Eigentor der Lobbyisten - DER SPIEGEL
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AUTOMOBILE Eigentor der Lobbyisten

Die deutsche Autoindustrie schwärzte den Konkurrenten Peugeot beim Umweltbundesamt an - mit falschen Behauptungen.
• aus DER SPIEGEL 47/2001
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Das Telefax des Umweltbundesamtes (UBA) erreichte Peugeot am 7. November. In englischer Sprache erkundigte sich die deutsche Öko-Behörde bei dem französischen Autohersteller, ob dieser die Öffentlichkeit und seine Kundschaft nasführe.

Von einem solchen Schwindel, so das Schreiben, berichte der Verband der Automobilindustrie (VDA), der die deutschen Hersteller vertritt. Tags zuvor hätten VDA-Vertreter, unter ihnen Verbandspräsident Bernd Gottschalk, dem UBA gesteckt, dass Peugeot die Dieselversionen seines Oberklassemodells 607 an Taxenbetriebe insgeheim ohne den sonst serienmäßigen Rußfilter ausliefere. Im Stadtverkehr würde das System, mit dem die Franzosen sich als Pioniere der Abgasreinigung feiern lassen, wegen der zu niedrigen Verbrennungstemperaturen »nicht gut arbeiten«.

Erbost antwortete Peugeot fünf Tage später und wies die Anschuldigung zurück. Sämtliche 607 mit Dieselmotor einschließlich aller Taxen dieses Typs würden mit Rußfiltern ausgestattet, und die Fahrer seien »völlig zufrieden«.

Im Streit um die modernste Diesel-Technik haben sich die deutschen Autolobbyisten mit der voreiligen Petzerei offenbar ein Eigentor geschossen. Zerknirscht musste der Industrieverband zugeben, dass er für seine Anschwärzungen keinerlei Beweise vorlegen kann.

Präsident Gottschalk war vergangene Woche nicht zu sprechen; er ließ über seine Presseabteilung ausrichten, die heikle Aussage stamme nicht von ihm. Sein Geschäftsführer Gunter Zimmermeyer erklärte kleinlaut, die Information über die Peugeot-Taxen komme »aus unseren Unternehmen«, also den deutschen Autoherstellern. Sie sei aber »nicht abgeprüft« worden.

Auch Nachforschungen im Taxengewerbe zeigen, dass an der VDA-Behauptung nichts dran ist. Weder die Transportunternehmen in Paris, wo viele 607 als Taxen eingesetzt werden, noch andernorts haben Kenntnis von angeblichen Filterentnahmen oder den Verdacht darauf. Der Berliner Taxifahrer Uwe Städing fährt seit Anfang Juli einen Peugeot 607 mit Dieselmotor und Rußfilter. Am Auto, so sagt er, sei »alles in Ordnung«.

Technisch wäre ein Filterausbau kaum unauffällig, etwa im Rahmen einer Inspektion, zu erledigen. Die gesamte Motorelektronik ist in das System integriert (siehe Grafik) und müsste nach der Entfernung des Filters umprogrammiert werden.

Die blamable Unterstellung des VDA beleuchtet einmal mehr den technologischen Rückstand der deutschen Hersteller bei der Reinigung von Dieselabgasen. Seit knapp zwei Jahren führen die Franzosen als einzige Anbieter von Partikelfiltern die Konkurrenz vor. Das Gerät, das inzwischen in 111 000 Diesel-Fahrzeuge von Peugeot und der Schwestermarke Citroën eingebaut wurde, funktioniert - allen Unkenrufen anderer Autokonzerne zum Trotz.

Tester des ADAC fuhren mit dem Peugeot 607 HDi eine Distanz von 80 000 Kilometern und unterzogen ihn dann einem Abgastest. Der Filter arbeitete einwandfrei: »Der HDi-Motor hat mit gemittelten 0,001 Gramm pro Kilometer praktisch keine Partikelemissionen mehr«, lautete das Abschlussurteil.

Auf die gesamte Testdistanz errechnete der ADAC eine Rußemission von weniger als 100 Gramm - vergleichbare Konkurrenzwagen ohne Filter blasen im Laufe von 80 000 Kilometern über drei Kilogramm Ruß in die Luft.

Immer neue Argumente, die die deutschen Autohersteller gegen die Filtertechnik vorgebracht haben, verlieren angesichts solcher Messergebnisse zunehmend an Glaubwürdigkeit. Anfangs hatten sie Zweifel an der Haltbarkeit der Filter geäußert. Dann monierten sie den angeblich höheren Kraftstoffverbrauch. »Durch den Einsatz eines Partikelfilters erschlägt man ein Problem und erhöht andere«, erklärte kürzlich Mercedes-Chef Jürgen Hubbert. »So steigen Verbrauch und CO2-Ausstoß.«

Tatsächlich muss ein Dieselmotor mit nachgeschaltetem Partikelfilter gelegentlich mehr Kraftstoff in die Brennräume spritzen, um die Abgastemperatur zu erhöhen und den Filter auszubrennen. Das ist jedoch nur etwa alle 500 Kilometer für wenige Minuten nötig.

Laut Peugeot ist der Unterschied kaum messbar; der VDA behauptet, gestützt auf ein Aachener Prüfinstitut, der Mehrverbrauch betrage bis zu sechs Prozent. Der Peugeot 607 HDi (Normverbrauch 6,7 Liter/100 Kilometer) zählt jedenfalls trotz des Filters zu den sparsamsten Autos seiner Klasse.

Den Experten des UBA erscheint dieser Einwand deshalb zu einer Verzögerungsstrategie zu gehören, mit der die Hersteller teure Investitionen verhindern oder zumindest aufschieben wollen. Axel Friedrich, Autofachmann beim Umweltbundesamt, fühlt sich in verblüffender Weise an die achtziger Jahre erinnert, als der VDA lange Zeit die Einführung des Katalysators für Benzinmotoren blockierte. »Sie müssen nur das Wort 'Katalysator' gegen 'Rußfilter' austauschen, dann haben Sie die gleichen Aussagen.« CHRISTIAN WÜST

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