Fäuste des Satans - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 100 / 122

Krankheit Fäuste des Satans

Martin Luther, vermeintlich eine Kraftnatur, war in Wahrheit ein schwerkranker Dauerpatient.
• aus DER SPIEGEL 10/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im hessischen Schmalkalden bezog der Reisende ein ungeheiztes, feuchtkaltes Herbergszimmer. Draußen pfiff ein eisiger Wind. Das war Gift für den kränkelnden Gast. Schwerste Koliken warfen ihn nieder. »Oh Herr«, flehte er, vor Schmerz halb von Sinnen, »höre doch mein Seuffzen und Schreyen und hilff mir!«

Die Stoßgebete, die Martin Luther im Februar 1537 gen Himmel sandte, halfen sowenig wie die Arzneimittel, die er schluckte und wieder erbrach. Nieren- und Blasensteine hatten die Harnwege des Reformators blockiert. Auch ein Spezialist, der den Patienten mit einem selbstgebastelten Saugkatheter traktierte, konnte keine Linderung schaffen.

Mit letzter Kraft raffte sich der Sterbenskranke zur Heimreise nach Wittenberg auf, sein Glück: Unter den Stößen des Pferdefuhrwerks lockerten sich die Konkremente. Luther konnte, nach acht Tagen Harnverhaltung, wieder Wasser lassen: »11 Kannen«, wie er später erzählte, flossen ab; sechs Steine wurden dabei herausgespült, einer von ihnen »fast bohnengroß«.

Der Horrortrip mit blockierter Blase ist nur eine besonders bizarre Episode aus der langen und wechselvollen Krankengeschichte des Reformators, die der Berliner Chirurg Hans-Joachim Neumann in einem soeben erschienenen Buch ("Luthers Leiden") zusammengefaßt hat**. Die Studie präsentiert den Gottesmann als einen schwergeprüften Invaliden, dem das Schicksal eine geradezu biblische Fülle höchst unterschiedlicher Gebrechen aufhalste.

Halbwegs gesund, schätzt Autor Neumann, war Luther allenfalls bis zu seinem 38. Lebensjahr. Danach ging''s bergab: Schwere Verdauungsstörungen, Gallen- und Nierenkoliken, Schwindel- und Kreislaufattacken, Gichtknoten, Rheuma und Angina-pectoris-Anfälle zermürbten den Wittenberger Dynamiker. Am Ende war er kaum noch imstande, sich längere Zeit auf den Beinen zu halten.

Daß er dennoch als Ausbund von Vitalität - als »Hercules Germanicus«, so der zeitgenössische Maler Hans Holbein der Jüngere - in die europäische Geschichte einging, ist nach Ansicht Neumanns vor allem Luthers eiserner Energie zu verdanken. Willensstark bis zur Selbstzerstörung mißachtete er seine Leibesmolesten, die er allesamt als hinterhältige ** Hans-Joachim Neumann: »Luthers Leiden«. _(Wichern-Verlag, Berlin; 212 Seiten; ) _(34 Mark. ) _(* Illustration nach einem ) _(Holzschnitt von Ludwig Richter. )

Störmanöver des Leibhaftigen einstufte.

Was ihn dazu getrieben hatte, im Alleingang Papst und Kaiser herauszufordern, bleibt bis heute rätselhaft. Noch als Studiosus hatte Luther, trinkfest und rauflustig, mit Kirchenfragen nichts im Sinn. Eine jähe seelische Erschütterung, so Neumann, habe den bis dahin unbeschwerten Sohn eines Bergmanns zum Klosterleben bekehrt - oder suchte er, wie einige Forscher spekulieren, dort Zuflucht, nachdem er im Duell einen Kommilitonen erstochen hatte?

Im Kloster jedenfalls, bei den Brüdern vom Bettelorden der Augustiner, lastete eine quälende Sündenangst auf dem Gemüt des Novizen. Sein depressiv gestimmter Geist war wie besessen vom Trachten nach göttlicher Gnade und Vergebung. Selbstquälerisch unterwarf er sich strengsten Exerzitien mit tagelangem Fasten, erschöpfenden Nachtwachen und inbrünstigen Gebeten.

Das strapaziöse Klosterdasein, glaubt Neumann, habe der Gesundheit Luthers einen bleibenden Schaden zugefügt. Augenzeugen beschreiben den todernsten Mönch als hageren, ausgezehrten Asketen mit exaltiertem Gebaren. Beim Lesen einer Bibelstelle über Besessene, so wird berichtet, sei Bruder Martin mit dem gellenden Schrei »Ich bin''s nicht!« besinnungslos zu Boden gestürzt, ein Kollaps, den frühere Luther-Diagnostiker als epileptischen Anfall gedeutet hatten.

Davon will Diagnostiker Neumann nichts wissen; es gebe, urteilt er, bei Luther keinerlei Anzeichen für hirnorganische Störungen. In Luthers gelegentlichen Absenzen sieht Neumann allenfalls »hysterische« Symptome einer chronisch überreizten, angstbesetzten Psyche, nichts Ungewöhnliches in der aufgeheizten Atmosphäre der Reformationszeit.

Auch an endogenen Psychosen, etwa manisch-depressivem Irresein oder Schizophrenie, habe der Reformator wohl kaum gelitten, glaubt Neumann - trotz gelegentlicher Halluzinationen: So lümmelte sich, in Luthers Kammer auf der Wartburg, ein eingebildeter schwarzer Hund auf dem Bett. Im Gebälk oder in einem Kasten voller Nüsse machten sich Poltergeister zu schaffen, gleichfalls Teufelswerk. Kurz vor seinem Tod berichtete Luther von 50 Juden, die versucht hätten, ihm mit Hilfe eiskalter Winde das Gehirn einzufrieren, für Neumann Zeichen eines streßbedingten Verfolgungswahns.

An Luthers entbehrungsreichem Lebensstil änderte sich wenig, als er nach Abschluß seines Theologiestudiums eine Laufbahn als Hochschullehrer einschlug. Erst auf der Wartburg, wo er sich 1521 - geächtet, gebannt und für vogelfrei erklärt - als »Junker Jörg« verborgen hielt, wurden dem mageren Asylanten regelmäßig üppige Mahlzeiten serviert; die bekamen ihm gar nicht.

Sein ohnehin träges Verdauungssystem quittierte die ungewohnte Fettlebe mit einem Dauerstreik. Zwar nahm Luther rasch zu, doch auf dem Burgklo wand er sich »in Schmerzen wie eine Wöchnerin«. In Jammerbriefen ("Mein arss ist bös worden") beschrieb er detailgenau die Verheerungen, die der steinharte Stuhl an seinem Hinterteil verursachte.

Die obstinate Hartleibigkeit entwickelte sich, wie Neumann schreibt, zu einem »Roemheld-Syndrom«, einem Leiden des Darmkanals, das quälende reflektorische Störungen des Kreislaufs und der Herztätigkeit auslöst. Luther, der die Wartburg feist und kurzatmig verließ, wurde das Roemheld-Übel nie wieder los.

In den nächsten Jahren - Luther war kaum über 40 und hatte kurz zuvor die Ex-Nonne Katharina von Bora geheiratet - lernte der rastlose Reformator, daß ihm noch schlimmere Körperqualen bevorstanden. Anno 1526 beginnt sein Nierensteinleiden. Luther: »Ich gehe abermahl schwanger und liege in Kindesnöthen, krächze am Steine.«

Ein Jahr später erlebte er seinen ersten Angina-pectoris-Anfall mit schweren Angstgefühlen ("Beinahe wäre ich gestorben"). Bald darauf folgt eine besonders furchterregende Schwindelattacke, die mit einem Donnern und Brausen im Ohr einherging und den Patienten nachhaltig verstörte. Luther, »an allen Gliedern zitternd«, fühlt sich aufs neue dem Tode nahe.

Autor Neumann erkennt in dem schockierenden Erlebnis alle Symptome der Meniereschen Krankheit, eines Leidens, bei dem sich der Patient wie auf einem rasend rotierenden Karussell fühlt. Das Meniere-Phänomen, das auf einem Defekt des Gleichgewichtsorgans im Innenohr beruht, kann laut Neumann »selbst psychisch robuste Personen in einen Zustand der Verzweiflung« treiben.

Die Meniereschen Drehschwindel-Anfälle zählten fortan zu den Dauerplagen, die Luther zu erdulden hatte. Später kamen die Gicht, ein Ulcus cruris (vulgo: »Offenes Bein"), wiederkehrende Mittelohrentzündungen und andere Infektionskrankheiten hinzu - alles »satanische Faustschläge auf mein Fleisch«, wie Luther grimmig anmerkte.

In seinen letzten Lebensjahren war der Theologe oft derart entkräftet, daß er auf einem Wägelchen in den Hörsaal oder in die Kirche gekarrt werden mußte. Predigen, seine Lieblingsbeschäftigung, konnte er nur noch daheim vor gleichgesinnten Besuchern; deren Zahl war im Lauf der Jahre erheblich geschrumpft.

Der von ständigen Schmerzen genervte Reformator geriet, wie Neumann nachweist, zunehmend auch seelisch aus der Fasson. Verbittert, gereizt und aggressiv suchte er Streit mit Feinden wie Freunden. Die schrillen und verletzenden Töne, die Luther in seinen Traktaten und Polemiken anschlägt, sind nach Überzeugung Neumanns auch Ausdruck der gemarterten Psyche Luthers.

Als er im Januar 1546 zu seiner letzten Reise aufbrach, einer Mission im Dienst der Obrigkeit, vergaß er wie so oft seine Medikamente; sie hätten ihm wohl ohnehin nicht viel geholfen. Gestorben ist der unermüdlich tätige Reformator mit 62 Jahren an der Managerkrankheit - einem Herzinfarkt, wie Neumann sicher zu wissen glaubt.

Noch im Angesicht des Todes war der wortgewaltige Prediger zu eindrucksvollen Formulierungen fähig: »Wenn ich wieder heim gen Wittenberg komm«, sagte er gottergeben, »so will ich mich alsdann in Sarg legen und den Maden einen feisten Doctor zu essen geben.« Y

Der unermüdlich tätige Reformator starb an einem Herzinfarkt

** Hans-Joachim Neumann: »Luthers Leiden«. Wichern-Verlag, Berlin;212 Seiten; 34 Mark.* Illustration nach einem Holzschnitt von Ludwig Richter.

Zur Ausgabe
Artikel 100 / 122

Mehr lesen über