, der als schwedischer Seraphiner-Ritter und Inhaber des »Blauen Bandes«, der höchsten Auszeichnung Schwedens, sozusagen den Schutz des schwedischen Staates in allen Lebenslagen hätte genießen sollen.

Laut Zeremoniell haben beim Tode eines Seraphiner-Ritters die Stockholmer Glokken eine volle Stunde lang zu läuten, und im Nationalheiligtum, der Riddarholmskirche, muß ein Requiem abgehalten werden. Fortan hängt dann eine metallene Ehrenplatte mit allen Daten des verstorbenen Seraphiners inmitten der zerzausten Feldzeichen von Poltawa, Fehrbellin und Lützen.

Der Seraphiner Hermann Wilhelm Göring aber lag zur Stunde solcher vorgeschriebenen Ehren mit einem kunstvoll zusammengerollten Strick um den Hals als symbolisch Gehenkter im Blitzlicht der Photographen. Er hatte Gift genommen.

Im letzten Moment zogen sich die Schweden durch einen Trick aus der Affäre: Sie nahmen seinen Tod nicht zur Kenntnis. Eine Ordensklausel soll besagen, daß die Feierlichkeiten einsetzen, sobald der Tod des Ritters offiziell gemeldet wird. Das aber heißt bei ausländischen Seraphinern: auf diplomatischem Wege. Da Deutschland damals keine Diplomaten hatte, ist Hermann Wilhelm Göring, von Beruf Reichsmarschall, seraphinisch in Schweden eigentlich heute noch am Leben.

Wäre Sven Hedin nun drei Jahre früher gestorben, hätte es eine nicht minder verzwickte Situation gegeben. Denn der große Asienfahrer war wegen seiner durch zwei Weltkriege und einen »Führer« unerschütterten prodeutschen Haltung mehr oder weniger stillschweigend in die Acht erklärt worden. (Trotzdem trat ihm keine schwedische Zeitung ernsthaft zu nahe, das Wort »Kriegsverbrecher Hedin« wurde vornehmlich in alliierten Gazetten und Polemiken geprägt.)

In den letzten zwei Jahren bahnte sich jedoch in Schweden ein Wandel in der Einstellung zu Hedin an. Der schwedischen Öffentlichkeit war sein Boykott in mehr als einer Hinsicht etwas peinlich gewesen.

Und als der letzte große Entdecker am Morgen des 26. November im Alter von 87 Jahren überraschend an einer Infektionskrankheit starb, war schließlich sogar der schwedische König unter den ersten, die ihr Beileid aussprachen.

Unzählige Trauergäste aus beinahe allen Teilen der Erde defilierten noch einmal an der Bahre des Mannes vorbei, der die Quellen von Brahmaputra, Satledsch und Indus, den Transhimalaja (Hedin-Gebirge) und den Tarimlauf entdeckte, der Zehntausende von Quadratkilometern unbekannten Landes erforschte und das Rätsel des wandernden Sees Lop-Nor löste.

Schon jetzt scheint sich das Attribut »der Große« für den Nicht-Professor und Nicht-Nobelpreisträger herauszuschälen. (Dr. Hedin hatte das Pech, selbst Mitglied des Achtzehnerrates der Nobelpreis-verteilenden Akademie der Wissenschaften in Stockholm zu sein; das schloß ihn automatisch von der Verleihung aus.)

Der Stolz auf den letzten Entdecker von Weltrang hat Ressentiment oder Gleichgültigkeit besiegt. An der Totenbahre wurde gewissermaßen Versöhnung gefeiert - mit ganzseitigen Nekrologen in der schwedischen Presse, wie zum Beispiel in »Svenska Dagbladet":

»Sein Dahinscheiden bringt dem toten Sven Hedin endlich die Huldigung und Anerkennung ein, die dem Lebenden niemals (?) gezollt wurde. Seine Belastung bestand einzig und allein darin, daß er in Deutschland zu populär war und selber eine zu große Bewunderung an den Tag legte. Im Tode braucht Dr. Hedin keine Ehrenrettung mehr!«

Englische und französische Blätter sticheln hingegen hier und dort, als hätten sie dem Ehrenvorsitzenden der Londoner Royal Geographical Society, dem Inhaber der britischen Goldmedaille für Geographie und dem Kommandeur des Ordens vom Kaiserreich Indien seine »Anbetung« in Richtung Kaiser Wilhelm und später in Richtung Adolf Hitler noch nicht vergessen. Sie sticheln, als erinnerten sie sich noch der ersten Frontreisen des Schweden (1914) und der Plauderstündchen im wilhelminischen

Hauptquartier Nowo Georgijewsk, der Bücher wie »Volk in Waffen« oder »Nach Osten!«, die damals ein Maschinengewehrfeuer von Presseangriffen gegen den Oxforder und Cambridger Ehrendoktor auslösten.

Die Presse der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik kann sich über die westlichen Sticheleien diesmal freuen. Autor Hedin steht seit Weihnachten 1951 auf Gerhard Eislers »friedensschützendem« Index.

Die konkreten Vorwürfe gegen den Gelehrten ergeben immerhin folgendes »Sündenregister":

* Geleitwort zu der Rasseschrift »Weißes Europa«, die laut US-Presse verbrecherische Tendenzen predigte.

* Keine Distanzierung von Hitler, auch nicht nach Verbot eines Hedin-Buches gegen unvorsichtige Juden- und Kirchenpolitik im Dritten Reich (1937).

* Mehrfache Flüge zur Reichskanzlei, teils ohne Verständigung des schwedischen Außenamtes. ("Fruchtbar waren die Vermittlerrollen sogar manchmal, aber man darf doch nicht als Privatperson ...")

* Die NSFO-Tornisterschrift »Amerika im Kampf der Kontinente«. Obwohl darin ohne Schuld des Verfassers einige Formulierungen vom Promi überdreht wurden, nahm Hedin die Grundtendenz - »Dieser Krieg (1939/45) ist der Krieg Roosevelts« - nie zurück.

In den ersten Besatzungsjahren verbot die US-Militärregierung in Deutschland deswegen auch jede Sven-Hedin-Auflage, gleich welcher Natur. Stammverlag Eberhard Brockhaus, Wiesbaden: »Es war nicht ganz einfach, seine Bücher wieder auf den Markt zu bringen. Das lag nicht etwa am deutschen Leser. Seit der deutsche Verleger wieder frei ist, zu veröffentlichen, was ihm gut scheint, kommen auch die Bücher unseres alten Freundes allmählich, eins nach dem anderen, wieder heraus"*).

Aber vor zwei Jahren, am 85. Geburtstag des Gelehrten fanden zahlreiche Stockholmer Stellen es noch einfach »shokking«, daß ein deutscher Journalist eine Bandaufnahme gewagt hatte, in der Grußbotschaften »vom deutschen Volk an Dr. Hedin« und von dem Forscher wiederum an Deutschland ausgerichtet wurden.

Und doch hatte schon zu diesem Zeitpunkt Kung Gustaf V. ganz sacht wieder vorgefühlt und gratuliert. Schon damals wurde Sven Hedin auf Grund seiner Deutschfreundlichkeit nicht mehr offen angegriffen. Er selbst erkannte: »Ganz langsam steigen sogar deshalb die Sympathien für mich, weil sich meine immer verfochtene These durchsetzt, daß Europa ohne ein starkes Deutschland im luftleeren Raum hängen bleibt.«

Auf die Frage eines Journalisten, ob er jemals den Härten direkter Boykott- oder Vermögens-Sperrmaßnahmen ausgesetzt gewesen sei, lächelte er: »Keineswegs. Es wurde nur sehr still um mich. Hin und wieder trudelte auch ein Drohbrief von irgendwelchen Extremisten ein, aber daran hatte man sich im Laufe eines langen Lebens ausgiebig gewöhnt.«

Sven Hedins letzte Ansichten über die Weltlage und die politische Situation Deutschlands werden ihrerseits die Diskussionen um ihn nicht allzu rasch verstummen lassen. So vertrat er die Auffassung, daß die vorübergehende, bittere

*) Bisher: »Große Männer, denen ich begegnete« Bd. 1 (1951), Bd. 2 (1952), »Transhimalaja«, gekürzte Neuauflage (1951), »Durch Asiens Wüsten« (1952), »Abenteuer in Tibet« (1952). Im Frühjahr kommt das volkstümliche Buch »Meine Hunde« heraus. Auch ist die Neuauflage der Jugend-Trilogie »Von Pol zu Pol« geplant, die verschiedentlich modernisiert werden muß. Zweiteilung »des deutschen Reiches« einen idealen Zustand darstelle. Durch das fortwährende Gegeneinander-ausgespielt-Werden der beiden Hälften würde jede Hälfte mit Vorrang remontiert und (rüstungs-) produktionsfähig gemacht. Daraus ergebe sich, daß bei der Wiedervereinigung Deutschland sofort »eine sehr maßgebliche Geige im Europa-Konzert spielen kann«.

Das Ende des Bolschewismus aber, meinte Sven Hedin, werde durch zwei Faktoren herbeigeführt werden: durch den unausrottbaren europäischen Individualismus und durch die zu große Macht Maos, des Mannes, der am gefährlichsten für Stalin sei. Hier habe Stalin - wenn er, Hedin, sich nicht allzusehr in der Mentalität Chinas täusche - eine Dummheit gemacht. ("Der Punkt, den alle Machthaber nach psychologischem Gesetz erreichen: Leichtsinn.")

Von dem Tod des Forschers ist auch der US-Generalstab betroffen. Denn still und unbemerkt war die Arbeit Dr. Hedins in den letzten beiden Jahren in den Brennpunkt strategisch - wirtschaftlicher Interessen gerückt. Die Auswertungen seiner Forschungen in Zentral-Asien, also von Zonen, die heute hinter dem fernöstlichen eisernen Vorhang liegen, haben für die US-Generalstäbler einzigartigen Wert.

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