Medizin Fix durch
Lustlos stocherten die drallen Probanden im Essen. Müsli und Gemüse, viel Obst und Kohlenhydrate wurden ihnen unter ärztlicher Kontrolle aufgetischt. Nach 13 Wochen »milder Diät« stiegen die Testesser frustriert auf die Waage. Sie hatten durchschnittlich knapp drei Kilo abgenommen.
Besser lief es in einer Vergleichsgruppe, deren Mitglieder unmittelbar vor jeder Mahlzeit eine kleine weiße Arzneikapsel geschluckt hatten. Obwohl der Speiseplan ansonsten identisch war, lag die Gewichtsreduktion bei ihnen doppelt so hoch: bei über fünf Kilo.
Die Eßstudie, durchgeführt von der Schweizer Arzneifirma Hoffmann-La Roche, galt einem Präparat, das in US-Zeitungen bereits als »Traumpille« und »magisches Medikament« gegen Fettleibigkeit gehandelt wird. Der Schlankmacher (Handelsname: Orlistat), so die New York Times, eröffne den »süßesten aller Wege« abzunehmen: einfach weiteressen wie bisher.
Das Wirkprinzip der Pille scheint verlockend: Orlistat wandelt Fettmoleküle gleichsam in unverdaulichen Ballast um: Die in Bratenöl, Butter oder Sahnetorte enthaltenen Kalorienzombies werden auf schnellstem Wege durch den Magen-Darm-Trakt geschleust und unverwertet wieder ausgeschieden.
Manche Mediziner knüpfen an die Antifettpille (Markteinführung: frühestens 1996) hohe Erwartungen. In Deutschland gelten 37 Prozent der Männer und 26 Prozent aller Frauen als übergewichtig. Auch in den USA (68 Millionen Dicke) nimmt die Zahl der Übergewichtigen, trotz Schlankheitskult und Aerobic-Wahn, wieder zu.
Mit Diäten und Schmalspurverpflegung lassen sich die Schlemmer selten auf Dauer bei Figur halten. Kaum schlankgehungert, Jo-Jo, nehmen sie wieder zu. Auch chirurgische Brachialmethoden wie Magenverkleinerung (endet häufig im Dauererbrechen) oder das Abschneiden von Darmteilen (gefährlicher Eingriff) erwiesen sich als nicht praktikabel.
Schuld an den geringen Therapieerfolgen ist die Suchtstruktur der Dicken. Appetitzügler und Fastenkuren appellieren stets an Lustverzicht und Disziplin - eine Willensleistung, die kaum ein Völler auf Dauer durchhält.
Wie sich Schmerbäuche und pralle Pos bilden, ist den Biochemikern seit langem bekannt. Zuerst wandern die Nahrungsfette in den Magen. Dort werden sie mechanisch aus dem Speisebrei herausgeknetet und in Tropfenform an den Dünndarm weitergeleitet. Jeder dieser Fetttropfen besteht aus Tausenden von Triglyceriden, sperrigen Molekülen, die so groß sind, daß sie nicht durch die Darmwand passen.
Abhilfe schafft erst die Pankreaslipase aus der Bauchspeicheldrüse. Dieses Enzym heftet sich an die klobigen Fettmoleküle und bricht sie auf. So zerknackt, können die Spaltprodukte nun die Darmbarriere passieren und die Organe mit Energie versorgen (siehe Grafik).
Fett jedoch, das für die Energieversorgung des Organismus momentan nicht gebraucht wird, lagert der Körper in Speicherzellen ein. Bei ständigem Fettnachschub blähen sich diese Vorratskammern wie Luftballons auf und können das Zehnfache ihrer Normalgröße erreichen. Sind sie voll, werden neue Fettanks gebildet.
Je nach Veranlagung und Geschlecht bilden sich die Schwabbelpolster an unterschiedlichen Stellen. Die Experten unterscheiden zwischen der »androiden Fettverteilung«, auch Apfelform genannt - der Bauch wölbt sich trommelartig über schmalen Hüften -, und der »gynoiden« Birnenform, bei der sich die Fettriemen ums Gesäß legen, während die Taille schmal bleibt.
Gesundheitsschädlich ist dieser Aggregatzustand des Leibes - egal ob Apfel oder Birne - in jedem Fall. Fettleibige, die ihr Idealgewicht um mehr als 20 Prozent übersteigen, leiden besonders häufig unter Bluthochdruck, Diabetes und Gelenkverschleiß*. Die Völlerei gilt als »eine langsame Form des Selbstmords«.
Die neue Diätpille soll diesen mißlichen Zustand nun nachhaltig verhindern. Das Präparat lähmt die fettspaltende Pankreaslipase im Darm. Dadurch wird der Fettstoffwechsel an einer entscheidenden Stelle behindert: Wie große Kieselsteine, die nicht durch ein Sieb passen, bleiben die mächtigen Triglyceride im Darmschlauch gefangen und können nur noch abwärts zum Ausgang plumpsen.
Die Umsetzung der Schlankmacher-Idee sah sich zunächst mit großen Schwierigkeiten konfrontiert. Die Pankreaslipase arbeitet mit abenteuerlicher Geschwindigkeit. Pro Sekunde spaltet der Biokatalysator rund 1000 Fettverbindungen. Zudem ist das Enzym massenhaft im Darm vorhanden - hundertbis tausendmal häufiger, als zur Spaltung der verspeisten Fette nötig wäre. Wie ließ sich diese schlagkräftige Fetthacker-Armee zumindest teilweise außer Gefecht setzen?
Auf der Suche nach einer potenten Hemmsubstanz hoben die Pharmaforscher bei der Basler Hoffmann-La Roche Anfang der achtziger Jahre eine Art Rasterfahndung aus der Taufe. Mit Hilfe automatischer Screeningverfahren wurden die Stoffwechselprodukte von über 1200 Mikroorganismen analysiert und auf lipasehemmende Eigenschaften untersucht.
Nach mehrjähriger Suche stießen die Forscher schließlich auf den Wunderstoff Tetrahydrolipstatin (THL). Die Substanz wird von der Mikrobe Streptomyces toxitricini abgesondert. Ein Labormitarbeiter hatte das Bodenbakterium _(* Das Normalgewicht wird mit der Formel ) _(Körpergröße in Zentimetern minus 100 ) _(errechnet. Als idealgewichtig gelten ) _(Personen, die ihr Normalgewicht um 10 ) _(bis 15 Prozent unterschreiten. ) _(Fettsüchtigkeit wiederum wird definiert ) _(durch ein Überschreiten des ) _(Idealgewichts um mindestens 20 Prozent. ) während eines Mallorca-Urlaubs aus der Erde gegraben.
Bei Tierversuchen an Ratten und Mäusen bewies das Mittel seine Schlagkraft. THL wirkt auf die Pankreaslipase wie der Schnuller aufs Baby. Ist die Substanz im Speisebrei vorhanden, stürzt sich das fettspaltende Enzym auf den Köderstoff und verbeißt sich in ihm. Durch dieses Ablenkungsmanöver gelähmt, kann die Lipase keine Fettjumbos mehr zerlegen.
Wird der Wirkstoff unmittelbar mit dem Essen eingenommen, ist seine Wirkung beträchtlich. Etwa jedes dritte Fettmolekül durchläuft dann ungenutzt den Körper. Der dabei entstehende Kalorienverlust beläuft sich bei einer durchschnittlichen Mahlzeit auf etwa 15 Prozent.
Derzeit befindet sich die Antifettpille in »Phase drei der klinischen Erprobung«, wie ein Konzernsprecher erklärt. 4000 Probanden in Europa und den USA sollen Orlistat zwei Jahre lang regelmäßig einnehmen. Alle Testpersonen sind stark übergewichtig und diabetes- beziehungsweise bluthochdruckgefährdet.
Die Langzeitstudie soll mögliche Nebenwirkungen bei Dauereinnahme des Medikaments ermitteln. Einige Mediziner vermuten, daß das Präparat Dickdarmkrebs und Herzinfarkt auslösen könnte. Zudem muß geklärt werden, ob Orlistat auch langfristig zu einer realen Gewichtsminderung führt. Möglicherweise reagiert der Körper auf die künstliche Lipasehemmung mit einem Ersatzmechanismus.
Ein unerwünschter Effekt der Arznei ist bereits bei den Vorstudien ermittelt worden. Infolge der blockierten Fettverdauung ergießen sich die Triglyceride unverarbeitet in die menschlichen Ausscheidungen. Blähungen und ölig-breiiger Stuhl sind die Folge. Auch die Verdauungsgeschwindigkeit - das zeigten die bisherigen Tests - nimmt enorm zu. Kaum hatten sie gespeist, zog es die Probanden Richtung Toilette. »Das geht fix durch«, formuliert ein Sprecher von Hoffmann-La Roche.
Solche Unannehmlichkeiten wären hinnehmbar. Verheerender dagegen könnte die psychologische Wirkung der Pille sein. Der britische Ernährungsforscher John Garrow hält Orlistat gar für ein bösartiges Lockmittel. Viele Übergewichtige, so seine Kritik, würden das neue Präparat als »tolle Gelegenheit« mißverstehen, sich endlich mal ungestraft vollzustopfen. Y
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_161_ Wirkweise von THL auf den Stoffwechel
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* Das Normalgewicht wird mit der Formel Körpergröße in Zentimeternminus 100 errechnet. Als idealgewichtig gelten Personen, die ihrNormalgewicht um 10 bis 15 Prozent unterschreiten. Fettsüchtigkeitwiederum wird definiert durch ein Überschreiten des Idealgewichts ummindestens 20 Prozent.