STÄDTEBAU Flucht nach innen
Was für Rom der Papst, sei für Hamburg »Sillem's Bazar« -- so lobte im Jahre 1848 »Försters Allgemeine Bauzeitung« einen der ersten Neubauten, der nach dem verheerenden Brand von 1842 in der Hansestadt errichtet worden war.
Der Basar zwischen dem Jungfernstieg und der König- (heute: Post-)straße wurde vor allem wegen seines Interieurs aus poliertem Marmor, französischen Spiegeln und bronzeverzierten Türen bewundert. Tags fiel das Licht durch ein scheinbar schwebendes Glasgewölbe; abends wurde der Durchgang von Gasflammen aus Wandarmen und Bronzeschalen illuminiert.
Doch schon zur Eröffnung äußerte die wöchentliche Zeitung »Der Freischütz« auch Zweifel an der »practischen Nützlichkeit und Ertragsfähigkeit« des Unterfangens. Tatsächlich waren die steinernen Standbilder, die die Wände zierten, bald fast die einzigen Figuren in der Galerie.
Der Prachtbau erwies sich als Fehlspekulation, verlor rapide an Wert und wurde schließlich abgerissen -- er war, im Urteil des Architekturhistorikers Johann Friedrich Geist, »der klassische Fall einer falsch angelegten Passage": damals, an dieser Stelle, ohne echte Verkehrsfunktion.
Hätte er überdauert, so Geist vor zwölf Jahren, »wäre er heute wahrscheinlich ein Mittelpunkt des Luxusdetailhandels«.
Nun ist er es, freilich in neuer Form.
Anstelle von »Sillem's Bazar« entstand vor 100 Jahren der schnörkelreiche Sandsteinbau »Hamburger Hof«. Der wurde in den letzten Jahren ausgehöhlt und umgebaut und birgt neuerdings eine schicke Boutiquenwelt: Geschäfte auf drei Etagen, durch acht Rolltreppen miteinander verbunden, meist Läden gehobenen Genres, vom Juwelier Hintze bis zur belgischen Edel-Konfiserie »Godiva«.
Die gepflegte, stets mit gedämpfter Musik berieselte Kundenfalle, mehr Labyrinth als Durchgang, hat Konkurrenz in nächster Nähe: In Hamburgs hochkarätigem Einkaufs-Areal an der Binnenalster entstand in den letzten zwei Jahren ein ganzes System aus ladengesäumten Gängen.
Ohne daß sich das Stadtbild sonderlich veränderte, wurde -- überwiegend finanziert von Versicherungsunternehmen -- dieser Teil der Hamburger City weitgehend umgebaut: Nahezu trockenen Fußes und fast unbehelligt vom Fahrzeugverkehr können Hamburger und Touristen nun die westliche City durchqueren, Alt- und Neubauten zwischen Bleichenbrücke und Jungfernstieg, S.203 von den Colonnaden bis zu den Alsterarkaden durchwandern (siehe Graphik).
Es entstand ein halbes Dutzend Passagen mit einem Kilometer Innenstraßen, mit rund 30 000 Quadratmetern Verkaufsfläche (wo vorher nur 11 000 waren) und fast 50 000 Quadratmetern Bürofläche -- eine Kasbah für den Einzelhandel und eine Stadt in der Stadt, von der nicht nur die Geldanleger hoffen, daß ihr das Schicksal von »Sillem's Bazar« erspart bleiben möge.
Doch diese erste Passage auf deutschem Boden war ein reines Kunstprodukt im Gegensatz zu ihren französischen Vorbildern oder auch ihren Nachahmungen in jüngster Zeit. Erfunden wurden die Passagen in Paris -- unter Voraussetzungen, denen sich in ähnlicher Form auch moderne Städteplaner konfrontiert sehen.
Drängte zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein durch die Französische Revolution emanzipiertes Bürgertum in die Öffentlichkeit, so suchen die Stadtplaner jetzt, die Citys wiederzubeleben. Damals wie heute ging es dem Handel darum, seine Waren an zentralen Orten und doch ungestört feilzubieten.
Im letzten wie in diesem Jahrhundert war es der Straßenverkehr, der die Kaufleute zur Flucht in die Innenhöfe zwang. Schon 1820, so berichten Zeitgenossen, war der Fußgänger in Paris, damals sogar noch ohne Bürgersteige, verloren. Schreiende und fluchende Kutscher rasten über schlecht gepflasterte und noch nicht kanalisierte Straßen; Gestank, Getümmel und fürchterliche Karambolagen waren alltäglich.
Wie Kapitalanleger der Assekuranz im Hamburg der siebziger Jahre, so erkannten damals auch in Paris Spekulanten die Marktlücke. Sie ließen innerhalb der Häusermassen jene glasgedeckten Gänge errichten, die den Fußgängern Schutz boten und ihnen zugleich die Illusion des Bummelns unter freiem Himmel ließen.
Von der Vielfältigkeit des Angebots in den Pariser Passagen des 19. Jahrhunderts sind die Hamburger Pendants freilich noch weit entfernt. So übten etwa die Clubs und Salons, Spielsäle und Bordelle im Palais-Royal eine magische Anziehungskraft auf Halbwelt, Lebewelt und Unterwelt aus. In dieser Passage, deren »anrüchige Poesie« auch Balzac beschrieb, wurden Geschäfte und Politik gemacht, blühte aber auch das Laster. Bei Anbruch der Nacht verwandelte sich der Palast in einen Tempel der käuflichen Liebe. Und von einem Palais-Royal-Bewohner, einem Monsieur Lassagnole, ging sogar die Sage, er habe diese Passage zu Lebzeiten nie verlassen.
Die Reanimation der Städte, zu der die neuen Passagen beitragen sollen, wird sich weiterhin auf geborgtes Leben stützen müssen: In Hamburg etwa ist die Zahl der in der City wohnenden Bürger seit 1939 von 65 000 auf 12 000 gesunken, gerade genug, ein paar Tante-Emma-Läden zu erhalten, aber nicht einige hundert Luxusboutiquen.
Doch die Planer hoffen auf die halbe Million Menschen, die täglich in der Hamburger Innenstadt unterwegs sind, S.206 Pendler, Touristen und Geschäftsreisende. Von ihnen, so nehmen sie an, müßte weit mehr zu holen sein als die rund 3,5 Milliarden Mark, die bislang jährlich durch die Registrierkassen flossen.
Mit »Erschrecken« hatten die Vertreter der Wirtschaftsverbände vor einigen Jahren einer Vergleichsstatistik entnehmen müssen, daß Geschäfts- und Kongreßreisende in der Hansestadt weit weniger an den Ladenkassen hinterließen als in Düsseldorf oder Stuttgart -- und nicht mal ein Zehntel dessen, was sie in München offenbar mit leichter Hand ausgaben. Ein Hauptgrund für die Sparsamkeit der Auswärtigen, vermuteten die Planer, sei in der Massierung großer Warenhäuser an der Mönckebergstraße (Hamburgs zweitem City-Einkaufsareal) zu suchen. Das habe sich überregional eher nachteilig ausgewirkt.
So empfahl das Landesplanungsamt (in einem »Ordnungsplan Flächen des Einzelhandels"), in der Hamburger Innenstadt künftig eine »Einkaufsatmosphäre« zu schaffen, »die den Kauf nicht nur als notwendigen Akt der Bedarfsdeckung, sondern auch als Erlebnis erscheinen« lasse. Dies könne, unter anderem, mit Hilfe von »überdachten Ladenpassagen« erreicht werden.
Versicherungskonzerne wie Allianz, Iduna und Hamburg-Mannheimer, die Pensionskasse von BP und die Kaffeekaufmannsfamilie Hertz (Tchibo), die sich zur Kapitalanlage mit Grundstücken in der Hamburger City eingedeckt hatten, beauftragten fast gleichzeitig, doch völlig unabhängig voneinander Hamburger Architekten wie Volkwin Marg, Peter Schweger, Jan Störmer und Hans Joachim Fritz damit, Einkaufs-Passagen zu entwerfen.
Seit Ende letzten Jahres bieten sich den wind- und wettergeplagten Hanseaten neben dem »Hamburger Hof« und der »Post-Passage« im entkernten Gebäude des ehemaligen Weltwirtschaftsarchivs eine ganze Reihe geschützter Einkaufs-Promenaden:
* Zwischen Colonnaden und Gänsemarkt entstand in einem Büroneubau die dreigeschossige »Gänsemarkt-Passage«. Der Marmorboden unter dem gläsernen Satteldach läßt die neue Bleibe für rund 40 Einzelhändler -- vom Sport-Shop bis zum ständig umlagerten Bocksbeutel-Stand -- hell und heiter erscheinen.
* Gegenüber wurden ein Hof und ein alter Schlupfweg durch ein ehemaliges Druckereigebäude zum »Neuen Gänsemarkt« ausgebaut -- mit einer Selbstbedienungshöhle »Essen & Trinken« (Spezialitäten aus mehreren Ländern) und einem gepflasterten Marktplatz »Gucken & Kaufen«.
* Das bislang größte Passagen-Projekt in Hamburg, die »Hanse-Galerie« mit 70 Läden und Kneipen (allein sechsmal »Mövenpick"), wurde gerade noch rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft fertig: eine Klinkerstraße ohne Pendel- oder Schwingtüren, über 200 Meter lang und durchweg von einem gläsernen Tonnendach sowie zwei Glaskuppeln überwölbt.
* Herzstück im renovierten und umgebauten »Kaufmannshaus« (25 Geschäfte) ist ein 20 Meter hoher Lichthof, zu dem sich eine 70 Meter lange Passage in der Gebäudemitte öffnet: In fünf Obergeschossen sind weiße Brückenstege durch den Raum gespannt; im Parterre hat das Cafe »Fleuron« seine Tische in den Lichthof gestellt, im Keller logiert das Bierdorf »Posemuckel«.
Die Cafes, Kneipen und Restaurants sollen nicht nur das Tabu »fester Ladenschluß« überspielen, sondern, wie die Hamburger »Zeit« meint, offenbar auch die »Langeweile, die das bemerkenswert große Angebot bedrückend überflüssiger oder trivialer Waren hervorruft«.
Tatsächlich ist unter den rund 200 Läden in den neuen Hamburger Passagen eine relativ große Zahl von Anbietern für gehobenes Kunsthandwerk, Krims-Krams und Nippes.
Die Planer nennen es »Angebot von Waren des gehobenen Bedarfs«, und die müssen es schon sein, denn die Bauherren wiederum wollen -- über Quadratmeter-Mieten bis zu 150 Mark -- eine Rendite für ihre hohen Investitionen sehen.
Das schließt fast zwangsläufig jene Großzügigkeit aus, von der die »Zeit« S.208 wohl träumt, wenn sie »mehr Platz und weniger Markt« fordert. Bislang, so klagt das Blatt, müsse auch der bezahlen, der »nur die unverbindliche Geselligkeit sucht und sich dabei setzen möchte«.
Echtes Wohnzimmer einer Stadt zu sein, das bleibt noch immer den gigantischen, von allen Stadtzerstörungen dieses Jahrhunderts verschont gebliebenen Galerien Italiens vorbehalten, wie etwa der »Galleria Vittorio Emanuele II.« am Mailänder Domplatz. Noch immer funktioniert sie als ein weltliches Gegenstück zur Kathedrale -- mit bis zu 200 Meter langen Straßen, mehr als 1200 Räumen in sieben Etagen und einer über 40 Meter hohen Kuppel.
»Jeder Mailänder fühlt sich gezwungen, mindestens einmal in der Woche einen Spaziergang durch die Passage zu unternehmen, sich einfach seines Wohnzimmers zu erfreuen« -- so erzählt der pensionierte Polizist Italo Piadeni, der zehn Jahre lang in der Galleria Streife ging.
In ungezählten Läden, Bars und Cafes, in Gruppen auf den täglich gescheuerten Marmorplatten diskutieren Tausende von Fußballfans sonntags auch in der »Galleria Umberto I.« in Neapel die Totoergebnisse -- unter der 56 Meter hohen Kuppel sind sie vor Regen und Sonne geschützt, während von See her eine Brise in die Gänge weht.
Die Renaissance der Passage jedoch ging nicht von diesen offenbar unwiederholbaren Raumschöpfungen Italiens aus. Sie begann, merkwürdig genug, in den Suburbs amerikanischer Städte.
Dort verdrängten in den siebziger Jahren immer mehr klimatisierte, musikdurchrieselte, üppig begrünte und mit vielerlei Bequemlichkeiten ausgestattete Shopping-»Malls« die funktionalen, öden Einkaufszentren auf der grünen Wiese.
Mit der Wiederbelebung desolater Stadtkerne sahen Bauunternehmer auch »downtown« wieder einen Markt für solche Konstruktionen. So entstanden modernste Einkaufsgalerien und »Gourmet Centers« in Chicago und Philadelphia, in Denver und Minneapolis. Erhaltene Prachtbauten aus der Zeit der Jahrhundertwende wurden restauriert. Berühmtestes Beispiel: die »Cleveland Arcade«, Ohio, ein imponierendes Stahlskelett mit gläsernem Satteldach und großzügigen Freitreppen.
Einen vergleichbaren Koloß baute sich die kanadische Millionenstadt Toronto mit der »Galleria Mall« im Eaton Centre -- einen Riesenbasar, der zugleich Wandelhalle, Gewächshaus und U-Bahnhof ist, von Terrassen gerahmt und von Brücken durchzogen, mit plastischen Ladenfronten und durch Plätze gegliedert: nahezu 300 Meter lang, bis zu 20 Meter breit, fast 40 Meter hoch.
Erste Versuche verliefen auch in der Bundesrepublik durchaus ermutigend. In Bonn entstand in einem Baublock am Hauptbahnhof die »Kaiserpassage«. In Stuttgart die schmucke »Calwer Passage«, die ihre Architekten Kammerer & Belz ausdrücklich als »Stadtreparatur auf dem freien Markt« verstanden wissen wollen. Bauherr auch hier: eine Versicherungsgesellschaft.
Daß solche Initiativen eine interessante Vielfalt entstehen lassen können, beweisen die neuen Hamburger Passagen: Sie sind in Anlage, Ausbau und Gestaltung so unterschiedlich wie nur denkbar -- vom Fußbodenbelag bis zur Dachform.
Einige Bauherren haben ein »öffentliches Wegerecht« hingenommen, andere nicht. In der »Gänsemarkt-Passage« werden nachts nur die Cafe-Tischchen an die Kette gelegt, der »Hamburger Hof« hingegen wird abgeschlossen.
Doch noch, so gibt der Hamburger Oberbaurat Peter Illies zu bedenken, hätten die neuen Passagen »ihre Bewährungsprobe nicht bestanden«.
Auch er wünscht sich offenbar noch ein bißchen mehr Italien in Hamburg. Illies fragt: »Kann man sich ausruhen? Sich anlehnen? Aufstützen? Hinsetzen?« Er findet: »Wohl kaum.«