Die Welt ist wachsam - DER SPIEGEL
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Die Welt ist wachsam

Die Schweinegrippe ist zur Pandemie erklärt worden, doch Seuchenmediziner sind gewappnet: mit gewaltigen Vorräten an antiviralen Medikamenten und einer beispiellosen internationalen Kooperation. VON MARCO EVERS
• aus SPIEGEL Wissen 2/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Welt steht ein heißer Herbst ins Haus. Wenn der Londoner Epidemiologe Neil Ferguson recht behält, wird sich in Kürze ein Drittel der Menschheit mit der Schweinegrippe infizieren und fiebernd darniederliegen. Und wenn der Londoner Virologe John Oxford recht hat, dann könnte es gar jeder zweite sein. »Dieses Virus«, sagt Oxford, »ist wie ein Buschfeuer.«

Die erste Influenza-Pandemie seit 40 Jahren ist voll im Gange. Soweit die schlechte Nachricht - nun die gute: Zum ersten Mal in der Geschichte sind zumindest sehr viele Staaten der Welt intensiv vorbereitet auf einen solchen Ausbruch. Zum ersten Mal sind Seuchenmediziner in der Lage, Ausbreitung und Veränderung des neuartigen Virus im Detail und in Echtzeit zu studieren. Beides sollte helfen, dem Erreger einiges an Schrecken zu nehmen.

Für die Pandemie hat es mehrfach Probealarm gegeben, und das war ein Segen. Aus dem Nichts waren in den letzten Jahren furchterregende Seuchen aufgetaucht, die Lungenkrankheit Sars etwa oder die für Menschen sehr oft tödlich verlaufende Vogelgrippe. Diese Ereignisse haben viele Staaten aufgerüttelt, mehr in ihre Pandemieplanung zu investieren. Nur darum stehen jetzt Krisenstäbe und Milliardensummen bereit, es gibt gewaltige Vorräte antiviraler Medikamente und Seuchenpläne, Fieberkameras auf Flughäfen und eine enge, in Seuchenfragen bisher beispiellose internationale Kooperation.

Die Welt ist wachsam, und die Weltgesundheitsorganisation WHO spielt dabei eine Schlüsselrolle. Seit April läuft ihr Genfer »Shoc room« ("Strategic Health Operations Centre") im 24-Stunden-Betrieb. In diesem ultramodernen globalen Lagezentrum sitzen Experten aller relevanten Fachrichtungen; hier fließen alle Informationsströme zusammen, von hier aus koordinieren sie die Arbeit unzähliger Mediziner weltweit. Die 193 Mitgliedstaaten haben sich erst vor wenigen Jahren verpflichtet, alle Informationen über Influenza umgehend mit der WHO zu teilen, ob es sich nun um Ausbrüche handelt oder neue Gensequenzen des Erregers.

Und dennoch: Was geschehen wird, das weiß trotz Überwachung und ausgefeilter Computermodelle keiner. Bisher führt der Erreger meist zu milden Symptomen; das kann, doch das muss nicht so bleiben. Die Welt steht weitaus besser da als bei den Pandemien von 1968, 1957, 1918 und 1889, aber immer noch ist sie angesichts der Grippe vor allem in Gottes Hand.

»Wir empfangen viele Signale«, sagt WHO-Chefin Margaret Chan. »Aber uns fehlt das Wissen, diese Signale mit der notwendigen Sicherheit zu interpretieren.«

Influenza ist die unberechenbarste aller Seuchen, denn diese Viren wandeln sich rasend schnell. Es reicht, dass sie unterwegs mutieren oder ein neues Gen auflesen (was ihnen leichtfällt), und schon können sie das Immunsystem der meisten Menschen überlisten und ihnen Leid antun. Darum gelingt diesem Erreger immer wieder der globale Durchmarsch - bis hin zu jener Katastrophe von 1918/19, als rund 50 Millionen Menschen starben.

Damals ging es gespenstisch schnell. Manche der meist jungen Opfer wurden mittags krank und waren abends tot. Auf den Straßen starben so viele, dass die Behörden zahlreicher Städte Mühe hatten, die Leichen abzuräumen. Der Maler Egon Schiele zeichnete noch seine fiebernde hochschwangere Frau. Sie erlag der Seuche kurz darauf; er selbst war drei Tage später dran.

Das Virus von 2009 ist anders, zum Glück, aber die Zeiten sind es auch. Dieses Virus fliegt per Jet. Innerhalb weniger Wochen hat es von Mexiko aus fast jeden Erdteil erreicht. Auch Hunderte Deutsche wurden krank: USA- und Mexiko-Reisende, vor allem aber Daheimgebliebene.

H1N1, wie das Virus wegen der Gestalt seiner Oberflächenproteine heißt, macht sich jetzt auf der Südhalbkugel breit, wo die reguläre Grippesaison gerade angelaufen ist. Argentinien, Chile und vor allem Australien melden eine wahre Flut von Fallzahlen.

In den USA, wo das Virus bereits in allen 50 Bundesstaaten zugeschlagen hat, zählen die Behörden nicht einmal mehr jeden einzelnen Fall. Weit über 100 000 Amerikaner, so eine inoffizielle Schätzung der Centers for Disease Control, haben sich schon infiziert; und die allermeisten waren nur leicht erkrankt. Einzig die schlimmsten Verläufe werden von US-Experten noch näher untersucht. Sie wollen dabei nur wissen, ob das Virus mutiert in eine neue, für Menschen gefährlichere Variante - so wie 1918 geschehen, 1957 und 1968.

Die derzeit beunruhigendste Vorstellung der Forscher geht so: Das sehr infektiöse, aber nicht sehr tödliche H1N1 könnte sich zusammentun mit dem sehr tödlichen, aber nicht sehr infektiösen H5N1, dem Erreger der Vogelgrippe. Die Brut aus dieser Liaison könnte wahrhaft vernichtend sein. Bislang fehlt jeder Hinweis für eine solche Verschmelzung. Aber wenn sie geschieht, wird es die Welt sehr schnell erfahren - und dann sehr heftig reagieren, zum Beispiel mit Flugverboten, Quarantäne für Betroffene und dem Verbot größerer Menschenansammlungen.

Das jetzige Virus ist für viele Experten irritierend. Bisher gingen sie in all ihrer Pandemie-Planung von einem Kandidaten wie H5N1 aus - von einem wahrscheinlich asiatischen Killervirus mit der Fähigkeit, ganze Landstriche zu verheeren. Jetzt aber sieht sich die Welt konfrontiert mit einem Erreger aus Mexiko, der sich unter Menschen zwar leicht verbreitet, aber selten Leib und Leben gefährdet.

Die Realität fügt sich nicht ganz in das Szenario, auf das sich die WHO seit Jahren vorbereitet, und daher tat sich die Organisation in den letzten Wochen auffallend schwer. Sollte sie umgehend den viralen Notstand ausrufen, die maximale Alarmstufe 6? Die Influenza hatte längst so viel Terrain gewonnen, dass die WHO dies von ihren Regularien her hätte tun müssen. Oder sollte sie sich diesen Schritt aufsparen, bis das Virus erkennbar eine akute Bedrohung für die Massen darstellen würde? Manche Regierungen forderten genau dies.

Mit Hochdruck arbeiten die Forscher an dem Impfstoff. Seine Herstellung ist ein langwieriger Prozess, und darum werden die ersten Chargen erst im Oktober zur Verfügung stehen. Deshalb ist schon jetzt abzusehen, dass nur wenige Menschen die Vakzine bekommen werden. Zu den ersten Empfängern zählen Ärzte, Schwestern, Polizisten und Politiker sowie Angehörige solcher Berufe, auf die das Gemeinwesen nicht verzichten kann.

Ein bis zwei Milliarden Impfdosen, so schätzt die WHO, wird es innerhalb des ersten Jahres geben. Weil jeder Mensch zweimal geimpft werden muss, lassen sich damit 500 Millionen bis eine Milliarde Menschen gegen die Seuche schützen. Mehr als fünf Milliarden Erdenbürger aber werden sich gedulden müssen, was immer das für sie bedeuten mag.

Sie können im Bedarfsfall nur hoffen, dass die antiviralen Medikamente Tamiflu und Relenza ihre Wirksamkeit behalten. Viele Millionen Dosen der Arzneien liegen bereits auf Lager, obwohl eine kleine Mutation im Erbgut des Erregers sie nutzlos machen könnte. Die WHO hat Fabriken in Indien autorisiert, auf Patente westlicher Firmen jetzt keine Rücksicht mehr zu nehmen. So sollen auch arme Länder die Möglichkeit bekommen, sich mit den Medikamenten der Reichen einzudecken.

Der ungewisse Fieberherbst, der nun droht, dürfte so einiges verändern - vor allem im Verhalten der Menschen.

Sie werden sich öfter die Hände waschen, immer noch eine der besten Vorsichtsmaßnahmen gegen Grippe. Sie werden in der U-Bahn nicht mehr so eng beieinanderstehen, werden, wie in vielen asiatischen Ländern schon üblich, öfter Mundschutz tragen und auf das beliebte Bussi-Bussi verzichten: Jedes Küsschen ist ein Risikofaktor.

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