INTERNET Digitale Einzelhaft
Jeden Morgen erwarten Professor Lawrence Lessig in seinem Büro neue Offerten für Schmuddelsex, Glücksspiel und Penisvergrößerungen. Wann immer der Rechtsgelehrte an der Stanford-Universität seine elektronische Post beantworten will, quillt sein Briefkasten bereits über von unerwünschten Werbemails, im Netzjargon »Spam« genannt (Dosenfleisch).
Lessig ist nicht irgendwer, sondern ein prominenter Buchautor und Internet-Jurist. Dennoch ist er der Werbeflut hilflos ausgeliefert. Aus Verzweiflung fordert er nun eine Art legale Selbstjustiz: Auf jeden, der Spam verschickt, solle künftig ein »Kopfgeld« von 10 000 Dollar ausgesetzt werden. Der Übeltäter selbst müsste die Strafe an denjenigen zahlen, der ihn überführt.
Lessigs Gesetzesvorschlag dürfte es schwer haben im Kongress. Doch dass dringend etwas gegen Werbemüll im Netz getan werden muss, darüber besteht Einigkeit. Bislang war Spam nur lästig - nun aber droht es Teile des Internet unbrauchbar zu machen.
Seit einem Jahr ist der Anteil der Schmarotzerpost sprunghaft angestiegen - heute zirkulieren mehr Spam-Briefe als erbetene E-Mails in den USA und wohl auch in Deutschland.
Um diesen Dammbruch zumindest zu verzögern, greifen viele Provider inzwischen zu drastischen Maßnahmen: Sie blocken sämtliche Mails ab, die von als verdächtig eingestuften Rechnern kommen. Zu diesem Zweck kursieren so genannte Black-Hole-Listen, die von selbst ernannten Netzbürgerwehren erstellt werden, etwa der kalifornischen Organisation Maps.
Hinter diesem Kürzel (Spam rückwärts gelesen) verbirgt sich eine Gruppe selbst ernannter Computersheriffs, deren Prüfprogramme vollautomatisch das Netz durchforsten. Mehrere hunderttausend unsichere Rechner, viele davon in China, wurden auf diese Weise schon aufgespürt. Etliche von ihnen werden durch Schwarze-Loch-Listen gesperrt.
Die betroffenen Internet-Nutzer landen oft ohne Vorwarnung in der digitalen Einzelhaft. Als sich etwa der kalifornische Anwalt Bret Fausett morgens an den Rechner setzte, war er plötzlich in einem Schwarzen Loch gefangen. Zwar konnte er weiterhin die elektronischen Briefe von Freunden und Geschäftspartnern lesen; aber seine Antworten wurden von der Empfängerseite automatisch abgelehnt. Zu Unrecht, wie er beteuert. Doch seine Proteste bei den Betreibern der Schwarzen Liste halfen nichts - im Zweifelsfalle gegen den Angeklagten.
Nun formiert sich Widerstand gegen derlei kommunikative Kollateralschäden. »Die gehen mit dem Schlachterbeil vor, wo man eigentlich ein Skalpell brauchte«, kritisiert John Gilmore, ein Mitbegründer der Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation.
Tatsächlich belegt eine Studie, dass das Blockadeprinzip mehr Probleme schafft als es löst: Während Maps nicht einmal jede vierte Spam-Nachricht abblockt, sperrt es jede dritte legitime Mail - wie ein Türschloss, das Einbrecher und Hausbesitzer gleichermaßen aussperrt. Auch Anti-Spam-Verordnungen in einzelnen Ländern haben sich als wirkungslos erwiesen, da die Werbegauner ihre Nachrichten gern mit Umweg über Asien oder Südamerika versenden, wo entsprechende Verbote nicht greifen.
Einen viel versprechenden Weg bieten hingegen Filterprogramme, die Werbemüll gezielt erkennen und aus den Briefkästen löschen. Besonders konsequent verfolgt der deutsche Provider 1&1 dieses Prinzip mit dem System »SMTP Auth": Auf Wunsch empfangen die Kunden nur noch E-Mails von Absendern, die sich zuvor registriert haben (siehe Grafik).
Während herkömmliche Spamfilter einfach den Text einer Mail nach typischen Formulierungen wie »Dear Friend« oder »kostenlos!!!« durchsuchen, sind neuartige Filter flexibel und lernfähig. Der Programmierer Jordan Ritter (einer der Mitgründer der Musiktauschbörse Napster) lässt die Nutzer des Programms Spamnet per Mausklick entscheiden, an welchen Merkmalen sie Spam erkennen. Diese Tipps werden automatisch an alle anderen Teilnehmer-Rechner übertragen.
Dieser Kollektivansatz hat Nachteile: »Was für den einen Spam ist, ist für den anderen erwünscht«, kritisiert Paul Graham. Der Programmierer von Anti-Spam-Software setzt deshalb auf Personalisierung: Jeder Nutzer »trainiert« seinen eigenen Filter mit rund 100 typischen Spam-Mails, bis das digitale Immunsystem selbständig, anhand des persönlichen »Spamminess«-Wertes einer Nachricht, Spam erkennen kann.
Sein Ansatz macht Schule: Viele Kollegen setzen neuerdings auf das statistische Prinzip beim Briefkastenputzen, auch »Bayes-Filter« genannt. Sie alle treffen sich im Januar zur ersten Spamfilter-Konferenz der Welt am Media Lab des MIT.
Die neuen Filter versprechen nicht nur bessere Resultate, sondern auch höhere Gewinne als der Kopfgeld-Vorschlag von Professor Lessig: »Wer heute einen wirksamen Spamfilter baut, gewinnt doppelt«, so Graham. »Er wird die Werbemails los - und die Investoren überhäufen ihn mit Geld.«
HILMAR SCHMUNDT