Fehler im System - DER SPIEGEL
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GESUNDHEIT Fehler im System

Ein neues Abrechnungsverfahren soll die Kosten in den Krankenhäusern senken. Gefährdet wird damit die Existenz vieler Kinderkliniken.
• aus DER SPIEGEL 1/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Januar 2003 - es gab Zeiten, da setzte Frank Riedel, Ärztlicher Direktor des Altonaer Kinderkrankenhauses (AKK) in Hamburg, viel Hoffnung in dieses Datum. Denn am ersten Tag des Jahres wird in Deutschland ein neues Abrechnungssystem für Krankenhäuser eingeführt, das so genannte DRG-System**.

Ziel der Reform ist es, die teuren deutschen Kliniken effektiver zu machen. Deshalb sollen die Krankenkassen fortan nicht mehr Tagessätze bezahlen, denn das fördert nur unsinnig lange Liegezeiten. Stattdessen werden nun Fallpauschalen einen Anreiz schaffen, Patienten möglichst zügig wieder zu entlassen.

Genau das, dachte sich Riedel, müsste seiner Disziplin, der Kinderheilkunde, zugute kommen. Denn mit einer durchschnittlichen Liegedauer von 6,7 Tagen im Jahr 2000 liegen die Kinderkrankenhäuser und -abteilungen weit unter dem Bundesdurchschnitt von 10,1 Tagen.

Weil kurze Liegezeiten nach der alten Abrechnungsmethode aber eher bestraft werden, drohte dem traditionsreichen AKK - trotz steigender Fallzahlen - der Bankrott; und auch andere Kinderkliniken, wie zum Beispiel das Hamburger Wilhelmstift, sind in arge finanzielle Nöte geraten. Rettung erhoffte sich die Zunft nun von den versprochenen Fallpauschalen.

Riedel hat deshalb einmal durchgerechnet, wie viel mehr sein Krankenhaus dank DRG denn eingenommen hätte. Sein niederschmetterndes Ergebnis: »Mit den DRG stünden wir noch schlechter da.« Mit der neuen Methode würden dem AKK 2,5 Millionen Euro im Jahr fehlen, zehn Prozent des derzeitigen Budgets. Riedel: »Das wäre der Todesstoß.«

Dabei kommt Altona, im Vergleich zu anderen Kinderkliniken, sogar glimpflich davon. »Im Durchschnitt«, sagt Nicola Lutterbüse, Koordinatorin der DRG-Arbeitsgruppe der Gesellschaft für Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen in Deutschland, »sinken die Einnahmen der Kinderkliniken mit dem DRG-System um 30, bei einzelnen sogar um 40 Prozent.« Manch eines der Krankenhäuser, befürchtet sie, sei damit in seiner Existenz bedroht. Kinderabteilungen könnten sich nur halten, weil andere, profitablere Abteilungen im Hause das Minus kompensieren.

Doch wie kann das sein? »Es liegt nicht daran«, sagt Lutterbüse, »dass die Kinderkliniken viel unwirtschaftlicher als die anderen arbeiten. Es ist ein Fehler im System.« Die derzeitigen DRG-Pauschalen passten einfach nicht auf die besonderen Umstände der Kinderheilkunde.

Entwickelt und erprobt wurde das in Deutschland eingeführte DRG-System in Australien. Jeder Patient, der im Krankenhaus liegt, wird darin, je nach Art und Schwere seiner Erkrankung und der notwendigen Therapien, einer Kategorie zugeordnet - in Deutschland gibt es insgesamt 664 davon; die Krankenkasse überweist dann den der jeweiligen Kategorie entsprechenden Pauschalbetrag an das Krankenhaus. Neben dem Anreiz zu wirtschaftlicherem Arbeiten soll so auch für mehr Transparenz und Gerechtigkeit bei der Verteilung der knappen Kassengelder gesorgt werden. Nach einer Probephase im Jahr 2003, bei der die Teilnahme freiwillig ist, soll das System ab dem 1. Januar 2004 für alle verbindlich eingeführt werden.

Zwar sind bis dahin noch Nachbesserungen möglich. Trotzdem fürchten die Kinderkliniken den Termin. »Von den 664 Kategorien«, sagt Riedel, »sind, abgesehen von denen für die Neugeborenenintensivmedizin, nur 13 speziell auf Kinder zugeschnitten.« In allen anderen Fällen

werden Kinder wie kleine Erwachsene behandelt.

»Aber das sind sie nun einmal nicht«, erklärt Riedel. Meist fordern Kinder deutlich mehr Pflege und damit Personal. Ein Kleinkind kann mitunter ein ganzes Team aufhalten, wenn es nur darum geht, ihm Blut abzunehmen; und für einen simplen Ultraschall-Test muss ein Kind möglicherweise erst zeitraubend beruhigt, für eine Computertomografie, die bei Erwachsenen in der Regel in 15 Minuten erledigt ist, nicht selten sediert oder sogar narkotisiert werden.

Zudem müssen Kinder beaufsichtigt, gefüttert, beschäftigt und häufig auch von einem Psychologen oder Sozialarbeiter mitbetreut werden. Oft fordern die Eltern dann noch Zeit von Pflegern und Ärzten. So zeigte eine australische Studie, dass die Pflegezeiten für bis dreijährige Kinder um 30 Prozent höher lagen als diejenigen für 4- bis 59-Jährige. Sie sind damit ungefähr so hoch wie die für über 60-jährige Patienten. Für alte Patienten aber sind im deutschen System immerhin 72 spezielle Kategorien vorgesehen - fast sechsmal so viele wie für Kinder.

Hinzu kommt, dass gerade Kinder besonders häufig extrem kurz, oft nur eine Nacht, im Krankenhaus bleiben, zum Beispiel mit Fieberkrampf, Krupphusten oder Brechdurchfall. Dafür jedoch sind im DRG-System hohe Abschläge vorgesehen - obwohl der Aufwand für Ärzte und Pflegepersonal oft nicht wesentlich geringer ist, als wenn die Patienten mehrere Tage blieben.

Besonders große finanzielle Lücken werden sich wahrscheinlich bei chronisch kranken Kindern auftun. So rechnet Riedel zum Beispiel vor, dass Kinder, die an der Erbkrankheit Mukoviszidose leiden, in Zukunft für die Krankenhäuser ein noch viel größeres Minusgeschäft sein werden, als sie es ohnehin schon sind.

Eigentlich, so Riedel, müssten diese Kinder, bei denen zäher Schleim die Lunge verstopft, etwa viermal pro Jahr 14 Tage lang im Krankenhaus mit Antibiotika behandelt werden. Doch bei Medikamentenkosten von rund 600 Euro pro Tag sei die DRG-Pauschale schon nach fünf Tagen aufgebraucht.

All die Sorgen der deutschen Kinderärzte sind an einem Ort nur zu gut bekannt - im Mutterland der DRG. In Australien, wo das in Deutschland nun eingeführte System erstmals erprobt wurde, zeigte sich rasch, dass gerade die Kinderheilkunde dabei das Nachsehen hatte. Inzwischen wurden dort für die DRG eigene Kostengewichte für Kinder eingeführt. VERONIKA HACKENBROCH

* Auf dem Hamburger Jungfernstieg; Liedermacher Wolf Biermann(M.) wirbt für die Unterstützung des AKK; der Hamburger KaufmannGunnar Heinemann überreicht einen Scheck über 25 000 Euro.** Abkürzung für englisch »Diagnosis related groups«.

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