ROBOTER Fisch und Chips
Der Fisch sieht aus wie gerade recht für die Bratpfanne: frisch und knackig, mit glänzenden Augen. Nur schuppen, so scheint es, müßte ihn der Koch zuvor.
Er würde dabei eine böse Überraschung erleben. Denn in Wahrheit besteht das Wassertier, das einem Red Snapper oder einer Rotbrasse auf die Flosse ähnelt, aus Plastik und Mini-Motoren.
Techniker des japanischen Schiffbaukonzerns Mitsubishi Heavy Industries haben den Fisch entwickelt. Eine Million Dollar hat das Tüftelwerk gekostet, vier Jahre Arbeit stecken darin: 60 Zentimeter lang, 2,6 Kilogramm schwer, bewegt sich der Kunstfisch mit einer Höchstgeschwindigkeit von einem halben Knoten auf einem Rundkurs durch den Tank im Mitsubishi-Labor von Hiroschima.
Nach einer halben Stunde ist die Batterie leer, dann erlischt auch die Live-Übertragung der Videokameras, deren Mini-Objektive die Augenlinsen des Fisches bilden.
»Wir wollten mal was ganz Verrücktes machen«, sagt Fisch-Entwickler Yuuzi Terada. Er möchte in einer Art Unterwasser- Jurassic-Park Nachbildungen ausgestorbener Seemonster schwimmen lassen.
Über den Reiz touristischer Nutzung hinaus dient das robotische Seegetier - den Prototyp eines mächtigen Quastenflossers haben die Mitsubishi-Forscher unlängst zu Wasser gelassen - ernsthafter Forschung. Die Studien folgen der Erkenntnis, daß Fische sich ihrem Element weit besser angepaßt bewegen als alles, was der Mensch bislang an Schiffstypen gebaut hat.
Ausgangspunkt der japanischen FischKonstrukteure war die Überlegung, die üblichen Schrauben am Heck von Schiffen durch Antriebe zu ergänzen, die den fächelnden Flossen eines Fisches nachempfunden sind. Auf diese Weise sollte ein Überwasserschiff in schwerer See gefährlichen Rollbewegungen begegnen können. U-Booten würden Kunstflossen, so hoffen die Forscher, das Verharren im Schwebezustand erleichtern.
Die Ergebnisse der Studien unterliegen bisher ebenso der militärischen Geheimhaltung wie die Eingeweide des Robot-Fisches. Sein Innenleben ähnele zu sehr demjenigen japanischer U-Boote, heißt es bei Mitsubishi.
Auskunftsfreudiger sind US-Wissenschaftler, die ähnliche Ziele verfolgen. Die Gebrüder Michael und George Triantafyllou etwa haben am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den künstlichen Thunfisch »Charlie« entwickelt. Sein Grätengerüst besteht aus Metallrippen, deren Wirbel durch Aluminiumgelenke miteinander verbunden sind.
»Charlies« Herzstück ist eine ausgeklügelte Bewegungsmechanik, dessen Rollen und Seilzüge an die mechanische Steuertechnik von Flugzeugen erinnern und dem Robot-Fisch ein Höchstmaß von Beweglichkeit verleihen; die mächtige Schwanzflosse kann fast bis zu 90 Grad ausschlagen. Sechs kräftige Mini-Motoren treiben »Charlie« voran, Sensoren messen das Schwimmverhalten, die Entstehung von Verwirbelungen und den Vorbeifluß des Wassers am Thunfisch-Rumpf.
Von den Schwimmkünsten des Robo-Tunas im MIT-Tank erhoffen sich die Forscher Aufschluß darüber, wie ein Fisch von so vergleichsweise bulliger Gestalt es fertigbringt, im Wasser Spitzengeschwindigkeiten von 40 Knoten und mehr zu erreichen. »Charlie« und seine Nachfolger sollen auch die Frage klären helfen, weshalb Fische auf engstem Raum wenden können - einigen von ihnen reicht ein Radius von zehn Prozent ihrer Körperlänge, die wendigsten Schiffe benötigen für ein solches Manöver vier Schiffslängen.
Während die MIT-Robotiker das Problem der Geschwindigkeit unter Wasser anvisieren, haben sich Wissenschaftler an der Northeastern University in Nahant (Massachusetts) der maritimen Langsamkeit verschrieben. Dort baut eine Forschergruppe unter Leitung des Biologen und Neurophysiologen Joseph Ayers einen künstlichen Hummer.
Das Scherentier sei von der Evolution für seinen Lebensraum besser ausgestattet worden als der Mensch für das Land, sagt Ayers: »Ein Hummer muß nur ein Minimum seiner Energie zur Überwindung der Schwerkraft einsetzen, er schwebt nahezu in seiner Umwelt und kann sich auf das Lebenswichtige konzentrieren: vorwärts gehen und Nahrung suchen.«
Über eben diese Eigenschaften - allerdings ohne die Fähigkeit, die gefundene Nahrung auch zu vertilgen - soll der achtbeinige Roboter verfügen, den das Ayers-Team entwickelt. Drei Millionen Dollar hat die U. S. Navy dafür bereitgestellt. Bestückt mit den modernsten Produkten aus den Entwicklungslabors der Mikromechaniker, soll der Kunsthummer als eine Art Unterwasserspäher eingesetzt werden.
Vor der Landung von US-Ledernacken an feindlichen Ufern könnten Robot-Hummer ins Wasser geworfen werden. Auf ihrem Kriechweg zum Strand würden sie Minen aufspüren und sie, in Kamikaze-Mission, zur Explosion bringen. RAINER PAUL