ÄRZTE Fluchen im OP
Im Operationssaal tut der Patient gut daran, sich in Vollnarkose versetzen zu lassen. Sie erspart ihm neben Schmerzen auch rote Ohren, denn im OP geht es nicht nur blutig, sondern auch verflucht bloody zu, wie die beiden Forscher Fausto Palazzo und Orlando Warner im »British Medical Journal« enthüllen. Während der Arbeit, so die Wissenschaftler, fluchen die Operateure so derb und grobschlächtig wie früher nur die Viehtreiber. Heimlich hat Warner am Royal Berkshire Hospital im südenglischen Reading 100 Operationen mitverfolgt und dabei jeden Fluch dokumentiert, der den Operateuren über die Lippen kam. Warner wurde zum Ohrenzeugen von Ausdrucksweisen, die er kaum zu protokollieren wagte: Immerzu hörte er die im Englischen so berüchtigten »Four-Letter-Words« - Unaussprechlichkeiten, die das feine britische Ärzteblatt nur verklausuliert wiedergibt als »f***, c***, b***ard« und die der SPIEGEL nun erstmals ungeschönt abdruckt als »fuck«, »cunt« und »bastard«. Für Flüche von solchem Gewicht vergaben die Forscher drei Punkte. Zwei Punkte verteilten sie für Stinkiges aus dem Bereich menschlichen Stoffwechsels ("sh*t«, p*ss") und immerhin noch einen Punkt für Verwünschungen gegen Himmel und Hölle, die bereits so salon- und OP-fähig sind, dass sie ohne * erscheinen dürfen: »God«, »bloody hell« oder »bugger«. Palazzo und Warner haben sodann nach Fachgruppen getrennt eine Rangliste der verbalen Entgleisung aufgestellt. Ihr Ergebnis: HNO-Ärzte sind unter den operativ tätigen Medizinern die schicklichsten - sie erreichen auf der nach oben offenen Fluchskala an einem achtstündigen Arbeitstag kaum mehr als einen Punkt. Urologen haben sich in der gleichen Zeit 3,1 Punkte erflucht, 10 Punkte schaffen die Gynäkologen und 10,6 Punkte die Mediziner aus der Allgemeinchirurgie. Am derbsten aber geht es zu bei den Operationen der Orthopäden: Sie bringen es auf 16,1 Fluchpunkte, exakt alle 29 Minuten suchen die Knochenflicker Zuflucht im Fauxpas-Vokabular. Kraftausdrücke im OP haben jedoch eine besch****** Zukunft, wie die beiden Autoren vermuten: Zwar sei das Fluchen »die letzte Bastion chirurgischer Tradition« und schon deshalb ein erhaltenswertes Privileg, aber unaufhaltsam steige die Zahl der Teil- und Lokalnarkosen - und angesichts mithörender Patienten müssten sich die Operateure immer stärkere Zurückhaltung in der Benutzung ihrer Viehtreiber-Fachsprache auferlegen.