Esel und Karotte
Im Sommer 2008 wurde Madonna 50 Jahre alt, und kein Gratulant versäumte den Hinweis darauf, dass sie, die »Pop-Ikone«, die »Erotik-Göttin«, das »Punkgirl«, der »Glamourstar«, eine »Meisterin der Selbsterfindung« sei. Die Stationen ihrer Karriere wurden bewundernd nachgezeichnet als das Lebenswerk einer starken Frau, die stets zu neuen Ufern aufbricht, keine Grenzen kennt, die immer Faszinierendes aus sich schöpft und damit stets die ganze Welt beeindruckt.
So bedingungslos trat die Bewunderung in Erscheinung, dass in den Grußbotschaften häufig der Hinweis darauf fehlte, dass Madonna ihren Ruhm nicht nur eigenem Willen und Können, sondern vor allem beharrlicher professioneller Arbeit eines großen Stabes verdankt. Immer begleitete ein Team aus Kreativdirektoren, Komponisten, Textern, Produzenten, Regisseuren, eine Herde von Marktforschern, Pilates-Trainern, Make-up-Künstlern, Modeschöpfern ihre Wandlungen.
Wie eine Ware wurde Madonna konzipiert, es wurde herumgetüftelt an ihr wie an einem Prototyp. Wirkungen wurden kalkuliert, Effekte berechnet, es wurden Bühnenshows in Szene gesetzt mit dem Aufwand von Hollywood-Produktionen, und erst ganz am Ende stand sie im Licht, die Helfer waren unsichtbar, und alle sahen nur: Madonna.
Wenn es jedoch noch Beispiele dafür bedürfte, wie schwer, wie mühselig es für den Menschen bleibt, sich zu verändern, sich »neu zu erfinden«, könnte Madonna bestens dafür herhalten. Denn sie brauchte und braucht schließlich stets Dutzende Betreuer, braucht einige Millionen Dollar, ganze Hangars voller Material, Garderobe und Kulissen, um ihre Häutungen, Verwandlungen, Selbstinszenierungen herzustellen. Der Normalmensch verfügt, es ist ein Jammer, über derlei Mittel nicht.
Der Normalmensch versucht, sich das Rauchen abzugewöhnen und scheitert. Er möchte gern häufiger nein sagen, sagt dann aber doch wieder ja. Er würde gern weniger arbeiten, weniger wiegen, weniger trinken, findet aber keinen Weg dahin. Er hat gehört davon, dass es besser wäre, positiv und zuversichtlich jeden neuen Tag anzugehen, und dass er stets die Chance hätte, etwas ganz anderes zu machen, ein ganz anderer zu sein. Aber oft liegt er morgens doch lieber länger im Bett, ganz der Alte, um die Zumutungen des Alltags noch ein wenig aufzuschieben. Der Normalmensch ist, offenkundig, nicht Madonna.
Und doch gehören beide eng zusammen. Wenn man der Ideologie unserer Zeit folgt, jener Ideologie, die bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise alles Denken regierte, dann sollen, dann müssen sie sogar zusammengehören. Denn in diesem System war Madonna das Ideal einer sensationell erfolgreichen Ich-AG, ein fernes Vorbild noch für den längsten Langzeitarbeitslosen. Sie agierte auf der Poleposition des Lebens, sie war, ganz vorn, der mutige Ausreißer im globalen Rattenrennen, sie führte vor, wie man das Beste aus der Notwendigkeit zum Überleben macht. Der Popstar war die stete Erinnerung daran, dass trotz aller Zwänge ein anderes, neues, großes Leben immer möglich bleibt; aber vielleicht, sehr wahrscheinlich, ist Madonna, sind alle Superstars, alle Verwandlungskünstler, Selbsterfinder und sonstigen Idole nur die Karotte an der Schnur vor dem Esel. Und der Esel sind wir.
Wir, denen es am Talent zur großen Karriere mangelt, am Willen, selbst einfachstes Fehlverhalten zu korrigieren, sollen uns angeleitet fühlen durch den Erfolg anderer, und viele verstehen diese Aufforderung irgendwie falsch: Sie suchen neues Lebensglück bei »Big Brother«, lassen sich von Deutschland und Dieter Bohlen als neue Superstars suchen, oder sie moderieren gleich, so barbusig wie verzweifelt, noch die dümmsten Ratespiele im Commercial-TV. Dass dieser Zirkus überhaupt funktionieren kann, hat damit zu tun, dass es Wunder immer wieder gibt, wie sich eines ereignete, als über die »Nessun Dorma«-Darbietung des englischen Telefonverkäufers Paul Potts die Tränen flossen.
Potts ist gewissermaßen das Bindeglied zwischen einem selbst da unten und Madonna da oben, der Beleg dafür, die verkörperte Hoffnung, dass der Neustart gelingen kann, dass potentiell jeder, nach Jahren, Jahrzehnten des Winterschlafs als ein anderer, Schönerer endlich erwachen kann. Aber stimmt das? Oder ist es nur die Logik des Lottospielers, der allen Wahrscheinlichkeitsrechnungen zum Trotz sein Glück versucht? Und hat sich Paul Potts überhaupt »neu erfunden«? Oder stand da auf der Bühne nicht eigentlich derselbe Telefonverkäufer, der er immer war, nur eben in anderer Rolle?
Wer Zeitschriften liest wie »Psychologie heute«, wer grob über einschlägige Literatur fliegt, muss zu dem Schluss kommen, dass die Menschheit trotz aller Forschung noch immer so gut wie ahnungslos vor den Problemen des Ich, des Selbst, des Bewussten wie des Unterbewussten steht. An die Stelle von Erkenntnissen werden in den einschlägigen Dossiers der Frauenmagazine gern modische Meinungen gesetzt, ein paar Jahre lang gilt die »Selbsterkenntnis« - was immer das sei - als die Forderung der Stunde, dann folgen Phasen (und viele Phrasen), in denen die »Selbsterfindung« propagiert wird. Es gab schon Jahre, in denen Selbstbezug und Askese en vogue waren, dann welche, die mehr mit Entäußerung und Genuss hantierten. Anything goes.
Die Erkenntnistheorie vom Ich und vom Du und von ihren Wandlungen spielt sich am Ende ab irgendwo zwischen dem alten Margarine-Slogan: »Ich will so bleiben wie ich bin« und der antiken TV-Rateshow mit Robert Lembke namens: »Was bin ich?«. Der Buchmarkt wirft dazu tausenderlei Ratgeber auf den Markt, die wie ein riesiger Roman zu lesen sind, der nach den Worten von Walter Benjamin noch stets »die tiefe Ratlosigkeit alles Lebenden« bekundet.
So liegt, ausnahmsweise, der marxistische Schluss nahe, dass bei der Suche nach den Verheißungen der Selbsterfindung das Sein das Bewusstsein bestimmt. Andere Zeiten und Verhältnisse bringen andere Konzepte mit sich: Ein VW-Arbeiter, der in den vierziger Jahren als Sohn eines VW-Arbeiters in Wolfsburg geboren wurde, in den fünfziger Jahren in die Lehre ging, zum Facharbeiter aufstieg und nun ins Rentenalter kommt, musste sich zeitlebens nicht neu »selbst erfinden«. Er musste durchhalten, weitermachen, stand nicht ständig vor Optionen, nicht vor der Wahl, ob er morgen vielleicht als Kinderpfleger, übermorgen als Getränkefahrer, überübermorgen als Alleinunterhalter über die Dörfer ziehen soll. Heute? Muss er sich, in Zeiten der Krise, mit derlei Möglichkeiten vertraut machen.
Und deshalb werden ihm heute, weil lückenlose Berufsbiografien eben kaum mehr geschrieben werden, schicke Konzepte an die Hand gegeben, um die Gebrechlichkeit der Welt überhaupt auszuhalten. »Life Hopping« lautet nur eines davon, der »flexible Mensch« wird positiv gepredigt, alles soll nur noch »Patchwork« sein, und die Werbung sagt: »Everyone is an original.« Aber bei alldem wird man das Gefühl nicht los, dass nur schöngeredet werden soll, was im Erleben der meisten Menschen gar nicht schön, sondern eine fortgesetzte, fürchterliche Überforderung ist. Und außerdem wirkt es so, als laute der eigentliche, paradoxe Ratschlag stets: Ein anderes, besseres Leben ist auch für dich möglich, wenn, ja wenn du nur endlich ein anderer, besserer Mensch wärst.
Erfinde dich selbst: Die antiken Philosophen würden herzlich lachen über diese Aufforderung, die den altgriechischen Ruf nach Selbsterkenntnis für den Moment abgelöst hat. Die Hauptschwäche des Kreativkonzepts besteht vermutlich darin, dass sie ein Reden von oben nach unten ist. Eigentlich gilt es doch nur für die Talentierten, Gebildeten, Erfolgreichen, Mutigen, für die ohnehin Flexiblen, die guten Grund zur Annahme haben, dass sie auf vielen Feldern reüssieren könnten, in die hinein sie sich folglich »neu erfinden« könnten.
Aber die Erfolglosen, Untalentierten, Ungebildeten, Mutlosen? Sie bleiben, was sie immer waren: Zuschauer, Zuhörer. Mal beim Madonna-Konzert, mal bei elitären Debatten darüber, was andere aus ihrem Leben noch so alles machen könnten.