Raumfahrt Freier Fall
Der Auftritt war rührend. In der großen Flugzeugmontagehalle bei Toulouse, da, wo das Herz von Europas Airbus-Produktion schlägt, trafen sich die Mächtigen der Luft- und Raumfahrtindustrie mit ihren Förderern aus der Politik und machten sich gegenseitig Mut.
Er habe, versicherte der französische Raumfahrtminister Hubert Curien, »volles Vertrauen« in den baldigen Bau eines europäischen bemannten Raumfahrzeugs, weil »der Mensch schon in zehn Jahren regelmäßig im Weltall arbeiten« müsse. Auch Erich Riedl, Bonns Regierungskoordinator für Luft- und Raumfahrt, gab kämpferisch die Parole aus, »ein Zurück« bei Europas Aufbruch ins All dürfe es nicht geben: »Wir müssen es schaffen.«
Derart angespornt schritten die Industriellen zur Tat. Feierlich gründeten die Chefs der französischen Konzerne Aerospatiale und Dassault sowie Italiens Alenia gemeinsam mit Jürgen Schrempp, dem ersten Mann bei der Daimler-Tochter Deutsche Aerospace (Dasa), ihre neue Gemeinschaftsfirma »Euro-Hermespace«. Der zukünftige Hauptauftragnehmer für den Bau des 14 Milliarden Mark teuren Euro-Raumgleiters war geboren.
Den aufwendigen Gründungsakt vom vergangenen Januar hätten sich die Manager von der Science-Fiction-Front sparen können. »Hermes«, das nach dem griechischen Götterboten benannte europäische Gegenstück zum amerikanischen Space Shuttle, befindet sich noch vor dem ersten Start im freien Fall.
Was kritischen Wissenschaftlern und Ökonomen in Jahren der Debatte über den Sinn der bemannten Raumfahrt nicht gelang, erzwangen schließlich Frankreichs Finanzminister Michel Sapin und sein deutscher Kollege Theo Waigel: Geplagt von immer größeren Haushaltsdefiziten, setzten sie gegen die Industrielobby drastische Streichungen bei den Programmen der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) durch.
»Hermes«, gesteht neuerdings auch Forschungsminister Heinz Riesenhuber, »ist weder bemannt noch unbemannt finanzierbar.« Auch die freifliegende europäische Raumstation des »Columbus«-Programms werde es nicht geben.
Der Ministerrat der 13 ESA-Mitgliedsländer, der diese Woche im spanischen Granada tagt, soll darum eine »Reorientierungsphase« (ESA-Jargon) für das Hermes-Programm beschließen. Insgesamt soll der Etat der 2000 Mann starken Euro-Nasa für das laufende Jahrzehnt um mindestens ein Viertel gekürzt werden.
Damit endet fürs erste ein zu den Sternen greifendes Programm, das die deutschen, französischen und italienischen Steuerzahler bislang mehr als zwei Milliarden Mark kostete. Denn das seit 1985 in Frankreich in Konkurrenz zu den USA konzipierte Astronautentaxi machte von Beginn an weder wirtschaftlich noch wissenschaftlich Sinn.
So mußte wegen falscher Annahmen über das Gewicht des Fahrzeugs mit den Jahren die geplante Nutzlast mehr als halbiert werden, weil sonst die parallel entwickelte Trägerrakete Ariane 5 zu klein gewesen wäre. Zugleich erwiesen sich die ersten Kostenschätzungen als völlig unrealistisch, der zuletzt veranschlagte Aufwand von 14 Milliarden Mark überstieg die ESA-Pläne von 1987 um mehr als 40 Prozent.
Schließlich blieben die Raumfahrt-Strategen bis heute eine Begründung schuldig, wofür die Raumfähre überhaupt benötigt wird. Angesichts des finanziellen und technischen Fiaskos der Amerikaner mit ihrem Shuttle-Programm schlußfolgerte die Deutsche Physikalische Gesellschaft schon 1990, daß ein »wissenschaftlicher oder ökonomischer Nutzen, der die hohen Kosten der bemannten Raumfahrt rechtfertigen würde, bislang nicht auszumachen« sei. Mit eben dieser Begründung war die britische Regierung bereits 1987 aus allen Astronauten-Projekten ausgestiegen.
Zu solch grundsätzlichen Entscheidungen können sich Riesenhuber und sein französischer Kollege Hubert Curien trotz leerer Staatskassen aber nicht durchringen. Vielmehr wollen sie nun die geld- und arbeitslose russische Raumfahrer-Gilde zum ESA-Partner machen. Europas Männer in der Umlaufbahn können ja genausogut auch Kosmonauten sein.
Bis 1995, so sieht es der Beschlußvorschlag in Granada vor, soll untersucht werden, ob ein kleiner Raumgleiter nicht mit Hilfe russischer Vorlagen in den Orbit gebracht werden kann. Mit Aufträgen über rund 200 Millionen Mark sollen die neuen Moskauer Freunde geködert werden, ihr Know-how zur Verfügung zu stellen.
Zugleich dürfen, bleibt es bei den bislang ausgehandelten Plänen, die bisher beteiligten europäischen Firmen noch einmal eine Milliarde Mark Steuergelder ausgeben, um »kritische Technologien« wie den Bau eines Robotik-Arms, einen Euro-Raumanzug und die Konstruktion einer Rettungskapsel für havarierte Raumflieger zu studieren.
Was den Franzosen ein vielleicht russischer Billig-Hermes, ist der Dasa und ihrem Riesenhuber die amerikanisierte Version des Columbus-Projekts. Zwar haben die Deutschen die von ihnen ursprünglich geplante bemannte Raumstation mangels Zubringer längst aufgeben. Das im Rahmen von Columbus vorgesehene europäische Raumlabor in der zukünftigen US-geführten Raumstation »Freedom« soll die Dasa aber um jeden Preis bauen dürfen.
Angesichts der voraussichtlichen Kosten von knapp sechs Milliarden Mark für das »Attached Pressurized Module« forderte Frankreichs Curien jedoch vorige Woche, die endgültige Entscheidung über das Euro-Vorzimmer zur US-Station noch einmal um drei Jahre aufzuschieben - »eine durchaus sinnvolle Forderung«, meint Wolf-Michael Catenhusen (SPD), Vorsitzender des Forschungsausschusses im Bundestag. Schließlich sei auch das US-Programm umstritten, der neue Präsident Bill Clinton brauche das Geld womöglich für seine versprochenen Reformen.
Ohnehin, so meint Catenhusen, sei das bislang ausgehandelte Sparprogramm eine »Mogelpackung«. Der geplante ESA-Etat von rund 15 Milliarden Mark bis 1995 (deutscher Beitrag: 3,9 Milliarden) enthalte »erhebliche Risiken« für weitere Kostensteigerungen.
Als Fehlinvestition könnte sich sogar das Renommierstück der Euro-Raumfahrer erweisen, die Superrakete Ariane 5. Das eigentlich für den Hermes-Transport entworfene neue Projektil (Entwicklungskosten: 12,5 Milliarden Mark) soll nun ab 1998 besonders schwere Satelliten in die Umlaufbahn transportieren.
Doch niemand weiß, ob dieses Angebot auf dem Markt für Trägerraketen überhaupt verkäuflich ist. Dort bieten die subventionierten US-Raumfahrtkonzerne neuerdings wieder mit. Erst vergangenen Monat ließ die deutsche Telekom einen Telefonsatelliten von einer Delta-Rakete aus dem Haus McDonnell Douglas an den Himmel hängen und sparte dabei 20 Millionen Mark gegenüber dem Angebot der Arianespace.
Zudem drängen auch russische und chinesische Raketenbauer auf den Markt. Diese aber, räumt Gottfried Greger, Riesenhubers Abteilungsleiter für Raumfahrt, ein, »können konkurrenzlos billig« auch in den höchsten Gewichtsklassen starten. Einem »Vernichtungswettbewerb« müsse man auf dem Verhandlungswege vorbeugen, »irgendeine Quotenregelung« müsse her.
Ob sich die Konkurrenten hinter dem Ural ihre Devisenquelle so einfach verstopfen lassen, ist jedoch mehr als unsicher. Den besseren Rat für Riesenhuber und Waigel hat da vielleicht der deutsche Ex-Astronaut Reinhard Furrer.
Weil die geplanten deutschen Beiträge zu den ESA-Großprojekten ohnehin immer weiter gekürzt werden müssen, erzürnte sich der Raumfahrt-Fan, sollte »die Bundesrepublik konsequenterweise aus der Raumfahrt aussteigen«.