HOMOSEXUALITÄT Einfach anders
Das Klischee schien unverwüstlich: Mutter dominierend und überfürsorglich, Vater schwach und unzureichend - das beides ist schuld, wenn der Sohn schwul wurde.
Seit Jahrzehnten beharren psychoanalytisch orientierte Seelenforscher auf diesem Erklärungsmuster. Mit der These, daß Homosexualität eher unabhängig vom elterlichen Verhalten, vielmehr frühzeitig in der Person angelegt sei, wagten Anfang der achtziger Jahre Sex-Forscher des Kinsey-Instituts gegen das Analytikerdogma aufzumucken.
Jetzt erhielten die Kinsey-Wissenschaftler Unterstützung durch eine Studie des kalifornischen Psychiaters Richard Green, der den sexuellen Werdegang von 44 amerikanischen Jugendlichen, die ihm in seiner Praxis begegnet waren, über 15 Jahre hinweg verfolgte. Professor Green beobachtete, wie sich die in früher Kindheit durch ihr stark feminines Verhalten auffälligen Jungen entwickelten. Fazit der Langzeituntersuchung, die als Buch unter dem Titel »The Sissy Boy Syndrome« im Februar erscheint: _(Richard Green: »The Sissy Boy ) _(Syndrome«. Yale University Press; 480 ) _(Seiten; 40 Dollar. )
Die meisten der schon als Kleinkinder ungewöhnlich »weichlichen« Knaben wurden, wenn sie erwachsen waren, zu Homosexuellen oder Bisexuellen.
»Manche Kinder«, so Green, »fühlen sich von frühester Kindheit an einfach anders.« Sie seien offenbar »ohne die aggressive Männlichkeit geboren, die andere
Jungen kennzeichnet« - Überfürsorge der Mutter oder Unzulänglichkeit des Vaters hätten damit nichts zu tun.
Die Studie ging nicht der Entwicklung von Homosexualität bei Jungen nach, die sich in ihrer Kindheit typisch maskulin gebärdeten - etwa ein Drittel der homosexuellen Männer erinnert sich an eine solche »männliche« Kindheit.
Die »Sissy boys«, so die abschätzige, volkstümliche amerikanische Bezeichnung für »Muttersöhnchen«, »Heulsusen« und »Softies«, waren dem Professor der Universität von Los Angeles schon als Kleinkinder in der Sprechstunde vorgestellt worden. Die besorgten Eltern hatten dabei stets von der Neigung ihrer Söhne zu mädchenhaften Rollen berichtet:
Die kleinen Jungen hätten nichts für Tobereien, Sport oder Autos übrig, sie spielten ausschließlich mit Puppen, verkleideten sich mit Mutters Sachen, schminkten und schmückten sich und wählten beim gemeinsamen Spiel stets den weiblichen Part.
Anfänglich glaubte der Wissenschaftler, bei seinen Untersuchungen den Ursprüngen männlicher Transsexualität auf der Spur zu sein. Doch nur ein einziger der femininen Knaben entwickelte sich später zum Transsexuellen.
Jeweils drei von vier der über die Jahre immer wieder befragten Kinder und Jugendlichen, so berichtet Green, seien am Ende der Beobachtungszeit in ihrer Triebrichtung eindeutig homosexuell oder bisexuell geworden. Daran konnten auch alle Bemühungen von Eltern, die Jungen in anderer Richtung zu beeinflussen, nicht viel ändern. Um die »unmännlichen« Verhaltensweisen ihrer Sissy boys umzulenken, hatten einige der Eltern die Kinder sogar in psychotherapeutische Behandlung gegeben - ohne Erfolg.
Daß andere Ursachen als bestimmte Eltern-Konstellationen oder Erziehungsmethoden für die Neigung zur Homosexualität verantwortlich sein müßten, schließt Green auch aus der Tatsache, daß viele der betroffenen Elternpaare auch andere Söhne hatten, die sich »normal männlich« gebärdeten und entwickelten .
Andererseits, meint Green, könnten gewisse Einstellungen der Eltern die homosexuelle Orientierung der Jungen noch verstärken. Dazu zähle schon der ausgeprägte Wunsch - besonders werdender Väter - nach einem Mädchen.
Einfluß auf die sexuelle Entwicklung hatte offenbar auch die Reaktion der Eltern auf den spielerischen Rollentausch der kleinen Jungen: Viele Väter und Mütter von später homo- oder bisexuellen Jungen seien anfangs entzückt über die Verkleidung als Mädchen gewesen, in vielen Familien-Photoalben hätten sich Bilder der niedlichen Jungen im Röckchen gefunden.
Keinen Zusammenhang konnte der Forscher hingegen zwischen der Homosexualität und dem Aufwand an Zeit ermitteln, den Mütter ihren Sissy boys widmeten. Vielmehr seien viele dieser Jungen sogar weniger häufig mit ihren Müttern zusammengewesen als die Kinder einer Vergleichsgruppe »maskuliner« Jungen.
Bedeutender sei für die Triebrichtung allenfalls gewesen, wie intensiv sich die Väter um ihre jungen Söhne kümmerten: Die Väter der femininen Jungen, so beobachtete Green, verbrachten, mit zunehmendem Alter der Kinder, immer weniger Zeit gemeinsam mit ihrem Sprößling. Isolierung von den Vätern wie auch von ihren männlicheren Gleichaltrigen könnte bei manchem der Jungen dazu geführt haben, daß er nach männlicher Zuneigung hungerte und als Heranwachsender Liebe bei Männern suchte, mutmaßt der Forscher.
Männliche Homosexualität könne nicht auf kulturelle, angeborene oder häusliche Faktoren allein zurückgeführt werden, folgert der Wissenschaftler aus seiner Studie; ein Zusammenwirken aller drei bestimme die Abweichung von der Norm.
Das zeige sich besonders deutlich an einem eineiigen Zwillingspaar aus der Untersuchung. Einer der Jungen sei in der Kindheit ausgeprägt feminin, der andere typisch maskulin gewesen. Während der Softie oft kränkelte und mit seinem Vater nicht viel zu tun hatte, stand der männlichere Zwillingsbruder in einem normalen Vater-Sohn-Verhältnis.
Als Erwachsene waren beide Brüder bisexuell - doch der feminine Zwilling zeigte sich Männern weit mehr zugeneigt als sein Bruder.
Diese Zwillinge, meint Green, seien sozusagen »das Sinnbild dieser Studie": »Sie sind ähnlich, aber nicht gleich, der Unterschied erklärt sich durch das frühe weibliche Verhalten des einen.«
Richard Green: »The Sissy Boy Syndrome«. Yale University Press; 480Seiten; 40 Dollar.