ARCHÄOLOGIE Einstieg ins Totenreich
Bei ihrem Sturm auf Qatna packte der Zorn die siegreichen Hethiter. Was ihnen an Mensch und Material gefiel, verschleppten, versklavten und plünderten sie. Der Rest wurde niedergemetzelt und verwüstet. Qatnas König Idanda: hingerichtet. Sein protziger Palast: abgefackelt bis auf die Grundmauern. Doch im Taumel der Zerstörung konservierten die Hethiter einen seltenen Schatz für die Nachwelt: Der Schutt des einstürzenden Palasts versiegelte die reich ausgestattete Herrschergruft. Bald erstickten die Pechfunzeln. Dunkelheit umfing die Preziosen.
3340 Jahre später: Der Tübinger Archäologe Peter Pfälzner, 42, zwängt seinen Lockenkopf durch ein Loch in der lehmigen Erde des Ruinenhügels Tell Mischrife (Westsyrien). Goldringe blinken im Schein der Taschenlampe. Daneben schimmern blasse Alabastervasen - und in der Ecke ruht ein Sarkophag. Pfälzner intoniert einen Triumphschrei.
Was dort unter dem Staub der Jahrtausende liegt, bekam nie zuvor ein Mensch der Neuzeit zu Gesicht: ein altsyrisches Königsgrab samt Inventar. Während man in Ägypten und Mesopotamien den Goldschmuck tonnenweise hob, starrten Pfälzners Vorgänger in Syrien, wenn sie überhaupt Grüfte fanden, nur in leere Kammern, ausgeräumt von Grabräubern.
Erst allmählich erkennen Forscher die Konturen einer Hochkultur an den Flüssen Chabur und Orontes, die sich gegen die Rivalen an Nil und Tigris behauptete. Und manches kommt ihnen seltsam bekannt vor: »Die altsyrischen Kleinstaaten erinnern stark an die Fürstentümer des europäischen Mittelalters«, sagt Joachim Bretschneider von der Katholischen Universität Leuven (Belgien). Hier wie dort: Privatwirtschaft und Feudalherrschaft. Obwohl mehr als zwei Jahrtausende zwischen den Epochen liegen, sagt Bretschneider, war »der Lebensstandard im alten Orient keineswegs schlechter«.
Noch im August bestimmte archäologischer Alltag die Grabung in Qatna. Routiniert hatte Pfälzners 15köpfiger Schürftrupp, zusammen mit einem syrischen und einem italienischen Team, die vier Meter tiefen Fundamente der größten Palastruine Vorderasiens freigelegt, vermessen und kartiert.
Es ging auf das Ende der »Sommerkampagne« zu, als die Tübinger Ausgräber auf einen rätselhaften Gang stießen, der einst leicht abfallend unter dem Palast entlangführte, vom Thronsaal über eine Treppe und durch eine schwere Holztür zugänglich. »Solche Gänge waren in altsyrischen Palästen völlig unbekannt«, sagt Pfälzner. »Wir dachten zuerst, wir hätten den Lieferanteneingang gefunden.« Durch 40 Meter Brandschutt und verkohlte Holzbalken wühlten sich Pfälzners Leute - dann endete der Gang abrupt in einem Felsschacht: dem Einstieg in Qatnas Totenreich.
So öffnet sich erstmals ein Blick auf den Totenkult jener Zeit. In fünf Räumen wurden die Ahnen der Herrscher Qatnas bestattet und verehrt. Vom Vorraum am Fuß des Schachts aus höhlten die antiken Tiefbauer eine Hauptkammer mit drei Nebenkammern ins Grundgestein. »Man residierte über den Knochen seiner Väter«, sagt Bretschneider, »um seinen dynastischen Anspruch zu untermauern.«
Aus Sorge um ihre Gesundheit wagten sich die Archäologen anfangs nicht in die Hauptkammer. Sie fürchteten, dass giftige Schimmelpilze die königlichen Leichname zersetzt haben könnten. Doch das Labor des Berliner Robert-Koch-Instituts gab Entwarnung, und sogleich begann Pfälzner, sich Zentimeter für Zentimeter in die Hauptkammer vorzuarbeiten.
Zuvor hatte Pfälzner aus dem Erdreich geschält, was Kollege Bretschneider nun als »einen der spektakulärsten Funde der letzten Jahrzehnte« feiert: zwei in Basalt gemeißelte Statuen, 85 Zentimeter hoch, die den Eingang zur Hauptkammer flankierten. Rundherum barg Pfälzner Splitter von Goldblech, mit dem die Statuen einst überzogen waren. Toga, Barttracht und Stirnband weisen sie als Königsbilder aus.
Den außergewöhnlichen Stil der Werke, die hockende Haltung mit angewinkelten Ellenbogen und den dicken Wulstrand der Gewänder kennen Kunsthistoriker bisher nur von zwei anderen bronzezeitlichen Statuen - und eine davon wurde um 1930 in Qatna gefunden. »Sehen wir da Zeichen einer eigenständigen Tradition?«, rätselt Horst Klengel vom Pergamonmuseum in Berlin.
Offen ist, wen genau die Statuen zeigen. Pfälzner datiert sie ins 17. oder 18. vorchristliche Jahrhundert - rund 300 Jahre vor den Bau der Gruft. Er sieht darin keinen Widerspruch: »Die Statuen stellen keinen bestimmten Herrscherahnen dar, sondern einen Idealtyp.«
Doch manche Kollegen Pfälzners bezweifeln diese Deutung. Denn eine ähnliche Statue aus dem nordsyrischen Alalach zeigt den durchaus konkreten König Idrimi. Wohl erst Jahrhunderte nach Idrimis Tod wurde sein Abbild rituell bestattet.
Indes ist sicher, dass Pfälzners Fundstücke eine feste Rolle in den Grabriten am Hof zu Qatna spielten: Zu ihren Füßen standen Keramikschalen für Speiseopfer. »Nur wer die Geister der Toten versorgte, konnte sich vor ihren Flüchen sicher fühlen«, sagt der Archäologe Bretschneider. Und Verpflegung konnten die Verblichenen auch gut gebrauchen: »Das Jenseits war ein düsterer Ort«, so Bretschneider. »Die altsyrischen Götter gaben den Toten Morast zu essen und Brackwasser zu trinken.«
Schon vor dem Vorstoß in Qatnas Unterwelt hatten zwei Funde Pfälzners Furore gemacht: Aus den Trümmern des Palasts barg er Stücke eines Wandgemäldes, das zwei rötlich-orange Schildkröten mit schwarzen Punkten zeigt. Der Stil erinnert an die minoischen Paläste auf Kreta. »Vieles spricht jetzt dafür, dass die minoischen Künstler syrisch beeinflusst waren«, sagt Pfälzner.
Dann, halbwegs im Geheimgang, mussten Pfälzners Leute schon wieder ihre Hacken und Schaufeln mit Spachteln und Pinseln vertauschen: Auf dem Lehmboden lagen 65 Tontafeln, dicht mit Keilschrift bedeckt. Ein Teil des königlichen Archivs war bei der Zerstörung des Palasts vom ersten Stock bis in den Keller durchgesackt.
Eilends flog der Schriftexperte Thomas Richter aus Frankfurt ein, um die Raritäten in Augenschein zu nehmen. Und die tönernen Ritzereien verwunderten ihn vom ersten Satz an: »Die Tafeln sind in einer bisher unbekannten Sprache geschrieben.« Offenbar mischte sich in Qatna die Sprache der hurritischen Bevölkerungsmehrheit mit dem Akkadischen, der damaligen »Weltsprache« Vorderasiens. »Die Verben sind hurritisch, der Rest akkadisch«, konstatiert Richter.
Aus dem alten Syrien ist wenig Schriftliches erhalten. »Bisher kannten wir seine Geschichte fast nur aus den Beschreibungen der Ägypter und Hethiter«, sagt Richter. Gerade für die Zeit um 1400 vor Christus, von der die Qatna-Tafeln handeln, klaffte eine Lücke in den Sammlungen.
Qatna verdankte seinen Reichtum der günstigen Lage am Rand der syrischen Wüstensteppe. Reichlich Regen, den der Westwind vom Mittelmeer durch die Senke von Homs trieb, machte die Felder auch ohne künstliche Bewässerung fruchtbar. Vor allem aber war Qatna die größte Drehscheibe des vorderasiatischen Fernhandels. Für Eselskarawanen, die Zinn aus iranischen Minen an die levantinische Küste schleppten, führte kein Weg an Qatna vorbei. Immer wieder orderten die ägyptischen Pharaonen Pferde aus dem Norden, die im heißen Klima am Nil nicht lange lebten, und bezahlten mit Gold. Stoffe, Leder, Schmuck und Wein
aus Kreta wurde nach Mesopotamien umgeschlagen.
Jahrhundertelang konnten Qatna und die anderen syrischen Stadtstaaten ihren Wohlstand mit geschickten diplomatischen Manövern erhalten. Eingekeilt zwischen den expansiven Großreichen der Ägypter, Babylonier und Hethiter suchten sie stets die Nähe einer Schutzmacht. Die nun zu Tage gekommenen Tafeln beweisen, dass sich Qatnas Regenten mit einer Art Geheimdienst auf dem Laufenden hielten: einer »altsyrischen Stasi« (Richter). Fünf davon sind Dossiers, in denen auswärtige Informanten die politische Lage der Region analysieren - und König Idanda eindringlich vor den anrückenden Hethitern warnen. »Rüstet die Stadt!«, heißt es darin, und: »Bereite dich auf dein Ende vor!«
Idanda jedoch vertraute seiner Stadtfestung. Schließlich war Qatna ja von Verteidigungsmauern umgeben, die im Orient ihresgleichen suchten: Noch heute, eingefallen und verwittert, ragt ihr Wall 20 Meter hoch.
Die Wucht des heraufziehenden Bronzegewitters lassen die Tafeln nur ahnen: 18 600 Bronzeschwerter orderte Idanda von seinen Waffenschmieden. »Das lässt auf ein Heer von mindestens zehntausend Mann schließen«, schätzt Richter, wohl weit mehr, als die Stadt an regulären Einwohnern zählte - aber höchstens halb so stark wie die Streitmacht des Hethiterkönigs Suppiluliuma. Ahnungsvoll ersuchte Idanda den südlichen Nachbarn Ägypten um die Entsendung von Truppen.
Doch der Pharaonenstaat verweigerte die Militärhilfe. Qatna fiel und blieb für immer am Boden. Womöglich sind es die letzten Reste des alten Prunks, die Pfälzner aus ihrer luftdichten Kapsel holt.
Und die besten Stücke, so glaubt er, warten noch: »In der Hauptkammer erkennt man Gold, Bronze, Lapislazuli und Karneol.« Inzwischen gelang ihm auch ein erster Blick in zwei der steinernen Sarkophage, deren Holzdeckel vermutlich abgefault sind: Drei Skelette liegen darin, daneben Gefäße aus Gold und Keramik.
In den nächsten beiden Wochen will Pfälzner die Grabung abschließen: »Wir sind guter Dinge, dass wir Weihnachten zu Hause verbringen.« Falls nicht, dann feiert Familie Pfälzner eben unter Zedern: Frau und zwei Kinder sind soeben in Syrien eingetroffen. TOBIAS HÜRTER
* Links und rechts des Eingangs die beiden Königsstatuen.