»Die Kluft wird größer« - DER SPIEGEL
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»Die Kluft wird größer«

• aus DER SPIEGEL 28/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Professor Mann, vor vier Jahren schätzten Sie, daß bis zum Jahre 2000 rund 110 Millionen Menschen auf der ganzen Welt mit dem Aidserreger HIV infiziert sein könnten. Gilt diese pessimistische Aussicht noch immer?

Mann: Ja, bis zum Beginn dieses Jahres gab es weltweit mehr als 30 Millionen HIV-Infizierte, nach unserer Schätzung werden bis zur Jahrtausendwende 60 bis 80 Millionen angesteckt sein.

SPIEGEL: Zum erstenmal in der Geschichte von Aids scheint es Grund zur Hoffnung zu geben. Auf der XI. Internationalen Aidskonferenz in Vancouver wird sogar schon von Heilung geredet. Teilen Sie diesen Optimismus?

Mann: Richtig ist: Einige der in Vancouver vorgetragenen Daten sind sehr vielversprechend. Bei einigen Probanden wurde das Virus in der Tat soweit zurückgedrängt, daß es im Blut der Patienten nicht mehr entdeckt werden konnte. Aber Vorsicht: Dies bedeutet nicht, daß der Erreger verschwunden sein muß. Nur, daß er nicht gefunden werden konnte.

SPIEGEL: Nach den Mißerfolgen der letzten Jahre ist das doch schon sehr viel.

Mann: Trotzdem kann ich nur warnen: Die Aidsforschung hat schon mehrfach erleben müssen, daß hochgespannte Erwartungen sich nicht erfüllten. Immer wieder haben wir die Widerstandskraft und Mutationsfähigkeit des Virus unterschätzt.

Außerdem scheint mir viel wichtiger: Alle Medikamente, von denen in Vancouver die Rede ist, sind extrem teuer. Und wirklich wirken sie nur in Kombination mit anderen, ebenfalls teuren Mitteln. Deshalb ist, selbst wenn sich die neuen Therapien als so gut erweisen, wie wir alle hoffen, eines sicher: Rund 90 Prozent aller Menschen, die davon profitieren könnten, werden von der Behandlung ausgeschlossen bleiben.

SPIEGEL: Sie sprechen von den Opfern in der Dritten Welt. Wäre es da nicht ehrlicher, das Motto der Konferenz in Vancouver von »Eine Welt - eine Hoffnung« in »Erste Welt - eine Hoffnung« zu ändern?

Mann: Unglücklicherweise wäre das in der Tat angemessener. Etwa 93 Prozent aller HIV-Infizierten und Aidskranken leben in Entwicklungsländern. Andererseits werden 94 Prozent aller Mittel für die Aufklärung, die Verhütung und die Behandlung von Aids von den Industrienationen aufgebracht - ein Phänomen totaler Gegensätze. Und die werden jetzt mit den neuen wirksamen, aber teuren Medikamenten erst richtig zutage treten.

SPIEGEL: Also müssen die Pillen für die Dritte Welt billiger werden?

Mann: Nicht nur, die neuen Mittel müssen in Kombination mit anderen Medikamenten eingenommen werden. Dabei muß auf die Dosierung geachtet werden, ebenso auf mögliche Nebenwirkungen. Dies erfordert eine fachkundige und teure medizinische Betreuung. Dag Hammarskjöld, der ehemalige Uno-Generalsekretär, hat es einmal so umschrieben: »In Skandinavien geboren zu sein ist gleichbedeutend mit dem Hauptgewinn in der Lotterie des Lebens.«

SPIEGEL: Wie werden sich jetzt die Konflikte zwischen Arm und Reich zeigen?

Mann: Vor 15 Jahren beim Ausbruch der Seuche waren wir alle gleich, egal in welchem Winkel der Erde wir lebten. Die Seuche Aids, die weder geheilt noch gelindert werden konnte, erzeugte eine Art von Solidarität. Das ist jetzt vorbei: Nun sorgen die - wunderbaren - Ergebnisse biomedizinischer Forschung dafür, daß die Kluft zwischen den Reichen und den Armen, den Wohlhabenden und den Habenichtsen sehr, sehr viel größer wird. Und das ist eine Tragödie.

SPIEGEL: Für etliche Menschen in den reichen Industriestaaten - Junkies oder Arme in den USA etwa - sieht es kaum besser aus. Sie werden die hohen Behandlungskosten für die neue Kombi-Therapie - bis zu 16 000 Dollar pro Patient und Jahr - nicht bezahlen können. Müßte es da nicht schon im Interesse einer wirksamen Seucheneindämmung liegen, wenigstens ihnen die nötige Therapie zu ermöglichen?

Mann: Auf jeden Fall. Daß dies in der reichen Nation USA jedoch geschehen wird, bezweifle ich. 30 Millionen Amerikaner sind medizinisch überhaupt nicht versichert.

SPIEGEL: Können, wenn eine Aidsheilung möglich sein sollte, auch Pläne für die Ausrottung des Virus entworfen werden?

Mann: Von einer möglichen Ausrottung zu sprechen ist viel zu früh. Kein Land der Erde kann auch nur im entferntesten daran denken, HIV innerhalb seiner Grenzen in absehbarer Zukunft auszurotten. Unsere Hauptaufgabe ist, die Ansteckungsrate zu kontrollieren, das Tempo der Seuche zu drosseln. Die eigentliche Behandlung ist vor allem eine Tat der humanen Fürsorge für den betroffenen Patienten.

SPIEGEL: Weltweit stellt sich die gleiche Frage: Müssen die reichen Länder nicht schon deshalb den Opfern der Pandemie in Burma, Uganda oder Haiti helfen, weil sie damit die Infektionstore ins eigene Land schließen würden?

Mann: Aber ganz sicher. Aber statt dessen driften die reichen und die armen Länder immer weiter auseinander. Die wohlhabenden Nationen verringern sogar noch ihr Engagement im Kampf gegen Aids.

SPIEGEL: Dort herrscht vielfach der Eindruck, das Problem sei zumindest im eigenen Land unter Kontrolle.

Mann: Ganz genau. Und damit sinkt natürlich auch der Druck, den Kampf gegen eine weltweite Pandemie zu führen.

SPIEGEL: Vor zehn Jahren starteten Sie als damals verantwortlicher Direktor bei der Weltgesundheitsorganisation WHO ein weltweites Aidsprojekt. Vier Jahre später verließen sie diesen Job aufgrund von Meinungsunterschieden über dieses Projekt. Ist die WHO heute besser gerüstet für den Kampf gegen das Virus?

Mann: Die Zuständigkeiten haben sich inzwischen geändert. Letztes Jahr wurde das der Uno unterstellte UNAIDS-Programm geschaffen, an dem verschiedene Uno-Organisationen mitarbeiten, darunter auch die WHO, aber auch das Kinderhilfswerk Unicef sowie die Weltbank. Die Uno hat damit jetzt die Möglichkeit ein effektives Aidshilfsprogramm durchzuziehen.

SPIEGEL: Die Vergangenheit gibt dabei wenig Grund zur Hoffnung. Bis zum heutigen Tag ist der WHO nur ein überzeugender Sieg gelungen, nämlich die Pocken auszurotten. Bei der Bekämpfung von Tuberkulose zum Beispiel blieb die WHO erfolglos. Und das, obwohl es in diesem Fall seit langem wirksame und sogar vergleichsweise billige Medikamente gibt. Woher die Hoffnung, daß sie bei Aids erfolgreicher sein wird?

Mann: Ich glaube, die WHO besitzt ein enormes Potential, sie ist eine phantastische Organisation, die neben der Ausrottung der Pocken geholfen hat, die medizinische Versorgung der Weltbevölkerung zu verbessern. Doch wie bei jeder anderen Institution hängt auch bei der WHO die Leistungsfähigkeit eng mit den Führungsqualitäten zusammen. Daran hat es der WHO in den vergangenen acht Jahren gemangelt.

SPIEGEL: Aber sind nicht alle Überlegungen, die neuen Medikamente auch in der Dritten Welt einzusetzen, reine Zeitverschwendung? Wer sollte die Behandlung jener 90 bis 95 Prozent aller weltweit an Aids Erkrankten und HIV-Infizierten

* In Tansania.

Menschen finanzieren - die reichen Industriestaaten?

Mann: Ich würde es mir zu einfach machen, jetzt schnell ja zu sagen. Wenn wir Ländern der Dritten Welt 100 Millionen Dollar für die Beschaffung von Medikamenten in Aussicht stellen, stehen sie vor folgendem Dilemma: Für diese Summe lassen sich jede Menge Medikamente kaufen, deren Wirkung nachgewiesen ist, mit denen etwa TB-Kranke oder Malaria-Patienten geheilt werden können. Gleiches gilt nicht für die Pillen, die jetzt womöglich die Wende im Kampf gegen Aids bringen.

SPIEGEL: Mit anderen Worten, es gibt in der Dritten Welt wichtigere Dinge als die Bekämpfung von HIV?

Mann: Einen Moment bitte. HIV ist sehr wichtig, aber es gibt auch andere wichtige Dinge in diesen Ländern. Über den Einsatz von knappem Geld sollte unter rationalen Gesichtspunkten entschieden werden. Und da kann das Ergebnis von Land zu Land unterschiedlich sein.

SPIEGEL: Können die Pharmafirmen dazu gebracht werden, ihre Medikamente für Unterprivilegierte billiger zur Verfügung zu stellen - obwohl sie Milliarden von Dollar für Forschung und Entwicklung der neuen Medikamente ausgegeben haben?

Mann: Im Prinzip ja. Ich könnte mir vorstellen, daß die Zug- und Druckkräfte des Marktes sich sinnvoll für die Gesundheit einsetzen ließen. Denkbar wäre es beispielsweise, daß die Vereinten Nationen bestimmte Krankheiten als so bedrohlich einstufen, daß die Patente geeigneter Medikamente oder Impfstoffe der Weltbevölkerung gehören sollen. Im Gegenzug könnte die entwickelnde Pharmafirma beispielsweise unbegrenzte Patentlaufzeiten für wichtige, lukrative, aber nicht lebensrettende Medikamente bekommen, zum Beispiel für Valium.

* In Tansania.

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