UMWELT Diebstahl auf dem Dorfplatz
Er gilt als »Heiler allen Leidens«, in dessen Krone himmlischer Nektar tropft. Schon alte Sanskrit-Schriften preisen seine wundersamen Kräfte.
»Nährend und beschützend wie eine Mutter« sei der Niembaum für die Inder, sagt Vandana Shiva. Sein Name bedeutet übersetzt »freier Baum« - welche Pflanze könnte der indischen Öko-Aktivistin mithin trefflicher als Symbol für den Kampf gegen den »Bio-Kolonialismus« dienen?
Am vergangenen Mittwoch durfte Shiva, Trägerin des alternativen Nobelpreises, einen Triumph über ihre mächtigen Gegner feiern: Das Europäische Patentamt in München widerrief überraschend ein vor sechs Jahren erteiltes Patent auf die Nutzung des Niembaums. Der amerikanische Chemieriese »W. R. Grace« und das US-Landwirtschaftsministerium, gemeinsam Inhaber des Patents, mussten sich geschlagen geben. »Ein jahrelanger Kampf ist erfolgreich zu Ende gegangen«, sagt Shiva, die als eine der Klägerinnen auftrat. »Dies ist ein großer Sieg für die Natur und für die Menschen in der Dritten Welt.«
Die Prüfer vermissten den Nachweis »erfinderischer Tätigkeit« im Patent Nummer EP 0436257, das ein Verfahren zur Herstellung eines schädlingsbekämpfenden Öls aus Niemsamen schützte. Das Urteil könnte zum Präzedenzfall werden. Denn letztlich stellt sich nach der Entscheidung in München auch bei anderen Pflanzen die Frage: Gehören sie demjenigen Volk, das sie von jeher nutzt, oder dem Konzern, der als Erster die Idee hat, ein traditionelles Verfahren patentieren zu lassen?
Schon weil sich das Leben in vielen Dörfern rund um den ausladenden, bis zu 200 Jahre alten Niembaum auf dem Marktplatz abspielt, fühlen sich die Inder dem Gewächs mit den charakteristisch gefiederten Blättern verbunden.
Seit Jahrhunderten wissen sie zudem um seine vielfältigen Wirkungen. Traditionell verwenden sie Blätter, Rinde, Samen und Öl beispielsweise zur Bekämpfung von Kopfläusen, Magenleiden und Hautkrankheiten. Die Zweige werden zum Zähneputzen benutzt. Das Öl wirkt gegen Pilze, Bakterien und Viren, aber auch als Verhütungsmittel.
Vor allem aber enthält das Niemöl sehr effektive Wirkstoffe zur Schädlingsbekämpfung. Von jeher begrenzen indische Bauern ihre Felder mit den bis zu 30 Meter hohen Niembäumen. Die Blätter des Baums schützen Getreidespeicher vor Schädlingsbefall. Pressrückstände aus der Ölgewinnung werden auf den Feldern untergepflügt, weil sie Fadenwürmer dezimieren und als Dünger wirken.
US-Wissenschaftler bescheinigten dem Niembaum, der mittlerweile in den Tropen weit verbreitet ist, sogar das Potenzial, »die Probleme der Welt« lösen zu können. »Eines Tages könnte dieser Baum jedem Menschen der Erde dienlich sein«, befand das »National Research Council« in Washington.
Kaum erstaunlich, dass auch die Industrie auf das wundersame Gewächs aufmerksam wurde: Schon 1985 genehmigte die US-Umweltbehörde das erste Insektizid auf Niembasis. Heute gibt es rund 90 Patente auf Niemprodukte, die etwa in Zahnpasta oder Verhütungszäpfchen Verwendung finden.
Die Inder wurden erst relativ spät auf den »geistigen Diebstahl« (Shiva) aufmerksam, dann jedoch umso heftiger. Hunderttausende demonstrierten Mitte der neunziger Jahre gegen die Niembaum-Patente.
Hintergrund sind die Bestrebungen der Welthandelsorganisation WTO, die Patentrechte international zu harmonisieren und künftig auch die Staaten des Südens für Patente anderer Mitgliedsländer zur Kasse zu bitten. Den indischen Bauern könnten dann Lizenzgebühren für Methoden ins Haus stehen, die in ihrem Land schon seit Jahrhunderten angewendet werden. Zudem, befürchtet Shiva, drohe der bislang frei verfügbare Niembaum zu einem knappen und teuren Rohstoff zu werden. »Die örtlichen Industrien, die das Niemöl als billiges Pestizid nutzen, würden kollabieren«, so die Umweltkämpferin. »Für die Bauern könnte die Lage existenzbedrohend werden.«
Als »Biopiraterie« und »intellektuellen Kolonialismus« hatten die Kläger in München das Patent des amerikanischen Chemieriesen im Vorfeld der Verhandlungen daher auch bezeichnet. Von der jetzigen Entscheidung zu Gunsten der indischen Bauern erhoffen sich die Öko-Aktivisten Signalwirkung. Denn der Baum ist für Shiva nur ein Beispiel für einen »zweiten Prozess der Kolonialisierung«. Überall auf der Welt tauchen die Jäger der Pharma- und Agrarindustrie auf, um interessante biochemische Merkmale von Pflanzen zu analysieren und patentieren zu lassen.
»Den betroffenen Ländern des Südens fällt es im Nachhinein häufig schwer zu beweisen, dass die patentierten Verfahren längst bekannt waren«, sagt die belgische Umweltministerin Magda Aelvoet, neben Shiva und der International Federation of Organic Agriculture Movements eine der Klägerinnen in München. »Mit der jetzt gefällten Entscheidung werden sie es in Zukunft jedoch weitaus einfacher haben.« PHILIP BETHGE