Durchmarsch der Seuche - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 70 / 114

Wissenschaft + Technik Durchmarsch der Seuche

Mindestens 14 Amerikaner starben schon am »West-Nil«-Virus. Übertragen wird es durch Mückenstiche.
• aus DER SPIEGEL 35/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein neuer Feind sucht Amerika heim. Er ist winzig, zahlreich und scheinbar unbesiegbar: In nur drei Jahren hat er den Großteil des Landes erobert. Bald wird er den Pazifik erreicht haben - und dann von Kalifornien bis Maine Schrecken verbreiten.

»West-Nil«-Virus heißt der neue Gegner an der US-Heimatfront. In den letzten Wochen hat der von Mücken übertragene Erreger mindestens 14 Amerikaner umgebracht, überdies mehr als 100 Pferde und Tausende Vögel, Krähen zumeist. Und weil die Mückensaison noch Wochen dauert, hat die Epidemie ihren Höhepunkt noch lange nicht erreicht.

Am schlimmsten wütet der Erreger im heiß-schwülen Süden rund um New Orleans. Um Hilfsgelder aus Washington zu erhalten, haben Louisiana und das angrenzende Mississippi den Notstand erklärt. Louisiana musste jetzt sogar die U.S. Army zu Hilfe rufen: Zwei umgebaute Hercules-Frachtflugzeuge sollen die vielen Sümpfe mit Pestiziden einnebeln, um die Überträger des Virus zu töten und so seinen Siegeszug zu bremsen.

Dem West-Nil-Virus ist in den USA ein regelrechter Blitzkrieg gelungen. Als es Mitte 1999 erstmals auf dem Kontinent auftauchte, blieb es zunächst auf die Umgebung von New York City beschränkt. Die Stadtverwaltung entschloss sich, den gesamten Central Park mit Pestiziden auszuspritzen. Genutzt hat es wenig.

Inzwischen wurde der Erreger in 39 Bundesstaaten gesichtet: Jetzt schon ist das gesamte Gebiet östlich der Rocky Mountains West-Nil-Land.

Die Seuchenkontrollbehörde CDC in Atlanta verfolgt das Virus mit großem Respekt - und einem gewissen Fatalismus. Schon jetzt ist klar: Der Erreger wird nicht wieder verschwinden. Das West-Nil-Virus nistet sich ein in den USA und wird dort bald zum medizinischen Alltag gehören wie das Dengue-Fieber in Thailand.

Einmal heimisch geworden, ist das Virus kaum auszurotten. Denn es lebt in Mücken und gelangt durch deren Saugrüssel in Vögel, Pferde, Katzen, Hunde und Menschen. Besonders infizierte Vögel tragen es weit übers Land.

Angstvoll schauen Gesundheitsbeamte nun aufs Federvieh. An strategischen Punkten, etwa dort, wo Zugvögel Station machen, halten sie Hühner in Käfigen. Das Geflügel dient ihnen als Frühwarnanlage für die Präsenz des West-Nil-Virus. Mal um Mal hat sich gezeigt: Erst sterben Hühner, dann Pferde, dann Menschen. Drei tote Federtiere sind in den letzten Tagen in Colorado aufgetaucht - dem bisher westlichsten Punkt der Seuche.

Nur für Pferde existiert bislang eine Schutzimpfung. Für Menschen gibt es nichts - keine Vakzine, keine Medikamente. Zehntausende besorgte Amerikaner hören sich nun bei eilig eingerichteten Hotlines eher schlichte Tipps der US-Behörden an: Mückenschutzmittel in der Dämmerung, lange Hosen und Ärmel.

Dabei ist das West-Nil-Virus zum Glück für die meisten Menschen harmlos. Viele bemerken gar nicht, dass ihr Körper mit einem Virus kämpft. Jeder Zehnte spürt grippeartige Symptome. Nur einer von 200 wird ernstlich krank und entwickelt eine Enzephalitis (Hirnentzündung), bei der das Gehirn anschwillt. Das aber kann tödlich ausgehen, vor allem für Alte, Transplantierte, Krebs- oder Aids-Patienten. Die West-Nil-Toten dieses Jahres sind alle über 50, die meisten über 65, und fast alle litten unter einer weiteren ernsthaften Krankheit.

Wie viele Tote es noch geben wird, ist vor allem eine Frage des Wetters. Ein früher und ungewöhnlich warmer Sommer hat den US-Moskitos bisher beste Brutbedingungen verschafft, darunter auch dem asiatischen Tigermoskito ("Aedes albopictus"), der im Ruf steht, das West-Nil-Virus auf höchst effektive Weise zu verbreiten. Lyle Petersen von der CDC hält in dieser Mückensaison bis zu 1000 West-Nil-Kranke für möglich. Ende letzter Woche hatte seine Behörde bereits die Rekordzahl von 296 Patienten gezählt - doppelt so viel wie in den Jahren 1999, 2000 und 2001 zusammen.

Im Detail ungeklärt ist, wie das West-Nil-Virus in die USA kam. Bisher ist es vor allem in Südeuropa, Afrika und Russland aufgetaucht. Seinen Namen bekam es 1937, als der damals unbekannte Erreger bei einer Frau im West-Nil-Distrikt Ugandas festgestellt wurde. Die US-Variante des Virus ist identisch mit jenem Erreger, der in Israel und anderen Nahost-Staaten vorkommt. Reisende könnten ihn 1999 von dort nach New York eingeschleppt haben. MARCO EVERS

Zur Ausgabe
Artikel 70 / 114

Mehr lesen über