BOMBENABWURF Der Pilot wird ohnmächtig
Seit dem Abwurf der ersten Atombombe auf die japanische Hafenstadt Hiroshima galt es als ausgemacht, daß Atomsprengkörper nur aus hochfliegenden Flugzeugen abgeworfen werden können. Nur so, glaubte man, kann die Maschine rechtzeitig die Gefahrenzone verlassen, ehe die an einem Bremsfallschirm verhältnismäßig langsam fallende Bombe einige hundert Meter über dem Ziel explodiert.
Aber der Bombenabwurf aus großer Höhe barg schwerwiegende Nachteile: Die Zielgenauigkeit war notwendigerweise begrenzt, die hochfliegenden Atombombenträger konnten frühzeitig von Radargeräten erfaßt und noch vor Erreichen des Ziels durch Jäger und ferngelenkte Geschosse bekämpft werden. Seit Jahren versuchten deshalb die Ingenieure und Flugzeugführer der amerikanischen Luftwaffe, eine neue Technik für den Abwurf von Atombomben aus niedriger Höhe zu entwickeln. Ein in Heckenspringerhöhe dahinrasendes Flugzeug kann die Radargeräte gewissermaßen unterfliegen und so eine wirksame Abwehr vereiteln.
Lange Zeit schien das Problem unlösbar. Eine in nur hundert oder zweihundert Meter Höhe fliegende Maschine, so dachte man, würde unweigerlich vom Feuerball der eigenen Bombe zerstört, ehe sie aus der Explosionszone entweichen könnte. Im vergangenen Monat aber zeigten amerikanische Düsenjäger bei einer Schauvorführung im Wüstenstaat Nevada, daß die Luftwaffe das Problem dennoch gelöst hat.
In Baumhöhe raste ein Düsen-Jagdbomber heran, und kaum, daß die ersten Schallwellen aus dem heulenden Triebwerk die Ohren des Publikums erreicht hatten, wurden die Zuschauer Zeugen eines imposanten Kunststücks. Unvermittelt zog der Jabo hoch, und als der glitzernde Flugzeugrumpf fast senkrecht in der Luft lag, löste sich von ihm eine Bomben-Attrappe und orgelte gen Himmel. Ungläubig staunend beobachteten auf den Zuschauertribünen erfahrene Flugzeugführer, wie die Jabo-Piloten die befohlenen Flugfiguren ausführten, die Bomben wie Mörsergeschosse in die Luft katapultierten und davonrasten. Sie wußten, daß die Flugzeugführer der Jagdbomber Manöver ausführten, die kein Mensch im Vollbesitz seiner Sinne bewältigen kann. Die ungeheueren Beschleunigungen, die beim schnellen Durchfliegen enger Kurven entstehen, mußten die Flugzeugführer mit unvorstellbarer Kraft auf ihre Sitze drücken und sie in Ohnmacht versenken. Tatsächlich erlebte keiner der Männer in den Düsen-Jabos den Bomben-Abwurf bei vollem Bewußtsein. Als die Piloten zu Beginn der Flugkurve in Ohnmacht fielen, hatte der in das Flugzeug eingebaute Elektronenroboter »Labs« schon längst die Steuerung der Maschine übernommen. Er hatte die Flugbahn der Bombe berechnet, den Auslösungszeitpunkt bestimmt und betätigte schließlich automatisch die Abwurfvorrichtung.
Zwei verschiedene Abwurftechniken demonstrierten die Düsen-Jabos in Nevada. Beim »Immelmann«-Verfahren fliegt der A-Bombenträger als »Heckenspringer« an und zieht vor dem Ziel steil in die Höhe (siehe Zeichnung). Wenn die A-Bombe ausgelöst wird, bekommt sie die Geschwindigkeit des hochziehenden Flugzeuges mit und steigt nun wie ein Geschoß im freien »Fall« gen Himmel. Da das Geschoß nahe dem Scheitel der Flugkurve nur langsam steigt und nach dem Überschreiten der Gipfelhöhe zunächst nur langsam fällt, hat der A-Bombenträger genügend Zeit, um zu entkommen.
Nach Abwurf der Bombe zieht er weiter zurück und dreht sich dabei in die Bauchlage: Er vollführt einen »Immelmann«, die nach dem deutschen Jagdflieger des ersten Weltkrieges benannte Flugfigur. Wenn der Pilot aus seiner Bewußtlosigkeit erwacht befindet er sich bereits auf dem Heimflug und kann nun den Elektronenroboter »Labs« wieder ablösen.
Die »Immelmann«-Technik ist aber nut anwendbar, wenn der Pilot auf der Anflugstrecke kurz vor dem Ziel eine Orientierungsmarke vorfindet, nach der er sich richten kann. Wenn hingegen das Ziel aus der unter ihm vorbeihuschenden Landschaft unvermittelt auftaucht kann er die »Looping-Technik« anwenden (siehe Zeichnung). Er schaltet dann beim Überfliegen des Zieles den Elektronenroboter ein, der die Bombe auslöst.
Wenn die A-Bombe ein möglichst großes Gebiet zerstören soll, muß sie hoch übei dem Erdboden detonieren. Die Stoßwelle der Bombe schlägt dann wie ein Riesenhammer auf das Zielgebiet. Bei Bomben von Hiroshima-Stärke liegt die wirksamste Detonationshöhe bei etwa 600 Metern. Der A-Bombenträger hat so etwa eine halbe bis eine Minute Zeit, um dem Feuerball der Bombe zu entfliehen.
Genausoviel Zeit haben die Menschen im Zielgebiet. »Wenn die Teilnehmer eines zukünftigen Atomkrieges einen Düsenjäger steil nach oben ziehen sehen«, erläuterte ein US-Luftwaffenoffizier in Nevada, »dann heißt es: Volle Deckung.«