Tankerunglück Fatale Eile
Der Fischer Mehmet Uncu kippte sich gerade ein Schlückchen Branntwein in die Kehle, als kurz vor Mitternacht das Meer in Flammen stand: »Ich war überzeugt, der Jüngste Tag ist angebrochen.«
Doch das Höllenfeuer, das am vorletzten Sonntag den Himmel über Istanbul erleuchtete, war Menschenwerk. Im Bosporus, rund sieben Kilometer nördlich der türkischen Millionenstadt, rammte der zypriotische Frachter »Shipbroker« den unter gleicher Flagge fahrenden Tanker »Nassia«, der im russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk 98 500 Tonnen Rohöl geladen hatte und auf dem Weg nach Genua in Italien war. Das Frachtschiff zerbrach und knallte frontal gegen das Ufer; der Tanker ging, durch Funkenschlag, in Flammen auf und spie brennende Ölsuppe ins Wasser.
Schreiend sprangen die Besatzungsmitglieder, überwiegend Filipinos, von Bord. Mindestens 19 starben im Feuer. Nur wenige wurden mit schwersten Verbrennungen gerettet, zumeist von Fischern wie Mehmet Uncu, die mit ihren ächzenden Holzbooten todesmutig ins Flammenmeer schipperten. Schlepper zogen die brennende »Nassia« später zum Löschen ins Schwarze Meer hinaus.
Wäre es nur wenige Kilometer weiter südlich zu dem Zusammenstoß gekommen, hätten die Bürger von Istanbul mit einer Katastrophe rechnen müssen. Brutal erinnerte das Inferno die Einwohner der Zehn-Millionen-Metropole an die hohen Risiken des ungezügelten Schiffsverkehrs vor ihren Haustüren. »Das ist so, als würde man täglich mit einer Ladung Atombomben durch die Innenstadt von Istanbul fahren«, erregte sich der türkische Umweltminister Riza Akcali.
Die 31 Kilometer lange, äußerst kurvenreiche Meerenge, die das Mittelmeer mit dem Schwarzen Meer verbindet, teilt die Stadt Istanbul in zwei Hälften. An einigen Stellen ist die Wasserstraße mit ihren heftigen Strömungen nur 700 Meter breit (siehe Karte). Durch dieses Nadelöhr fahren täglich 140 Tanker und Frachtschiffe, dazu 1000 Fähren, die am Tag eineinhalb Millionen Pendler befördern, sowie Hunderte von Fischerbooten, Ausflugsdampfern und Seglern - ein heilloses Durcheinander, das immer wieder zu Unfällen führt.
Etwa im November 1979, als schon einmal ein Frachter gegen einen - vor Istanbul vor Anker liegenden - Tanker krachte. Drei gewaltige Explosionen ließen die Stadt wie bei einem Erdbeben erzittern, im Umkreis von sechs Kilometern zersplitterten die Fensterscheiben.
Nur günstige Winde verhinderten damals, daß die hundert Meter hohen Flammenzungen, die aus dem brennenden rumänischen Tanker »Independenta« loderten, auf den Stadtteil Kadiköy übergriffen; fast wäre der historische Sultanspalast eingeäschert worden. Noch zwei Monate nach der Havarie brannte das Schiffswrack wie eine mahnende Fackel.
Unter dem beklemmenden Eindruck des Desasters hatte die türkische Regierung eine Änderung des Meerengenabkommens von Montreux aus dem Jahre 1936 verlangt, vergebens. Der Knebelvertrag, der fristgemäß erst 1996 gekündigt werden kann, garantiert sämtlichen Handelsschiffen der Erde - Tag und Nacht und kostenlos - freie Fahrt durch den Bosporus.
Die Türkei hat nicht einmal das Recht, ausländische Kapitäne zu zwingen, sich für die schwierige Passage einen Lotsen an Bord zu holen. Zum 1. Juli wird eine Regelung angestrebt, wonach jeweils nur noch ein Gefahrenschiff zur Zeit durch die Meerenge steuern darf, verbunden mit einer Einbahnstraßenregelung für alle übrigen Frachtschiffe während dieser Passage.
Am Geldmangel scheiterten vor zwei Jahren auch die jetzt wieder hervorgeholten Pläne, zur Lenkung des Schiffsverkehrs für 100 Millionen Dollar hochmoderne Radarstationen an den Ufern des Bosporus aufzustellen.
Unterdessen stieg die Zahl der Schiffsbewegungen weiter an, innerhalb der letzten drei Jahre um fast 20 Prozent. Vor allem Rußland, das Seehäfen im Baltikum verloren hat, schafft mit seinen Pötten immer mehr Öl und Gas durch den Bosporus gen Westen.
Der Verkehrsinfarkt auf der engen Wasserstraße und die damit verbundenen Gefahren, so warnte die türkische Regierung Ende März vergangenen Jahres in einem vertraulichen Bericht an die International Maritime Organization, hätten inzwischen »erschreckend kritische Ausmaße erreicht«. Am vorletzten Freitag, nur zwei Tage vor der feurigen Kollision, hatten Greenpeace-Aktivisten von einer Bosporus-Hängebrücke ein riesiges Transparent entrollt: »Stoppt die Todesschiffe.«
Wie sich vergangene Woche zeigte, stellt ein Tankerunglück in der Meerenge nicht nur eine mörderische Bedrohung für Mensch und Natur dar, sondern gefährdet auch den ungehinderten Schiffsverkehr. Nach dem Crash wurde der Bosporus für vier Tage gesperrt, 350 Schiffe steckten im Stau, für die Reeder ein teurer Aufenthalt: Die täglichen Betriebskosten eines Tankers liegen bei 100 000 Mark. Ein Lotse ist billiger.
Allerdings: Ausgerechnet der Lotse hat womöglich das Unglück der vergangenen Woche verursacht. Ohne Zwischenfall, so eine Version des Unfallhergangs, hatte er die »Shipbroker« am Zentrum von Istanbul vorbeigeführt. Wenige Kilometer vor der Mündung ins Schwarze Meer, aber noch in der tückischen Meerenge, ließ der Lotse das Frachtschiff dann auf den entgegenkommenden Tanker »Nassia« zusteuern - offenbar in der Absicht, von dem einen auf das andere Schiff überzuwechseln und dort den Lotsendienst zu übernehmen. Vermutlich bei diesem waghalsigen Manöver rumste es.
Die Erklärung für die fatale Eile: Lotsen im Bosporus verdienen nur einen Hungerlohn; ohne ein Trinkgeld von den Schiffskapitänen kämen sie nicht über die Runden. Y