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DIE DICKEN SIND DIE DUMMEN

Millionen Menschen hungern sich dünn - und nehmen wieder zu. Warum kasteien sich die Leute ein Leben lang?
Von Jenny Hoch
• aus SPIEGEL Wissen 1/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Verführung kam in Gestalt eines Spaghetti-Bolognese-Topfes. Er stand auf dem Herd, und das Moppel-Ich, auf der Pirsch nach Essbarem, hatte Mitleid: »Sollen diese Nudeln und das leckere Hackfleisch im Müll landen?« Schneller, als der auf Diät gepolte Verstand einsetzte, landete die Pasta im Bauch. Reingeschaufelt, direkt aus dem Topf. Resultat: »Am nächsten Morgen ein Pfund mehr. Fünf Minuten Späßchen bitter bezahlt.«

Szenen wie diese machten Susanne Fröhlich 2004 zur Abnehm-Mutter der Nation. Ihr Diät-Bericht »Moppel-Ich« verkaufte sich über eine Million Mal und machte seine mal amüsant, mal penetrant über den Kampf gegen die Kilos plaudernde Autorin zum Talkshow-Dauergast. Der Begriff »Moppel-Ich« wurde zum geflügelten Wort. Fröhlich hatte einen Nerv getroffen: So wie die blondgelockte Moderatorin plagen sich Millionen Menschen damit herum, ihr tatsächliches oder vermeintliches Übergewicht loszuwerden - und scheitern regelmäßig.

Warum aber ringen keineswegs nur krankhaft adipöse Menschen, also massiv Übergewichtige mit einem Body-Mass-Index von mehr als 30, mit ihren Kilos? Warum hadern immer mehr Normalgewichtige und sogar extrem schlanke Frauen und Männer mit ihrem Gewicht?

Die Motive für den äußerlichen Kult rumoren meistens in der Tiefe einer Persönlichkeit. »Fast immer«, sagt Carl Leibl, Chefarzt an der unter anderem auf Essstörungen spezialisierten Klinik Roseneck am Chiemsee, »liegt übertriebenem Schlankheitsstreben ein labiles Selbstwertgefühl zugrunde.« Wenn daraus eine sogenannte Körper-Schema-Störung folgt, schauen Betroffene bei sich selbst zuerst auf die Problemzonen, bei anderen hingegen auf Partien, die sie beneiden. »Bei Gesunden«, so Leibl, »sollte das genau umgekehrt sein.«

In einer Gesellschaft der Selbstverbesserer, die um Arbeitsplätze und Sexualpartner ebenso konkurrieren wie darum, überhaupt wahrgenommen zu werden, geht das Augenmaß dafür verloren, was dem eigenen Wohlgefühl und was einem kollektiven Optimierungswahn dient. Einer Studie des Robert-Koch-Instituts zufolge findet sich jedes zweite normalgewichtige Mädchen zwischen 11 und 17 Jahren zu dick. 47 Prozent aller Frauen erlegen sich Ess-Verbote für »alles Fette« oder Süßigkeiten auf. Das schlechte Gewissen sitzt permanent mit am Tisch. Pubertierende Kinder sind dem Diätdiktat zu einem Zeitpunkt ausgesetzt, an dem »die Persönlichkeit«, so Chefarzt Leibl, »falschen Einflüsterungen noch nichts entgegenzusetzen hat«.

Selten sind Magerkuren dauerhaft von Erfolg gekrönt: Etwa drei von vier Schlankheitssuchenden landen in der Jo-Jo-Falle und wiegen nach einer Diät mehr als vorher.

In ihrem Buch »Schlank! Ein Körperkult der Moderne« schildert Sabine Merta, wie im 19. Jahrhundert die Lebensreformbewegung gegen den »fetten« Leib zu Felde zieht. Zuvor war Dickleibigkeit ein Statussymbol, Zeichen für Wohlstand und Macht. Nun dient Schlanksein als soziales Distinktionsmittel, steht für Attraktivität und Askese. Körperfett wird »zum Unterschichts- und Ungebildetenstigma abgestempelt«.

Wer sich beim Essen nicht zügeln kann, dem traut man auch sonst nicht viel zu. Dem damaligen Außenminister Joschka Fischer wurde vor der Bundestagswahl 2005 nahegelegt abzuspecken. »Bild« höhnte: »Joschka zu fett für Wahlkampf.« Erneut startete der Politiker, der sich schon einmal gut 37 Kilo runtergehungert und seine Erfahrungen in dem Bestseller »Mein langer Lauf zu mir selbst« verarbeitet hatte, ein radikales Diät- und Fitnessprogramm. Doch der Selbstfindungstrip scheiterte: Genüsslich verfolgte die Öffentlichkeit die Verwandlungen »Jo-Jo-Joschkas« vom prallen Ballon-Mann zum schrumpeligen Jogging-Maniac.

Oder Oprah Winfrey. Seit Jahren lässt die US-Talk-Queen ihr Publikum an ihren Moppel-Rückfällen teilhaben, berichtet über Erfahrungen mit Trennkost-, Algen- oder Tofudiäten. Um Kilos geht es dabei nur vordergründig. Tatsächlich lassen sich am Gewichts-Jo-Jo der Afroamerikanerin Identitätskonflikte ablesen: Schlank zählt sie eher zur weißen, wohlhabenden und agilen Klasse, als Moppel zeigt sie sich solidarisch mit der noch immer ärmeren, notorisch übergewichtigen schwarzen Bevölkerung. Als sie in ihrer Zeitschrift »O, The Oprah Magazine« verkündete, den Kampf gegen das Hüftgold verloren zu haben, klang das nach Kapitulation: »Wie eine fette Kuh« fühle sie sich bisweilen. Dass die in ihrer Jugend sexuell missbrauchte Winfrey ein Milliarden-Imperium aufgebaut hat, vom Wirtschaftsmagazin »Forbes« 2008 zur einflussreichsten Prominenten der Welt gekürt wurde und für unzählige US-Amerikaner ein Vorbild ist, verblasst neben dem Makel, dass sie es einfach nicht schafft, sich dünn zu hungern.

Die schlanke Linie als Gradmesser für persönliches Glück und gesellschaftliche Akzeptanz? Das ist Irrsinn - da sind sich Experten einig.

Auch Moppel-Mutter Fröhlich hat den Diätwahn inzwischen gefressen. Fünf Jahre nach ihrem Bestseller resümiert sie: »Ich könnte den Nobelpreis bekommen oder Kanzlerin werden, das einzige, was interessiert, ist, ob ich zehn Kilo zugenommen habe. Aber ich bin nun mal nicht Claudia Schiffer und auch nicht bereit, mich an diesem Ideal abzuarbeiten.«

Essstörungs-Experte Leibl weiß aus der Therapiepraxis, wie schwer es ist, sich von kollektiven Zwängen wie dem Gebot zum Dünnsein freizumachen und eigene Maßstäbe zu entwickeln - nicht nur auf der Waage eine echte Herausforderung. Der Mediziner hofft, dass gesellschaftspolitische Initiativen, wie die 2008 vom Bundesministerium für Gesundheit gestartete Kampagne »Leben hat Gewicht« nach und nach dazu ermutigen, »mit der eigenen Figur Frieden zu schließen«.

Unterstützung kommt ausgerechnet aus der Werbung: Seit einigen Jahren setzt die Marke »Dove« in ihren »Real Beauty«-Kampagnen nicht mehr auf digital manipulierte Models, sondern auf Frauen mit Rundungen - mit großem Erfolg. Laut einer US-Studie fühlen sich Frauen von Anzeigen mit rundlicheren Models »viel stärker persönlich angesprochen«.

Mit dem Alter, so scheint es, steigen die Chancen, sich so anzunehmen, wie man ist, Figurprobleme inklusive. Joschka Fischer scheint mit der Politik auch den Kampf gegen die Kilos aufgegeben zu haben und lässt wissen: »Auch Fülligkeit hat ihren Charme.« JENNY HOCH

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