»Der Satellit wird zum Schweizer Käse«
Nun geht's wieder los. Die militärische Wissenschaft ist wieder rücksichtslos am Werke, und die langjährigen Konsequenzen kann der Teufel holen. Mit den Killer-Satelliten sollen Sprengsätze in der Nähe feindlicher Satelliten und Raumschiffe im Weltraum gezündet werden, wobei die Splitter das Ziel zerfetzen sollen.
Ein solcher Splittersprengsatz im Weltall wird in seinen langjährigen Konsequenzen von allen jenen nicht durchschaut, denen die Gesetze der Himmelsmechanik nicht vertraut sind. Auf der Erde und in der Luft sind die Splitter einer Granate oder einer Bombe nach wenigen Sekunden verschwunden. Im luftleeren All jedoch bleiben sie uns -- abhängig von der Höhe über den Grenzen der Atmosphäre -- noch für Jahre und Jahrzehnte erhalten.
Als schon vor mehr als 20 Jahren die Rede davon war, Satelliten mit Atombomben zu bewaffnen, habe ich mir ein probates Rezept dagegen überlegt: Man bringe einen Satelliten genau auf Gegenkurs in eine Bahn um die Erde; als Ladung benutze man eine Tonne von Schrauben, Muttern und Bolzen. Diese braucht man dann noch nicht einmal mit einem Sprengsatz abzuschießen, sondern man kann sie mit einer Kohlenschaufel in den Raum schütten.
Damit hat man einen Millionenschwarm von künstlichen Meteoriten geschaffen, welche als winzige Satelliten ähnlich wie ein Saturnring die Erde auf Gegenkurs zu dem feindlichen Satelliten umkreisen.
Etwa alle 45 Minuten saust der gegnerische Satellit auf seiner Bahn durch diesen Schwarm. Da der gegnerische Satellit und der künstliche Meteoritenschwarm jeweils eine Geschwindigkeit von 8 km/sec haben, treffen die »Splitter« den Satelliten mit einer Geschwindigkeit von fast 60 000 km/h. Das übertrifft die Geschwindigkeit von panzerbrechenden Geschossen um das Vielfache, und der gegnerische Satellit sieht nach ein paar Stunden aus wie ein Schweizer Käse.
Als ich diese teuflische Idee äußerte, habe ich das allerdings nur getan, um dringend vor solchen irrsinnigen Möglichkeiten der Weltraumfahrt zu warnen. So etwas brauchen wir nur ein paarmal zu machen, um dann die Hauptstraße des Weltraumverkehrs in der unmittelbaren Nähe unseres Planeten für lange Zeit zu verseuchen. Der künstliche Saturnring bleibt nämlich bei der Erde und fährt mit ihr die nächsten Jahrzehnte und Jahrhunderte um die Sonne.
Als wir vor mehr als 30 Jahren die Eroberung des Weltalls planten, hegten wir ziemliche Sorgen wegen der Gefahr, daß unsere Astronauten in ihren Schiffen von den natürlichen Meteoriten getroffen werden könnten. Diese Gefahr besteht immer noch, glücklicherweise ist sie vernachlässigbar klein.
Bei ihrer Entstehung vor 4 Milliarden Jahren nämlich haben die Planeten die Räume in ihrer Umgebung von diesen kleinen Brocken so ziemlich saubergefegt. Jede Sternschnuppe, die wir des Nachts sehen, ist eines der letzten Ereignisse dieser Art: Die letzten Trümmer werden eingefangen, das Weltall in der Umgebung unserer Planeten wird bis auf die letzten Reste gesäubert. Es ist ungeheuer, daß wir just in der Nähe unseres eigenen Planeten das Weltall wieder mit Millionen von panzerbrechenden Geschossen verseuchen wollen.
Wir Zivilwissenschaftler haben natürlich nicht das Recht zu erfahren, unter welchen Bedingungen die Russen ihre bisher 19 Tests mit Killersatelliten durchgeführt haben. Um die Gefahr abschätzen zu können, muß man die Explosionshöhe, die Größe des Sprengsatzes und die mittlere Größe und Anzahl der erzeugten Splitter kennen sowie ihre Radialgeschwindigkeit.
Man kann bloß hoffen, daß diese Tests nicht in Höhen über 100 Kilometer durchgeführt worden sind. Darunter nämlich ist die Luftdichte noch so groß, daß die Splitter von den Resten des Luftwiderstandes verlangsamt werden und innerhalb weniger Wochen wieder zur Erde herabstürzen, wie es jüngst mit dem Skylab geschah.
Bei Explosionshöhen über 300 Kilometer jedoch reisen die Splitter noch für Jahrzehnte und Jahrhunderte um die Erde. Dann werden unsere Kinder und Enkel wieder etwas haben, um uns zu verfluchen. Es wird unmöglich sein, diese mörderischen Trümmer unserer leichtsinnigen und törichten Aktionen im Weltall wieder einzusammeln. Dann wäre unsere Weltraumfahrt nur ein Jahrhundertphänomen: in unserem Jahrhundert gemacht und in unserem Jahrhundert wieder zerstört. Dann heißt es nämlich »Ade« für Wetter- und Forschungssatelliten und für die friedliche Nutzung der Weltraumfahrt in Erdnähe.