ERFINDER Düsentriebs größtes Ding
Abends im Bett noch einen Schluck Wein? Dean Kamen, 49, hat dafür eine kleine Seilbahn gebaut. Er schaltet sie ein, und schon kommt eine Flasche aus der Küche herangezuckelt.
Wenn es dem Erfinder mal zu still wird in seinem sechseckigen Haus, macht er sich ein Feuerchen im Kessel der alten Dampfmaschine, die gleich hinter der Eingangstür zweieinhalb Stockwerke hoch emporragt. Dann lauscht er dem traulichen Stampfen des Kolosses, der einst in einem Mississippi-Dampfer das Schaufelrad gedreht hat.
Morgens geht es dann wieder ans Erfinden: Kamen steigt in einen seiner zwei Hubschrauber und knattert ins nahe Manchester. Dort, im US-Bundesstaat New Hampshire, hat sich seine Firma »Deka« in einer alten Textilfabrik angesiedelt. 170 Angestellte stehen bereit, die Eingebungen des Meisters in die Tat umzusetzen.
Seine jüngste Erfindung macht gerade großes Getöse. Umgerechnet eine halbe Million Mark zahlte der Verlag »Harvard Business School Press« als Vorschuss für ein Buch, das ihre Geschichte erzählt. Niemand weiß, worum es sich handelt (auch der Verlag nicht). Sicher ist nur: Im Jahr 2002 soll ein Ding auf den Markt kommen, das den Codenamen »Ginger« trägt.
Kamen hüllt sich in Vieldeutigkeit. »Ginger«, sagt er, sei »eine Alternative zu Produkten, die schmutzig, teuer, manchmal gefährlich und oft frustrierend sind, vor allem für Städter«. Die »Washington Post« fragte sich: »Hat der Mann den Sex neu erfunden?«
Nur Auserwählte durften bisher einen Blick auf »Ginger« werfen, darunter einige Nobilitäten der Hightech-Society. Alle waren angeblich begeistert, mussten aber Schweigen geloben. Bloß ein paar rätselhafte Zitate gelangten an die Öffentlichkeit: Steve Jobs, Chef der Computerfirma Apple, habe gesagt, »Ginger« sei womöglich so bedeutsam wie der PC. Man werde »die Leute nicht überzeugen müssen, ihre Städte um diese Maschine herum zu planen. Das wird einfach geschehen«.
Zur kühnsten Weissagung hat sich ein Abgesandter der Investmentbank Credit Suisse First Boston hinreißen lassen: »Ginger« werde schon im ersten Jahr mehr Geld einbringen als je ein Produkt zuvor. Seine Bank hat sich flugs an der Entwicklung beteiligt.
Nun wird weltweit in den Medien spekuliert, was »Ginger« wohl sein mag. Ein Anti-Schwerkraft-Apparat? Ein kleines Raketentriebwerk zum Umschnallen? Ein Teleporter? Oder eher, wie der britische »Economist« schäkerte, ein »unglaublich effizienter Heißluftgenerator«?
Dean Kamen ist kein Spinner. Der dreifache Ehrendoktor besitzt über hundert Patente. Seine ersten Millionen machte er mit einer tragbaren Infusionspumpe für Zuckerkranke. Später entwickelte Kamen eine tragbare Dialysemaschine, die nur 10 Kilogramm wiegt und kaum größer ist als ein Telefonbuch. Dem Mann, scheint es, ist noch allerhand zuzutrauen. Nur was?
Scharen von Feierabend-Detektiven sind inzwischen auf der Suche nach Indizien. Im Internet ist die Jagd auf das geheime Wunderding zum Volksvergnügen geworden. Bei der Suchmaschine Lycos tauchten »Ginger« und »Kamen« auf der Liste der zehn meistgesuchten Wörter der Welt auf.
Emsige Fahnder stöbern bereits in Kamens Patenten, die fast alle online einzusehen sind. Ihr heißester Fund trägt das Datum vom 14. Dezember 2000: Die Patentschrift Nr. WO 00/75001 A1 zeigt eine Schar wunderlicher Fortbewegungsmittel, darunter ein motorisiertes Einrad und ein einachsiger Roller mit Stiel, der an einen rasenden Staubsauger erinnert.
Nun kämpfen die Kundschafter mit einer gewissen Enttäuschung: Sollte es sich bei »Ginger« nur um einen dummen Roller handeln?
Wohl kaum, raunt der Computerpionier Bob Metcalfe, der »Ginger« ebenfalls schon sehen durfte: »Das ist, als würde jemand das Metall erfinden und dann nur einen Löffel vorzeigen. Was wäre da wohl die große Erfindung?«
Die meisten Sterndeuter tippen auf den Antrieb des Rollers. Es dürfte sich um einen so genannten Stirling-Motor handeln - umweltfreundlich, sparsam, leise. Fest steht: Kamen hat bereits Millionen in die Entwicklung eines solchen Aggregats gesteckt. 20 seiner Leute sitzen daran. Wäre ihnen der Durchbruch gelungen, hätte die Menschheit einige Sorgen weniger, um die Energieversorgung im Zeitalter nach dem Erdöl sicherzustellen.
Seit fast zwei Jahrhunderten gilt der Stirling-Motor als Kraftquelle der Zukunft (siehe Kasten). Er schluckt nicht nur Benzin, sondern auch sonst alles, was brennt und warm macht: Sägespäne, Biogas, Holzscheite, Stroh (sogar Tiermehl). Mit Sonnenenergie lässt er sich völlig abgasfrei betreiben. Trotzdem hat das Patent des schottischen Pfarrers Robert Stirling sich nicht durchgesetzt. Die Produktion wirft allerhand technische Probleme auf.
Kamen lässt sich davon nicht abschrecken. Seit Jahren tüftelt er an Generatoren für die armen Weltregionen ohne zuverlässiges Stromnetz. Zu seinen Projekten gehört ein tragbarer Ultraviolett-Laser, der die Keime im Trinkwasser vernichtet. Die Energie liefert ein Stirling-Generator, der zur Not auch mit Kuhdung zu heizen ist.
Die weltweite Gemeinde der Bastler, die dem Stirling-Motor die Treue halten, beäugt nun hoffnungsfroh, was Kamen ausgeheckt hat. Der Trubel um »Ginger« hat ihre Aufmerksamkeit auf sein Patent Nr. 6062023 gelenkt - Kamens erster Versuch einer neuen Stirling-Maschine. Im Prinzip wäre diese Version auch in der Lage, ein Gefährt wie den famosen Roller anzutreiben.
»Wenn Kamen hält, was dieses Patent verspricht«, sagt der amerikanische Stirling-Experte Brent Van Arsdell, »könnte das wirklich die Welt verändern.«
Es gibt nicht viel, was den Meister von seinen Projekten
ablenkt. Kamen ist getrieben von einer Erfindungswut, die offenbar niemals verraucht. Wenn nichts Grundstürzendes anliegt, erfindet er irgendwas: einen »Apparat zur Oberflächenreinigung im Mund einer Person«, der bei Zahnkontakt Putzlösung ausspeit und gleich wieder einsaugt. Oder eine selbst schaukelnde Matratze für die Kinderwiege der Zukunft, die den Säugling vollautomatisch so bewegt, wie er es im Mutterleib gewohnt war.
Kamen, Sohn eines Comiczeichners, lässt sich das Erfinden nicht verdrießen; der Nutzwert mag sich dann einstellen oder auch nicht. Das macht ihn zum Inbild des begnadeten Schraubers, wie es seit Daniel Düsentrieb keinen mehr gegeben hat.
Auch Kamens drolliger Roller ist keineswegs nur ein Allerweltsgefährt mit einem vielleicht bahnbrechenden Antrieb. Er kann überdies nicht umfallen.
So verheißt es zumindest das Patent: Aufrecht kurvt das rasende Einrad über Stock und Stein, balanciert von einem Computer. Wie auf einem Hexenbesen fegen die Rollerpiloten der Zukunft durch die Städte. Sie steuern, indem sie sich in die gewünschte Richtung lehnen. Die Haltestange nach vorn gedrückt, und der Roller nimmt Fahrt auf; den Zügel zurückgerissen, und er kommt zum Stehen.
Kein Scherz: Kamen besitzt schon Patente für ähnliche Geräte. Dinge, die partout nicht umfallen, sind seine Spezialität.
Die letzte große Tat des Tüftlers, ehe »Ginger« kam, war ein Rollstuhl (Codename »Fred"), der auf sechs Rädern jede Treppe erklimmt. Zwei Räderpaare krauchen dabei fortwährend übereinander.
Auf Wunsch macht der Rollstuhl auch Männchen: Mitsamt dem Insassen erhebt er sich auf die Hinterräder und tänzelt unmerklich wie auf Zehenspitzen.
Für Behinderte ist ein Rollstuhl, der sich aufrichtet, ein Levitationserlebnis. Sie finden sich unverhofft auf Augenhöhe mit den Nebenmenschen, und im Supermarkt kommen sie ans oberste Regal. Der Stuhl, eher ein Trageroboter, stehe völlig sicher, verspricht Kamen; nichts bringe ihn aus dem Gleichgewicht.
Bei einer Vorführung im Weißen Haus durfte sich auch der damalige US-Präsident Bill Clinton davon überzeugen. Und in einer Fernsehshow schnurrte der Erfinder auf seinem Gerät im Studio herum. Der Moderator warf ihm einen schweren Sack zu - Kamen fing, und der Stuhl blieb kerzengerade. Erst die Zeitlupe zeigte ein millimetergenau bemessenes Ruckeln der Räder.
Aufwendige Technik sorgt für die Balance. Auf ähnliche Weise halten Autopiloten ihre Flugzeuge auf Kurs: Kreiselinstrumente melden jede Veränderung der Lage. Unterm Sitz wacht ein Computer, in dem zur Sicherheit drei Pentium-Prozessoren parallel rechnen; sie steuern den Antrieb.
So können sich die Rollstuhlpiloten vor Computerfehlern einigermaßen sicher fühlen. Wie eine Robotersänfte karrt das Gefährt sie verlässlich nahezu überall hin: Vergangenes Jahr im Juni sattelte Kamen seinen Stuhl in einer Pariser Metrostation und ließ sich bis auf die Restaurantebene des Eiffelturms emportragen.
Sobald die Genehmigung der US-Gesundheitsbehörde vorliegt, soll der Rollstuhl auf den Markt kommen. Preis: an die 25 000 Dollar.
Der rasende Roller dagegen (oder was immer sich hinter »Ginger« verbirgt) ist erst für das Jahr 2002 verheißen. Bis dahin will Kamen kein Wort mehr darüber sagen. Der selbst entfachte Medienrummel ist ihm plötzlich, wie er verlauten lässt, gar nicht mehr recht.
Ruhe findet der Gejagte nur noch auf seiner winzigen Insel North Dumpling vor der Küste von Connecticut. Das ist seine Zuflucht. Ab und zu kommt er per Hubschrauber zu Besuch.
Als er dort einmal eine Windturbine aufstellen wollte und die Behörden sich widersetzten, erklärte er seinen Austritt aus den Vereinigten Staaten. Er kann aber bereits einen Nichtangriffspakt vorweisen, den sein Freund, Ex-Präsident George Bush, unterzeichnet hat.
In der Geldbörse trägt Kamen stets einen Schein seiner Inselwährung. Deren Einheit ist die Kreiszahl Pi - ideal für Eigenbrötler wegen ihrer endlosen Folge von Ziffern hinter dem Komma: »Diesen Schein«, sagt Kamen, »kann mir niemand wechseln.«
MANFRED DWORSCHAK
* Am 1. Dezember 2000 auf seinem Trageroboter.