MEDIZIN Doppeltes Netz
Wenn es Nacht wird in Mombasa, Kenias größter Hafenstadt, greifen die Mücken an. Surrende Plagegeister der Gattung Gabelmücken ("Anopheles"), die der abenteuerlustige Tourist mehr fürchten muß als die Straßenräuber und die Aids-infizierten Prostituierten. Anophelesmücken übertragen das Sumpffieber, die Malaria - und immer häufiger heißt das: Sie bringen den Tod.
Acht deutsche Ferntouristen sind 1984 der Seuche erlegen, 1985 waren es schon doppelt so viele. In diesem Jahr werden es noch mehr sein - die Zahl der dem Bundesgesundheitsamt gemeldeten Malaria-Patienten ist in den ersten sechs Monaten auf fast 300 gestiegen.
Die Zunahme der Malaria-infizierten Deutschen geht der weltweiten Entwicklung der gefährlichen Seuche parallel. Vom 1955 durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschlossenen »Ausrottungsprogramm« ("eradication program") ist keine Rede mehr. Vor allem in Afrika und Südostasien ist das Sumpffieber wieder aufgeflammt: *___Jährlich erkranken weltweit 250 bis 400 Millionen, zwei ____bis vier Millionen sterben an Malaria, davon die Hälfte ____Kinder unter fünf Jahren. *___40 Prozent der Weltbevölkerung, fast zwei Milliarden ____Menschen, leben in Ländern, in denen die Seuche gras ____siert.
Die bedrohliche Entwicklung hat vor allem zwei Gründe: Die Anophelesmücken - es gibt rund 300 Arten, von denen 50 die Erreger übertragen - sind gegen chemische Gifte, darunter das DDT, weitgehend immun geworden. Auch die Malaria-Erreger, Urtierchen der Gattung Plasmodien, die sich als Parasiten im menschlichen Blut vermehren, haben sich in den Zentren der Seuche an das ihnen zugedachte Arzneimittel längst gewöhnt: Chloroquin (Handelsname: »Resochin"), seit 36 Jahren in Gebrauch, tut ihnen dort nichts mehr.
Deshalb breiten sich, trotz vorbeugender Einnahme des Chloroquins, die drei Malariaformen weiter aus - vor allem die gefährlichste, »Malaria tropica«. Allein in München sind in diesem Jahr bereits 70 Ferntouristen daran erkrankt. Als bislang prominentester Malaria-Patient traf am Mittwoch letzter Woche der Äthiopien-Helfer Karlheinz Böhm, 58, in München ein. »Von den elf am schwersten Betroffenen«, erläutert der Tropenarzt Professor Werner Lang, »kamen zehn aus einem Ostafrika-Urlaub zurück.«
Die Krankheitszeichen der Infizierten sind anfänglich so vieldeutig, daß die Hausärzte mit ihrer Anhiebsdiagnose meist daneben treffen: Fieber, Kopf-Bauch- und Gliederschmerzen, dazu Schweißausbrüche und Durchfall werden als »Grippe«, »Darm-Katarrh« und »vegetative Erschöpfung« verkannt. Die Malaria, mahnt die »Ärztliche Praxis«
ihre Leser, »imitiert gern andere Krankheiten«. So geht wertvolle Zeit verloren. Dabei kommt es auf jede Stunde an. Die von den Mücken in das Blut gelangten Parasiten vermehren sich zuerst in der Leber. Von dort werden ihre ungeschlechtlichen Nachkommen, die »Merozoiten«, ins Blut abgegeben. Sie dringen zielstrebig in die roten Blutkörperchen ein. Das ist deren Ende. Wird die Vermehrung der Parasiten nicht rechtzeitig gebremst, so verstopfen die zerstörten und miteinander verklumpten Blutkörperchen die Adern, zuerst die des Gehirns. Der Patient verliert das Bewußtsein. Er sinkt in das »Koma«, den tiefen Schlaf der alten Griechen, aus dem es kein Erwachen gibt.
Auch rechtzeitig behandelt, sterben rund zehn Prozent der »Malaria tropica«-Patienten. Über die beiden anderen Malariaformen- »tertiana« und »quartana« genannt - äußert sich der Heidelberger Tropenmediziner Hans Jochen Diesfeld hingegen freundlich: »Sie verlaufen auch ohne Behandlung so gut wie niemals tödlich und heilen, allenfalls nach einigen Rückfällen, spontan aus.«
Angesichts der zunehmenden Kraft der Seuche raten die Experten den Ferntouristen, sich nicht allein auf die vorsorgliche Einnahme des Chloroquins zu verlassen. Empfohlen werden zwei Tabletten Resochin vor Reiseantritt, zwei weitere am Flugtag, dann alle acht Tage je zwei, bis sechs Wochen nach der Rückkehr. Im Handgepäck sollte sich auch noch ein zweites Anti-Malaria-Mittel, das Präparat »Fansidar« befinden - sicherheitshalber. Wer unterwegs aus unklarer Ursache Fieber bekommt, soll sofort drei Tabletten Fansidar schlucken.
Vor allem aber soll der Reisende, ganz in der Tradition alter Kolonialisten, sein Augenmerk den Mücken schenken. Weil die Anopheles erst nach Eintritt der Dunkelheit sticht, wird vollständige und helle Kleidung empfohlen. Die hat das Insekt nicht gern, heißt es. Auf die freibleibende Haut soll ein mückenschreckender Geruchsstoff aufgetragen werden. Als wichtigstes Accessoire des Tropenreisenden aber kommt das Mückennetz zu neuen Ehren: Vor den Fenstern und, doppelt hält besser ab, ganz fest rund ums Bett sind die feingewebten Tücher zu spannen. Gegenwärtig trauen die Tropenmediziner den Moskitonetzen mehr zu als den Arzneimitteln.
Eine Wende zum Besseren wird erst im nächsten Jahrzehnt erwartet. Bis dahin soll es mit Hilfe der Gentechnik gelingen, einen wirksamen Anti-Malaria-Impfstoff zu entwickeln. Die deutschen »Behringwerke« kooperieren deshalb mit der US-Firma »Biogen Inc.« Der ist es gelungen, einige Proteine der ungeschlechtlichen Merozoiten zu isolieren und diese »Oberflächenantigene« auf molekular-biologischem Wege nachzubauen. Die hessischen Impfstoffproduzenten hoffen, daß künstlich fabrizierte Antigene die Attacke der Parasiten auf die roten Blutkörperchen abwehren können und es so gelingt, »den Krankheitsablauf zu unterbrechen«.
Eine andere, weitergehende Strategie hat der Malariaforscher Hans-Georg Heidrich entwickelt, der am Max-Planck-Institut für Biochemie arbeitet Während sich die Parasiten in den Blutkörperchen entwickeln, verändert sich die Oberfläche der infizierten Zelle. Normalerweise löst das eine Abwehrreaktion des körpereigenen Immunsystems aus. Dem entgehen die Parasiten, sagt Heidrich, durch einen »gemeinen Mechanismus": Die erkrankten Blutzellen heften sich, von den Malaria-Erregern dazu gebracht, an den Innenwänden der kleinen Blutgefäße des Gehirns fest. Dort sind sie vor Vernichtung durch körpereigene Abwehrstoffe ("Antikörper") weitgehend sicher.
Heidrich, der herausgefunden hat, welcher Eiweißstoff die Anheftung bewirkt, hofft auf die Entwicklung eines Impfstoffs, der das Immunsystem veranläßt, Antikörper gegen diesen listigen Helfer der Parasiten zu bilden - dann wäre es mit dem Versteckspiel vorbei. Kranke Zellen würden, noch ehe sie weiteren Schaden anrichten könnten, samt ihren Parasiten in der Milz erledigt.
Bis es soweit ist, werden »viele Jahre« (Heidrich) ins Land gehen. In der Zwischenzeit sollen die Ärzte, schlägt der Hamburger Tropenmediziner Professor Werner Mohr vor, zur Vermeidung der Fehldiagnosen wieder lernen, jedem fiebernden Patienten eine lang vergessene, einst klassische Frage zu stellen: »Unde venis? Woher kommst du?«