Fallen der Evolution - DER SPIEGEL
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ZOOLOGIE Fallen der Evolution

Rabenvögel fressen das falsche Futter, Prachtkäfer begatten leere Bierflaschen, junge Meeresschildkröten laufen vom Wasser weg - der Mensch ist es, der die Tiere in die Irre führt.
• aus DER SPIEGEL 25/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der prachtvolle Trauerschwan vom Aasee aus Münster hat einen kuriosen Geschmack. Seine Geliebte überragt ihn um einige Schwanenhalslängen, ist viel zu fett und zu weiß für den gewöhnlichen Trauerschwan-Gusto. Schlimmer noch: Ihre Füße sind Paddel, ihr Körper ist aus Kunststoff. Und doch hat das junge Männchen eine rührende Liebesgeschichte mit dem Tretboot begonnen.

Sie treuherzig umkreisend von morgens bis abends, umschwärmt der schwarze Schwan seine Plasteschönheit, verteidigt sie aufbrausend gegen Segler; das geht jetzt schon so seit einem Monat.

Ein fehlgeleitetes Ausnahmetier, Schwachkopf unter den Schwänen? Immerhin ist die Liebe zum vogelförmigen Tretboot bereits öfter vorgekommen, zuletzt an der Hamburger Alster, wo die Beziehung von »Swanee« zu dem Wassergefährt Jahre währte - er büxte sogar aus seinem Winterquartier aus, um dem geliebten Boot einen Besuch abzustatten. So könnte auch der Trauerschwan aus Münster eines von vielen Beispielen sein für ein umfassendes Phänomen: Ähnlich fruchtlose Liebschaften bahnen sich in dieser Sekunde vieltausendfach an, unter allen möglichen Tiergruppen dieser Welt.

Und nicht nur das. Von der Eintagsfliege über den Frosch bis zum Eichhörnchen - die Geschöpfe scheinen in beinahe jedem Lebensbereich zu fatalen Irrtümern in der Lage zu sein. So legen Vögel ihre Eier genau in die Schneise tödlicher Gefahr; andere Tiere servieren ihren Jungen das falsche Futter, rennen Feinden blind vors Visier, laufen oder fliegen direkt ins Verderben statt in ihr angestammtes, sicheres Habitat.

Es ist der Mensch, der sie fehlleitet. Mit seinen Siedlungen, Staudämmen, Plantagen erobert er Stück für Stück mehr von der Erde. »Und manchmal verursacht er sehr dramatische und plötzliche Veränderungen der Umwelt«, erklärt der Schweizer Biologe Martin Schlaepfer von der University of Texas. Das Verhältnis von Licht und Schatten, Wasser und Nahrung, Boden und Luft - nichts bleibt unberührt, die Welt vieler Tiere kann innerhalb weniger Stunden komplett umgewälzt werden.

Obwohl es besser für sie wäre, auf die neuen Lebensbedingungen zu reagieren, tun die Tiere weiterhin das, was sich in Jahrmillionen ihrer Evolution als das sinnvollste Verhalten herausgebildet hat. Nur führe es jetzt ins Verderben, sagt Schlaepfer: »Die Regeln, anhand deren sie Entscheidungen getroffen hatten und mit denen sie bisher gut gefahren waren, versagen und bringen sie in eine schlimme Situation.«

Will heißen: Eine ganze Ewigkeit war es für den Schwan ausreichend, auf Signale wie Halslänge, Körperform, Bewegungsmuster zu achten, um ein Wesen als Schwänin identifizieren zu können - und zwar möglichst ein großes Weibchen. Nicht vorauszusehen war, dass die Männchen irgendwann eine Materialprüfung der Geliebten vornehmen müssen, um eine Tretboot-Balz auszuschließen.

»Evolutionäre Falle« heißt der neue, von Schlaepfer mitgeprägte Fachausdruck für solche Sackgassen. Die Naturschützer feiern das Konzept bereits als Weg, ihre Disziplin zu vermählen mit der Verhaltensbiologie.

»Wenn wir gewisse Tiere erhalten wollen«, sagt Annette Sauter, Ökologin an der Universität Zürich, »müssen wir ganz genau wissen, was mit ihnen passiert.«

Das Konzept der evolutionären Falle könnte zum Beispiel erklären, warum Bodenbrüter offenbar Flughafenwiesen als Nistplatzparadies sehen und dort Jahr für Jahr wieder Eier legen. Dabei wird dort regelmäßig gemäht - ein Überlebensroulette. Oder warum Eichhörnchen sich nicht an den Autoverkehr zu gewöhnen scheinen: Im Laufe ihrer Evolution haben sie gelernt, so schnell wie möglich über offenes Gelände zu wetzen, ohne kostbare Zeit damit zu verschwenden, nach möglichen Räubern Ausschau zu halten - denen sie dann ja doch nicht entkommen könnten. Doch auf einer vierspurigen Straße ist das blinde Flitzen angesichts der Geschwindigkeit ihrer motorisierten Feinde eine eher ungeeignete Strategie.

Evolutionäre Fallen entstehen vor allem in Städten. Zum einen werden menschliche Siedlungen immer mehr Tieren zur ständigen Heimat. Und zum anderen vollzieht sich der Wandel ihrer Lebensbedingungen dort täglich, stündlich - viel zu schnell jedenfalls für das Uhrwerk der evolutionären Anpassung, das eher in Tausendjahresschritten tickt.

Zwar kommen viele Kreaturen erstaunlich gut zurecht mit dem menschengemachten Habitat: So schnüren Füchse über den Ku'damm und vorbei am Kanzleramt, Uhus gleiten durch Hamburgs Nächte, Waschbären zerfleddern Matratzen auf Kassels Dachböden, Störche staksen über Karlsruher Müllkippen. Und überall in Deutschland randalieren Marder gern unter der Motorhaube, Borstenvieh quert auch mal den Berufsverkehr.

Auf den Straßen im Südosten Londons lassen sich nach Mitternacht sogar mehr Füchse sichten als in einem ganzen Jahr auf dem Land. In den Kanälen Mailands tauchen Kormorane, in Manhattan besitzen Wanderfalken die Lufthoheit - die Greife haben sich dauerhaft niedergelassen auf den Wolkenkratzern.

Aber viele andere Tiere werden nie eine Chance haben in der Stadt - woran liegt das? Und warum zum Beispiel rafft der Gelbe Knopf, eine Vogelseuche, so viele kleine Rundschwanzsperber im Stadtgebiet von Tucson in Arizona dahin? »Allgemein sind die Mechanismen des Überlebens oder auch Scheiterns in der Stadt immer noch wenig erforscht«, sagt Sauter.

So mussten die Biologen ganz genau hinsehen, um herauszufinden, in welche Falle die Rundschwanzsperber geraten waren. Die Antwort: Zwar schleppen die Elterntiere ihren Jungen doppelt so viel Futter ins Nest wie ihre Vettern auf dem Lande. Doch die Diät war etwas eintönig. Sie bestand, typisch Stadt, hauptsächlich aus Tauben - den Überträgern der Seuche. Das Futter ihrer ländlichen Verwandten enthielt nur vier Prozent Taubenfleisch.

Und es bedurfte eines komplizierten Experiments, um herauszufinden, wie Eintagsfliegen auf die Idee kommen, ausgerechnet auf Straßen ihre Eier abzulegen - die gehören eigentlich in Bäche, Teiche, Flüsse. Asphalt bedeutet: sofortiger Exitus. Der Versuch ergab, dass bestimmte Straßenbeläge das Licht ebenso polarisieren wie Wasser. Und genau danach richten sich die Eintagsfliegen. In Windeseile ist es so um eine ganze Population geschehen.

Ähnlich fatale Signale sendet die moderne Zivilisation einem australischen Prachtkäfer. Dessen Männchen geraten in Wallung angesichts leerer Bierflaschen. Sie besteigen den Glasmüll und sind davon nicht mehr runterzukriegen. Verantwortlich für die Mesalliance ist das in der Sonne rund und goldbraun leuchtende Glas der Flaschen - es scheint ausreichend Ähnlichkeit mit Farbe und Form des weiblichen Körperpanzers zu besitzen. Nur: Der Fortpflanzung dient das nicht.

Zu wahrhaft gefährlichen Liebschaften treiben die Folgen menschlichen Wirkens den warzigen Kuba-Laubfrosch und die leopardenartig gefleckte Südliche Kröte. Deren Weibchen signalisieren Paarungsbereitschaft, indem sie bewegungslos auf dem Boden harren und keinen Mucks von sich geben. In genau dieser Ergebenheitspose finden die Männchen in Städten nun erfreulich viele Weibchen: allesamt Verkehrsopfer.

Diese unfreiwillige Nekrophilie von Kröte wie Frosch ist nicht nur im Hinblick auf die Vermehrung Endstation - die Straße eignet sich auch denkbar schlecht für ein Schäferstündchen, ob mit totem oder lebendigem Weib; schnell folgt der Liebhaber dort seiner Partnerin in den Tod.

Solchen evolutionären Fallen mögen die Forscher noch relativ leicht durch Beobachtung auf die Spur kommen. Schwieriger wurde es für Annette Sauter, als sie in Florida an der Archbold Biological Station zu enträtseln versuchte, warum es den bedrohten Buschhäher so schnell dahinrafft. Die Nestlinge der Stadthäher sind im Vergleich zu ihren Vettern auf dem Lande Mickerlinge, entsprechend seltener überleben sie. »Inzwischen sind nur noch zehn Prozent der Population von vor zehn Jahren übrig«, klagt Sauter.

Doch woran liegt es? Die Rentner in den Lake Placid Estates, der Siedlung, die Sauter als Freilandlabor betrachtete, lieben die kecken blaugefiederten Rabenvögel, geben ihnen Namen ("Pinky") und füttern sie reichlich. »Mit ganzen Säcken voller Erdnüsse und Sämereien«, beschreibt die Ökologin. »Und in jedem Garten steht ein Futtertisch.«

Genau dies ist der Vögel Verhängnis, fand Sauter heraus: »Das Überangebot an

pflanzlichem Futter ist schlecht für sie.« Zwar machen all die fetten Nüsse die Eltern satt und stark - die Nestlinge aber brauchen dringend tierische Kost zum Gedeihen, erklärt die Biologin: »Raupen, Heuschrecken, auch mal einen Frosch.« Auf Erdnussberge hat die Evolution den Buschhäher jedenfalls nicht vorbereitet. Und so pickt er sich jetzt von Futtertisch zu Futtertisch seinem Ende entgegen.

Immerhin, ausgerechnet in Florida gibt es ein Beispiel, wo die Entdeckung einer evolutionären Falle tatsächlich dazu geführt hat, dass der Mensch mehr Rücksicht nahm: Junge Meeresschildkröten schlüpfen des Nachts am Strand. Nach der Geburt müssen sie zum Meer finden; dafür orientieren sie sich am Licht. Und das schimmerte immer heller Richtung Ozean, weil der den Nachthimmel spiegelt.

Mit dem Menschen aber kam das künstliche Licht an die Küsten. Ganze Generationen kleiner Schildkröten verdursteten, verhungerten oder starben auf ihrer Odyssee landeinwärts an Erschöpfung. Inzwischen leuchten am Strand Lampen mit dem Licht bestimmter Wellenlängen; auch in Privathäusern sind normale Glühbirnen verboten.

Die Sieger unter den Stadttieren sind solche, die so flexibel sind, dass sie sich rasch anpassen und erst gar nicht in Fallen geraten. Der Igel zum Beispiel scheint große Straßen zu meiden. Oder die Kohlmeise, deren Gesang der Biologe Hans Slabbekoorn im niederländischen Leiden analysiert hat. Ergebnis: Nahe der Autobahn oder stark frequentierten Kreuzungen tirilieren die Vögel in höheren Tönen als in der ruhigen Einfamilienhaussiedlung. Damit scheinen sie die eher niedrigen Frequenzen des Verkehrslärms zu übertönen - die Männchen wollen schließlich von ihren Artgenossinnen gehört werden.

Aber schon der Hausgimpel scheint am gleichen Problem zu scheitern: Wo das Stadtgetöse richtig laut dröhnt, erklingen seine Lieder nicht nur in höheren Frequenzen, sondern auch kürzer - die Weibchen aber lieben lange Lovesongs. Das könnte die Paarungsgelegenheiten der Innenstadtgimpel deutlich mindern, befürchten Forscher.

Der Mensch, der unwissentlich all diese evolutionären Fallen stellt, stecke selbst in einer, meint Martin Schlaepfer: »Er giert nach fettem Essen.« Früher einmal, als es nur in geringem Maß zur Verfügung stand, erklärt er, war es wahrscheinlich eine gute Idee, Lust auf Nüsse und Bauchspeck zu haben.

Aber in der Evolution der Lüste war es nicht abzusehen, dass der Homo sapiens einmal Pommes rot-weiß, Hot Dogs und Sachertorten erfinden würde - oder dass er seine Tage damit verbringen würde, sich von Stühlen über Autositze auf Sofas zu schleppen. RAFAELA VON BREDOW

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