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Medizin Fettes Blut

Übergewicht, zu hohe Cholesterinwerte, abgeschlaffte Muskeln - der Gesundheitszustand deutscher Kinder ist beklagenswert.
• aus DER SPIEGEL 49/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Schock fuhr den sonst so coolen Hamburgern gewaltig in die Knochen. Zeitgleich mit dem ersten Schnee meldeten Zeitungen und Rundfunksender in der Hansestadt Anfang vergangener Woche Horrorbefunde über den Gesundheitszustand der Hamburger Kinder: Fettsucht, Allergien, krumme Rücken, durch Jodmangel vergrößerte Schilddrüsen, zuviel Junkfood und zuwenig Bewegung - »erschreckend viele«, warnten die Berichte, seien in bemitleidenswerter Verfassung.

Keine Rede mehr von den fitten Vorzeige-Kids auf Inline-Skates oder Skateboards, die sonst die Bürgersteige der Hansestadt unsicher machen. »Hamburgs Kinder gehen am Stock«, brachte die Morgenpost die Botschaft auf den Kern.

Ausgelöst wurde die Aufregung durch eine vertrauliche Studie des Kölner Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung. Darin hatten die Kölner Gesundheitsstatistiker erstmals für den Raum Hamburg die Ergebnisse der seit 1995 durchgeführten Vorsorgeuntersuchung für 13jährige (Jugendgesundheitsberatung - J1) analysiert (siehe Grafik). Ein Teil der Zahlen war am Wochenende bei einer Medizintagung publik geworden.

Die J1-Tabellen sind nicht repräsentativ. In Hamburg waren von insgesamt etwa 14 000 13jährigen, die in der Hansestadt leben, gerade mal 317 (2,26 Prozent) zum Vorsorgetermin erschienen.

Der Gesundheitsschock wäre vermutlich noch nachhaltiger ausgefallen, wenn sich nicht nur überwiegend Sprößlinge aus behüteten Familien, sondern auch 13jährige aus Problemstadtteilen zum Vorsorge-Checkup eingefunden hätten: »Wenn schon jedes zehnte Kind aus sogenannten guten Verhältnissen falsch ernährt ist«, sorgte sich das Hamburger Abendblatt, »wie sieht es dann erst in den Familien aus, die zu den sozial benachteiligten Schichten gehören?«

Auf jeden Fall anders, als es sich Gesundheitspolitiker oder schlecht informierte Eltern und Lehrer bisher vorgestellt haben. Schon bei jedem dritten Kind unter fünf Jahren fanden Kardiologen 1990 im Zuge einer Untersuchung in den Vereinigten Staaten Ablagerungen in den Gefäßwänden - auch zartes Alter und Jugendkraft schützen vor den Zivilisationsleiden der Erwachsenen nicht.

Bei fünf Prozent der Untersuchten waren die fettreichen Ablagerungen, Vorstufen der sogenannten Plaques, die später zur Gefäßverengung (Arteriosklerose) führen, sogar schon im fortgeschrittenen Stadium. Rund drei von vier übergewichtigen Kindern werden, wie andere Untersuchungen gezeigt haben, ihre überflüssigen Pfunde auch im Erwachsenenalter nicht los. Dabei ließen sich Stoffwechselstörungen und Gewichtsprobleme bei Kindern relativ leicht korrigieren.

Doch in Deutschland klafft zwischen der letzten Vorsorgeuntersuchung für Kinder (U9 mit fünf Jahren) und dem ersten von den Kassen bezahlten Vorsorge-Check für Erwachsene (mit 35 Jahren) ein »großes schwarzes Loch«, wie es der Kasseler Kinderarzt und Präventionsexperte Wolfgang Gey formuliert.

Die meisten der knapp sechs Millionen Heranwachsenden bekommen die Mediziner in diesem zeitlichen Bermudadreieck nicht zu sehen. Fast jede fünfte Erkrankung bei den 10- bis 17jährigen bleibt deshalb unerkannt. Für viele zukünftige schwere Leiden wie Herz-Kreislauf-Probleme, Diabetes, Bluthochdruck, Atemwegserkrankungen, Knochen- und Gelenkschäden werden in der 30jährigen Vorsorgelücke die Weichen gestellt.

»Wir wissen viel zuwenig über die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in diesem Alter«, kritisiert der Münchner Kinderarzt Berthold Koletzko. In den USA, weiß der Spezialist für Stoffwechselerkrankungen und Kinderernährung an der Universitäts-Poliklinik, stehen die min- derjährigen Couch-Potatoes weit stärker im Mittelpunkt des medizinisch-wissenschaftlichen Interesses.

Koletzko selbst hat diese Lücke im vergangenen Jahr ein wenig verkleinert. Bereits 13 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen sind stark übergewichtig, wie der Medizinwissenschaftler bei der Reihenuntersuchung von 5000 Grundschülerinnen und Grundschülern aus dem Großraum München herausfand.

Koletzko: »Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir Amerika beim Übergewicht einholen.« Dort ist die Zahl der übergewichtigen Sechs- bis Elfjährigen in den letzten anderthalb Jahrzehnten um 54 Prozent gestiegen.

Neben einem »erschreckend hohen Anteil« von zu dicken Kindern fand der Uni-Pädiater eine Reihe von »exzessiv übergewichtigen« Grundschülern. Koletzko: »Es gibt Kinder, die kaum noch gehen können.« Sie haben Probleme beim Schlafen, weil das vom Bauchspeck nach oben gedrängte Zwerchfell die Lunge einengt. Dadurch bekommen sie zuwenig Luft und wachen am Morgen wegen des Sauerstoffmangels mit Kopfschmerzen und Konzentrationsproblemen auf.

Auch die Cholesterinwerte der Schüler erschienen den Testern kaum glaubhaft. Der bei den Erst- bis Viertkläßlern gefundene Durchschnittswert betrug 175 mg/dl und war damit deutlich höher als der von gleichaltrigen amerikanischen Kindern (150 mg/dl). Der Spitzenwert, den Koletzkos Team in den Blutstropfen der Probanden fand, lag bei 415 mg/dl. Schon ab 250 mg/dl ist bei Erwachsenen Behandlung mit Medikamenten angezeigt.

Die Befunde, resümiert der Wissenschaftler das Ergebnis der noch unveröffentlichten Studie, seien »absolut dramatisch«. Andererseits, so die Erkenntnis der Mediziner, ließen sich in den meisten Fällen Übergewicht und zirkulierende Fettstoffe im Blut leicht eindämmen.

Durch Aufklärung und Diätberatung etwa konnten die Münchner Experten die Cholesterinwerte bei den meisten Kindern »deutlich senken«. Die Eltern der Grundschüler, aber auch ihre Lehrer, so Koletzko, hatten häufig einfach nicht gewußt, daß der Cholesterinspiegel auch im Kindesalter schon erhöht sein kann.

Ähnlich überrascht reagierten die Gesundheitswächter in Hamburg auf die alarmierenden Anzeichen im Blut. Von 68 eigens auf ihre Blutfettwerte untersuchten 13jährigen fanden die Kinderärzte in der Hansestadt bei fast jedem fünften Mädchen und jedem vierten Jungen einen kontrollbedürftigen Befund.

Über die Hauptursachen von Übergewicht und erhöhten Blutfettwerten läßt der Münchner Forscher Koletzko keinen Zweifel: Die Kinder bewegen sich zuwenig, sitzen zuviel und essen zu oft Fetthaltiges und Süßes nebenher.

»Wir riskieren eine Generation von Teilleistungsgestörten«, warnt der Berliner Kinderarzt Ulrich Fegeler. In seiner Praxis im Stadtteil Spandau begegnen ihm seit einigen Jahren immer öfter Vier- bis Fünfjährige mit »riesigen motorischen Defiziten«. Sie können nicht auf einem Bein stehen, keine gerade Linie entlanggehen oder ein paar Schritte rückwärts laufen.

Auch die Feinmotorik und die Fähigkeit, abstrakten Begriffen eine Form zuzuordnen, haben offenbar gelitten. Bei den im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen U8 und U9 vorgeschriebenen Maltests produzieren die Kleinen nur jämmerliche Ergebnisse. Fegeler: »Sie haben Schwierigkeiten, etwas Gedankliches in Zeichen umzusetzen.« Ein Indiz dafür, wie der Mediziner glaubt, daß in ihren Familien oft nicht nur Bewegungsmangel, sondern auch »Sprachlosigkeit vor dem Fernseher« vorherrscht.

Komplexe Beobachtungen wie diese ließen sich nur durch eine größere Zahl von Einzelstudien in wissenschaftlich überprüfbare Erkenntnisse ummünzen. Doch von solchen Untersuchungen gibt es in Deutschland erst verschwindend wenige. Um die »motorische Entwicklung der Kinder« zu messen, ließ beispielsweise die Kölner Sportwissenschaftlerin Sigrid Dordel sechs- bis elfjährige Kinder aus dem Stand springen und verglich die erreichten Weiten mit einer 1974 durchgeführten ähnlichen Untersuchung.

Ergebnis: In den zwischen beiden Tests liegenden Jahren haben die Kinder von heute 10 bis 20 Zentimeter eingebüßt.

Elfjährige Jungen schafften 1974 noch durchschnittlich 167 Zentimeter aus dem Stand. Ihre gleichaltrigen Nachfolger von heute trägt der Muskelapparat nur noch 147 Zentimeter weit. Bei den elfjährigen Mädchen hat sich der Sprung von 164 auf 140 Zentimeter verkürzt - die Power der vom vielen Sitzen erschlafften Bein- und Gesäßmuskulatur ist meßbar geringer geworden.

Nur bei den Sechs- bis Siebenjährigen war der Unterschied zu 1974 noch nicht gravierend. Grund: Im Kindergarten, so die Wissenschaftlerin, hätten die Kinder noch Gelegenheit, ihren »natürlichen Bewegungsdrang« auszuleben. »An der Grundschule sind sie ja durch die vielen Verpflichtungen nebenher selbst an den Nachmittagen oft völlig verplant.«

Ausdauertests erbrachten ähnliche Ergebnisse. 75 Prozent der von Dordel zum Wettstrampeln auf einen Fahrrad-Ergometer gesetzten Sieben- bis Elfjährigen scheiterten an dem von Sportmedizinern definierten Sollwert von drei Watt pro Kilogramm Körpergewicht. Jedes zweite von insgesamt 80 getesteten Kindern erreichte noch nicht einmal 2,5 Watt - eine Grenze, bei der laut Dordel »mit Sicherheit die Herz- und Kreislaufschwäche beginnt«.

Auch psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten haben in den letzten Jahren unter den Kindern und Jugendlichen in Deutschland deutlich zugenommen. Knapp acht Prozent der 13jährigen Jungen in den Hamburger Kinderarztpraxen zeigten 1995 Knicks in ihrer psychischen Entwicklung. Fast jeder zehnte hatte Probleme in der Schule.

Häufig kommen solche Störungen freilich erst auf Umwegen an den Tag. Es gebe »seit zwei oder drei Jahren auffällig viele Kinder, die über Herzschmerzen klagen«, hat der Düsseldorfer Kinderarzt und Kinderkardiologe Hermann Josef Kahl in seiner Praxis beobachtet. Doch die Untersuchungen, zu denen der Mediziner in solchen Fällen auf das Drängen der überweisenden Kollegen und der ängstlichen Eltern schreitet, erbringen »zum Glück nur selten einen Befund«.

Der wahre Grund für die Beschwerden offenbart sich oft erst nach genauem Hinhören: Die Kinder, sagt Kahl, »leiden in den meisten Fällen unter Druck in der Schule, oder sie haben die Trennung der Eltern nicht verwunden«.

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Gesundheitsmängel bei Kindern

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