GESUNDHEIT Der Wasserprediger
Martin Wegelin, 59, fühlt sich sichtlich unwohl inmitten der schreienden Kinder, die da in ihren abgewetzten Schuluniformen um ihn herum- springen. Verlegen lächelt er, zupft sich am Bart. Plötzlich springt er hoch, wirft die Arme in die Luft und hüpft einige Male auf und ab. »Hey, hey«, ruft er. Die Kinder juchzen. Aber Wegelin lässt die Arme schon wieder hängen, sein Blick irrt hilfesuchend umher.
Zwei Lehrer eilen herbei und scheuchen die Kinder zurück. Die Schüler der Makina Primary School, einer nichtstaatlichen, von ausländischen Hilfsorganisationen finanzierten Schule im Kibera-Slum in Nairobi, sollen ihren Wohltäter aus der Schweiz nicht belästigen. Sie sollen lieber die Gedichte vortragen, die sie extra für ihn einstudiert haben. Wegelin schaut auf seine Uhr und seufzt. »Also gut, ein Gedicht«, sagt er.
»Let's drink the Sodis water«, rufen die Kinder im Chor. »We love Sodis!«
Wegelin applaudiert höflich. Er ist Bauingenieur, ein bedächtiger Mann mit graumeliertem Bart und wasserblauen Augen. Er arbeitet an der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz in Dübendorf, Kanton Zürich. Und er hat eine Mission: Er will den Armen dieser Welt sauberes Trinkwasser bringen.
Wer sich dieses Ziel setzt, steht vor einer gewaltigen Aufgabe: Die Vereinten Nationen schätzen, dass jedes Jahr rund zwei Millionen Kinder an Durchfallerkrankungen sterben, meist verursacht durch verseuchtes Wasser.
Über 2,6 Milliarden Menschen weltweit verrichten ihre Notdurft im Freien - an Fluss- und Seeufern, am Straßenrand, hinter den Hütten. So gelangen häufig Fäkalien ins Trinkwasser: 1,1 Milliarden Menschen, so die Schätzung der Uno, trinken
aus verschmutzten Flüssen, Seen und Brunnen. Sie alle brauchen Rohrleitungen und hygienische Brunnen, und sie brauchen Toiletten, die diese Bezeichnung verdienen. Um die aber zu bauen, fehlt es vielerorts an Geld und am Willen.
Martin Wegelin möchte schneller Leben retten. Er hat eine einfache Methode entwickelt, die »Solare Wasserdesinfektion« (Sodis), um mit Bakterien und Viren verseuchtes Wasser zu reinigen. Sodis ist wirksam, billig und geradezu lächerlich einfach: Man nehme verschmutztes Wasser, fülle es in transparente Plastikflaschen von maximal zwei Liter Fassungsvermögen und lege es in die Sonne. Bei Sonnenschein müssen die Flaschen sechs Stunden lang belichtet werden, bei bedecktem Himmel zwei Tage. So lange dauert es, bis UV-Strahlung und Wärme die Erreger von Krankheiten wie Cholera, Ruhr, Hepatitis und Typhus abgetötet haben.
Was könnte simpler sein als dieses Verfahren? Weder erfordert es Kohle oder Holz zum Abkochen, noch schmeckt das Wasser anschließend so scheußlich wie nach der Desinfektion mit Chlor.
Und doch hat die Sache einen Haken: Oft kommt die Heilsbotschaft des Schweizers nicht an. Seit über 30 Jahren arbeitet er schon in der Entwicklungshilfe. Anfangs baute er Kies- und Sandfilter; dann, vor bald zwei Jahrzehnten, hörte er, dass Sonnenlicht Wasser desinfizieren kann. Seither lebt er fast nur noch für Sodis.
Er hat Mikrobiologen und Fotochemiker eingespannt, um die Wirksamkeit des Verfahrens im Labor zu überprüfen. Er hat epidemiologische Studien in Entwicklungsländern koordiniert und gezeigt, dass die Häufigkeit von Durchfallerkrankungen um 30 bis 50 Prozent abnimmt, wenn die Menschen ihre Wasserflaschen in die Sonne legen. Seit 2001 empfiehlt auch die Weltgesundheitsorganisation Sodis als geeignete Methode zur Trinkwasserdesinfektion.
Kolumbien, Bolivien, Nicaragua, Thailand, China, Indonesien, Togo, Burkina Faso - Wegelin hat aufgehört, die Länder zu zählen, in denen er schon für Sodis geworben hat. Immer mehr seiner Zeit verwendet er dafür, Spendengelder für die vielen angefangenen Projekte in den Slums von Asien, Afrika und Lateinamerika aufzutreiben. Manchmal wird er ein wenig melancholisch, wenn er darüber nachdenkt. Es wäre so leicht, den Armen zu helfen, aber es sind so viele - und manchmal kapieren sie einfach nicht, dass er nur ihr Bestes will.
Er braucht Helfer, um seine Botschaft unter die Leute zu bringen. In Nairobi hat er die Kenya Water for Health Organisation (Kwaho) ausgewählt, eine lokale Hilfsorganisation, die unter anderem von der österreichischen Regierung finanziert wird. Kwaho installiert Wasserpumpen und Latrinen in den Slums und bringt den Bewohnern bei, dass sie ihre Hände mit Wasser und Seife waschen sollen.
An diesem grauen Morgen in Kibera versammeln sich die Helfer von Kwaho in einem düsteren Raum. Es sind elf Männer und zwölf Frauen, manche sind verschleiert, andere tragen T-Shirts, auf denen »Sodis« steht. Sie sitzen auf Holzbänken wie in einer Kirche. Dann betritt Wegelin den Raum, er geht zwischen den Bänken hindurch nach vorn und stellt sich vor die Gruppe. Die Helfer murmeln ein Gebet, »Danke für das Projekt«, einige bekreuzigen sich. Einer nach dem anderen steht auf, sagt seinen Namen und fügt stolz hinzu: »Sodis Promoter«.
Danach blicken sie erwartungsvoll zu ihrem Wasserprediger. Der verschränkt die Arme und holt Luft. »Ich freue mich, bei euch zu sein«, sagt er. Dann, plötzlich, fischt er eine PET-Flasche und eine Augenbinde aus seiner Tasche. Die Flasche drückt er einer verblüfften Helferin in die Hand, sich selbst verbindet er die Augen. Die Frau weicht ein paar Schritte zurück, er folgt ihr tastend. Dann macht er einen Satz und reißt ihr die Flasche aus der Hand. Die Helfer schauen verwirrt, manche kichern. »Das war ein kleines Theater«, sagt Wegelin schwer schnaufend. Bedeutungsvolle Pause: »Es geht um Licht.«
Ohne solche Clownspielchen, fürchtet Wegelin, interessieren sich die Leute nicht für seine Botschaft. Erst nach dieser Einlage fragt er: »Wie lange müsst ihr die Flaschen an einem wolkigen Tag wie heute draußen lassen?« »Zwei Tage«, schallt es im Chor zurück. Wegelin nickt zufrieden.
Kibera, im südwestlichen Teil von Nairobi, ist der größte Slum Afrikas; 700 000 bis eine Million Menschen leben hier, die genaue Zahl ist unbekannt. Die Regierung betrachtet das Land offiziell als Staatsbesitz, doch in Wahrheit sind es sogenannte Landlords, die untereinander um den Boden kämpfen und die schäbigen Wellblechhütten an Neulinge vermieten. Vor einiger Zeit wäre das Sodis-Projekt hier
beinahe gescheitert: Einige Slum-Bewohner hatten versucht, das Kwaho-Grundstück in ihre Gewalt zu bringen.
Es gibt keinerlei staatliche Infrastruktur in Kibera: keine Wasserleitungen, keine Müllabfuhr, keine Kliniken. Durch den ganzen Slum ziehen sich notdürftige Entwässerungsgräben, braune Rinnsale voller Dreck, Abfall und Fäkalien. Abends trauen sich die Bewohner nicht mehr aus ihren Hütten, deshalb verrichten sie ihr Geschäft in kleine Plastiksäcke, die sie nach Gebrauch meist irgendwo auf den Boden schmeißen.
Wasser wird an sogenannten Wasserkiosken verkauft. Es ist etwa fünfmal so teuer wie in den besseren Stadtvierteln, und meist wimmelt es darin von Krankheitserregern. Die häufigsten Gesundheitsprobleme sind Durchfall, Erbrechen, Malaria und Würmer. Durchfall plagt rund 40 Prozent aller Kinder unter drei Jahren. Dass zumindest ein Kind in der Familie daran stirbt, gilt als normal.
Kibera ist ein hoffnungsloser Ort, ein krankes System, das nur von ausländischen Geldgebern und Hilfsorganisationen vor dem völligen Chaos bewahrt wird. Ein nicht endender Strom von Menschen, die in ihren Heimatdörfern nicht überleben können, sucht hier Zuflucht.
Einer von ihnen ist George Odhiambo, 29. Er bittet in seine Wellblechhütte, er ist ein wenig aufgeregt. Wegelin will persönlich mit Slum-Bewohnern sprechen, er will wissen, ob seine Botschaft sie erreicht. Die Hütte besteht aus zwei dunklen Kammern, die Wände sind mit vergilbtem Zeitungspapier beklebt. Wegelin kauert sich auf einen winzigen Holzstuhl, während Odhiambo und eine Kwaho-Mitarbeiterin auf einem ausgeleierten Sofa Platz nehmen. »So, Mister George«, sagt Wegelin und faltet die Hände, »erzählen Sie uns, wie verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt?«
Odhiambo erzählt seine Geschichte: Er stammt aus einem Dorf im Osten des Landes, sein Vater starb vor einigen Jahren, seither ist er als ältester Sohn verantwortlich für die Familie. Er kam nach Nairobi, um Arbeit zu suchen. Da er keinen richtigen Job fand, arbeitet er nun als Aushilfe in einer der inoffiziellen Schulen im Slum. »Wie viel Lohn ich bekomme, hängt davon ab, wie viel Spenden die Schule erhält«, sagt er. Meistens seien es zwischen 4000 und 5000 kenianische Schilling pro Monat - rund 50 Euro. Fast die Hälfte davon verlange sein Landlord für die Hütte. Odhiambo teilt die enge Behausung mit seiner Frau, seinen zwei kleinen Kindern und seinen vier Schwestern, die zwischen 10 und 16 Jahre alt sind.
»Oh, Sodis hilft uns viel«, beteuert er eifrig. Früher hätten sie das Wasser einfach so getrunken, jede Woche habe mindestens eines der Kinder Durchfall gehabt. Seit sie Sodis anwendeten, müsse er nicht mehr ständig Medikamente kaufen. »Das einzige Problem ist«, sagt Odhiambo, »dass man Sodis nur bei schönem Wetter anwenden kann.« Wegelin schaut verstimmt. Die Kwaho-Helferin greift ein: »Ich habe dir doch gesagt, dass es auch bei bewölktem Himmel funktioniert, George, du hast es bloß vergessen.«
Wenige Kilometer von Kibera entfernt, im Norden der Stadt, residieren die Vereinten Nationen. Dort befinden sich, umgeben von einer riesigen Parkanlage, der Hauptsitz des Uno-Umweltprogramms und der des Uno-Siedlungsprogramms. Über den sattgrünen Rasen verstreut stehen zarte Bäumchen, eines davon hat Gerhard Schröder gepflanzt. Es ist sehr ruhig, nur Vögel zwitschern. Die laute, staubige Stadt ist weit weg, Kibera liegt auf einem anderen Planeten.
Wer hier arbeitet, beschäftigt sich in der Regel mit großen Strategien - beispielsweise damit, wie man die kenianische Regierung dazu bringen könnte, Verantwortung für die Hygiene in den Slums zu übernehmen. Oder wie man den privaten Sektor ermuntern könnte, im großen Stil in die Kanalisation zu investieren. Für kleinere Hilfsprojekte wie Martin Wegelins Sodis-Kampagne haben Uno-Mitarbeiter meist nur Spott übrig - »Micky-Maus-Projekte« nennt man das hier.
Wegelin kann die Kritik nicht mehr hören. Er sitzt jetzt am Swimmingpool seines Hotels - eine kurze Verschnaufpause zwischen Treffen mit Kwaho-Vertretern und Professoren der Universität von Nairobi, die er dazu bringen will, an einer weiteren Studie mitzuwirken. »Was mich wirklich aufregt«, sagt er und richtet sich kerzengerade auf, »das sind diese großen Uno-Organisationen. Da wird die Bürokratie doch zum Selbstzweck.« Man müsse den Armen in den Slums helfen, ihr Leben erträglich zu gestalten - das sei das Einzige, was zähle.
Manchmal beschleicht den Wissenschaftler trotz allem das Gefühl, dass auch seine Mission am Ende vergebens sein könnte. Wird sich Sodis auch dann noch in den Slums durchsetzen, wenn er nicht mehr persönlich dafür sorgt?
Eine Szene an jenem grauen Morgen mit den Kwaho-Helfern in Kibera lässt ihn daran zweifeln. Nachdem er sein »kleines Theater« aufgeführt hat, fragt Wegelin die Helfer, woher sie eigentlich die PET-Flaschen bekämen. »Wir bekommen sie von Kwaho«, antworten sie. »Und wenn Kwaho nicht mehr genug Flaschen für alle hat?« Ratlose Stille.
Vielleicht könne man die Hotels in der Stadt um leere PET-Flaschen bitten, schlägt schließlich eine der Frauen vor. Wegelin schaut grimmig. »Hat einer von euch schon mal an die Tür eines Hoteldirektors geklopft und nach PET-Flaschen gefragt?«, poltert er. Die Helfer schweigen betreten. »Ihr müsst Eigeninitiative entwickeln«, mahnt Wegelin streng. »Ich meine das sehr ernst, und ich bin ein bisschen enttäuscht.« Als er die betroffenen Mienen sieht, fügt er versöhnlich hinzu: »Aber ihr seid immer noch meine Brüder und Schwestern.«
Abends erkundigt sich Wegelin bei der Managerin seines Hotels, was eigentlich mit den gebrauchten PET-Flaschen passiere. Die, so erfährt er, werden gesammelt, abgeholt und zum Recycling nach China verschifft. SAMIHA SHAFY