Die Klappe klappt nicht - DER SPIEGEL
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GEBURTEN Die Klappe klappt nicht

Anonyme Entbindungen und Babyfenster können die Zahl der Kindstötungen offenbar nicht senken. Experten fordern nun einen sofortigen Stopp der Angebote.
• aus DER SPIEGEL 48/2002
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Es ist eine rührende Geschichte, die die »Bild«-Zeitung in der Fast-Vorweihnachtszeit über eine junge Frau zu erzählen weiß: »Die Baby-Retterin wünscht sich selbst so sehr ein Kind«, heißt es da über Leila Moysich, abgebildet mit einem schlummernden Säugling im Arm - dem Kind einer anonymen Mutter. Moysichs Vater ist der Gründer von »SterniPark«, einem Hamburger Verein, der publikumswirksam Babyklappen betreibt und bundesweit mit dem Angebot anonymer Geburten wirbt, um Neugeborene vor Aussetzung und Tötung durch »panische Mütter in höchster Not« zu bewahren.

»Ich bin nicht ganz richtig im Kopf«, gesteht Moysich der Zeitung und will so erklären, warum sie sich so aufopferungsvoll in einem Betätigungsfeld engagiert, das sonst ausgebildeten Kräften der staatlichen Adoptionsstellen vorbehalten ist. An Leilas seelenvollem Blick liest die Reporterin gleichwohl Eignung für die selbst gewählte Aufgabe ab: »Es sind nicht die Augen eines 22-jährigen Mädchens, sondern die einer Frau mit großer Lebenserfahrung. Augen, die Elend kennen und Hoffnung versprechen.«

Nach dem Vorbild der selbst ernannten Lebensretter aus Hamburg haben bislang vor allem kirchliche Träger in ganz Deutschland an die fünf Dutzend Klappen eingerichtet. Viele Krankenhäuser bieten mittlerweile anonyme Geburten an, im Internet oder in der Lokalzeitung. Dort lassen sich manche Betreiber für jedes »gerettete« Kind aufs Neue feiern. Auch die Hannoveraner Bischöfin Margot Käßmann setzte sich bei der Eröffnung eines »Babykörbchens« ins rechte Licht: »In allerhöchster Not muss eine Frau eine Möglichkeit haben, ein Kind anonym in sichere Hände abzugeben«, befand die Kirchenobere. Sie sei sicher, dass keine Frau ihr Baby verantwortungslos oder leichtfertig preisgeben werde.

Doch nun zog eine Gruppe von Wissenschaftlern und Adoptionsfachleuten an der Universität Hannover eine erste Bilanz über den Erfolg von Babyklappen und anonymer Geburt. Danach dürfte es deren Befürwortern schwer fallen, nachzuweisen, dass ihre Aktivitäten tatsächlich Babyleben retten - und nicht etwa nur helfen, die Herkunft von Kindern zu verschleiern, die sonst in einem ganz normalen Adoptionsverfahren neue Eltern gefunden hätten. Die Arbeitsgruppe errechnete, dass die Zahl der berichteten Aussetzungen und Tötungen von Neugeborenen innerhalb der vergangenen vier Jahre durch Einrichtung der Klappen keineswegs zurückging, wie es die Befürworter erwartet hatten, sondern mit rund 30 Fällen pro Jahr auf dem gleichen - niedrigen - Niveau verharrt.

Mindestens 90 Kinder jedoch wurden, so die Untersuchung, allein in den beiden vergangenen Jahren zusätzlich in Klappen abgegeben oder anonym geboren. Dabei noch nicht einmal mitgezählt: Kinder, die von ihren Müttern zurückverlangt wurden, und solche, bei denen die Mutter vor der Adoption doch noch ihren Namen nannte. In Wirklichkeit sind es wohl deutlich mehr anonymisierte Kinder: Die Erhebung umfasst vermutlich nicht alle Anbieter, und nur rund 60 Prozent der Befragten machten überhaupt Angaben zu Zahlen.

»Bei dieser Datenlage«, so die Hannoveraner Adoptionsforscherin Christine Swientek, »müssen wir unter Beachtung empirischer Standards von 100 bis 120 zusätzlich künstlich geschaffenen Findelkindern ausgehen. Und das in einem Zeitraum, in dem viele ihre Klappen ja gerade erst eingerichtet haben.«

Offenbar verfehlen die Anbieter ihre Zielgruppe, folgert Swientek: »Die Klappe klappt nicht. Das Angebot schafft eine Nachfrage, die vorher nicht existierte.« Wer aber sind die Klappennutzer, wenn die viel beschworenen Mütter in allerhöchster Not auf diesem Weg offenbar nicht von der Tötung ihrer Neugeborenen abzuhalten sind: Frauen, die vom Partner oder der Familie unter Druck gesetzt werden? Inzest- oder Vergewaltigungsopfer? Psychisch kranke Frauen, die dringend Hilfe brauchen? Oder vielleicht Männer? Auch, weil auf diese Fragen kein Anbieter eine befriedigende Antwort geben kann, fordert die Expertengruppe nun ein sofortiges Verbot von Babyklappen und anonymer Geburt.

Ähnliche Bedenken verhinderten bereits in der vergangenen Legislaturperiode einen Gesetzentwurf zur Legalisierung der anonymen Geburt. Allerdings hat das Land Baden-Württemberg noch einen Entwurf im Bundesrat vorgelegt.

»Die Debatte muss ohnehin neu aufgenommen werden«, sagt Marieluise Beck, parlamentarische Staatssekretärin im Familienministerium. Für Beck zählt in diesem Zusammenhang vor allem die Frage nach dem »Leben nach der Klappe": »Wir wissen genug darüber, welch schweres seelisches Leid es bei Erwachsenen anrichten kann, die eigenen Wurzeln nicht zu kennen«, meint die Grünen-Politikerin. Bei der Güterabwägung zwischen dem Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft und dem Recht auf Leben müsse deshalb »sehr genau geprüft werden, ob der Weg der Babyklappen und der anonymen Geburt wirklich das hält, was er verspricht«. Und da müsse man »zumindest ein großes Fragezeichen machen«.

Doch ganz gleich, was der Gesetzgeber am Ende entscheidet: Die Anbieter schaffen weiter Fakten. Stur plant etwa die Caritas Berlin, die bestehenden Angebote um zunächst drei weitere Klappen zu bereichern. Das dortige Landesjugendamt verfolgt die Entwicklung mit großer Sorge: »Schon jetzt übertrifft die Zahl der abgegebenen Kinder unsere Befürchtungen«, sagt dessen Leiterin Ulrike Herpich-Behrens. »Nach unserer Erfahrung werden die Mütter zu einer Handlung verleitet, die eine kurzfristige Lösung verspricht. Dabei werden aber die schwerwiegenden Folgen für das weitere Leben von Mutter und Kind verharmlost. Manchmal wird auch schlicht die Hemmschwelle heruntergesetzt, sich eines Kindes zu entledigen.«

So hatte in Berlin eine Schwangere zur anonymen Geburt ihren Partner mitgebracht. In einem anderen Fall wurde in einer Klinik ein zwei Monate altes Baby abgegeben. Und in einer Klappe fanden die Betreiber ein totes Neugeborenes. Es war zuvor erstochen worden. BEATE LAKOTTA

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