COMPUTER Frische Bits vom Basar
Ein Bauernhof in Schweden - das wär's! Wenn Matthias Kalle Dalheimer, 28, sich das ideale Leben ausmalt, träumt er vom weiten Blick über karge Felder, von Landschaften, in denen der Nachbar einige Kilometer entfernt wohnt und das nächste Dorf bestenfalls über eine Kneipe und einen Bäcker verfügt.
Dort könnte er sich auf das konzentrieren, was für ihn wichtig ist. »Auf Nachtleben stehe ich nicht so«, meint er, »alles, was ich brauche, ist eine Telefonleitung und eine Steckdose.«
Dalheimers Leidenschaft gilt der Software. Seinen Lebensunterhalt verdient der freiberufliche Programmierer vor den Toren Hamburgs mit Auftragsarbeiten für Firmen, als Übersetzer und Fachbuchautor, doch sein wahrer Ehrgeiz erwacht nach dem selbstgewählten Feierabend: Dann greift er in die Tasten, um wieder ein paar Zeilen Computercode zu schreiben, die das Betriebssystem Linux um neue Funktionen erweitern.
Tausende von Enthusiasten arbeiten wie er seit Jahren an dem Programm. Das Internet vereint die lose organisierten Entwicklergruppen in einer globalen Zunft, in der das Ethos des »guten Codes« und nicht die Jagd nach Marktanteilen und Umsatzrendite die Entwicklung vorantreibt.
Gründer und Idol der Bewegung ist der Finne Linus Torvalds. 1991 kaufte sich der damals 21jährige seinen ersten PC, doch das Profisystem Unix, das er aus der Uni gewohnt war, sprengte mit einem Preis von rund 5000 Dollar bei weitem sein Studentenbudget. Microsoft-Betriebssysteme waren ihm zu gewöhnlich, also setzte er sich mit einer Mischung aus Genialität und Größenwahn vor den Rechner, um seine eigene Unix-Version zu schreiben.
»Ich aß und schlief monatelang vor dem Computer«, erinnert er sich. Seine Software mit dem Namen Linux - eine Kreuzung aus seinem Vornamen und Unix - machte ihn mit einem Schlag zum Guru.
Das Betriebssystem ist die Seele jedes Computers. Ohne dieses Basisprogramm ist der Rechner nur eine nutzlose Ansammlung von Kabeln, Platinen und Mikrochips. Erst das Betriebssystem sorgt dafür, daß Pixel auf dem Bildschirm aufleuchten, daß Daten von Diskette oder Festplatte den Weg in den Arbeitsspeicher finden oder der Drucker sinnvolle Zeichen zu Papier bringt.
Während auf heimischen Computern heute meist Microsofts »Windows« seinen Dienst tut, ist Unix ein Werkzeug für Experten. Es organisiert den Datenverkehr im Rechner streng hierarchisch. Paßwörter schützen die Daten verschiedener Benutzer vor unberechtigtem Zugriff. Software-»Dämonen« erledigen niedere Systemdienste, und eine ausgeklügelte Speicherverwaltung verhindert, daß ein abstürzendes Programm gleich den ganzen Computer ins Koma fallen läßt.
Auch Byte-Heroen wie Torvalds können so ein Gebilde nicht im Alleingang zusammenbasteln - hätte der Programmtext ausgedruckt doch ungefähr den Umfang mehrerer hundert dickleibiger Bände. Der Finne wandte sich mit dem frisch geschaffenen Systemkern an die Internet-Öffentlichkeit und fragte schüchtern, ob nicht jemand Lust habe, »ein bißchen wie ein Hobby« an dem Betriebssystem mitzubasteln.
Torvalds erklärte seine Kreation zur »Open Source Software": Jeder kann sie nach Belieben benutzen und kopieren. »Linux kostet nichts«, lautet meist die primitive Übersetzung dieses Gedankens, doch »Open Source« steht auch für die Weltanschauung der Linux-Gemeinde, die es überhaupt möglich macht, daß ein so bunt gemischter Haufen ohne formale Organisation und Hierarchie eine solch komplexe Arbeit auf die Reihe bekommt.
Im normalen Softwaregeschäft können Kunden nur »Binärcode« auf Diskette oder CD-Rom kaufen, jene Bitfolge, die den Computer zum Beispiel in einen Flugsimulator verwandelt. Die »Source« des Programms aber, der sogenannte Quellcode, bleibt streng gehütetes Betriebsgeheimnis. Denn aus diesem Programmtext können Fachleute die inneren Mechanismen einer Software herauslesen; heimtückische Konkurrenten wären in der Lage, ganze Funktionseinheiten zu klauen.
Bei Open-Source-Projekten jedoch liegt der Quellcode offen. Die Spielregeln sind einfach: Jeder Kundige, der mitmachen will, kann bestehende Funktionen ändern oder neue hinzufügen. Die Früchte seiner Arbeit sollten aber wiederum allen zugänglich sein.
Dieser Kodex wirkt auf den ersten Blick rührend weltverbesserisch, und so haben die großen Softwarekonzerne Open-Source-Projekte jahrelang belächelt. Doch die Methode zeigt erstaunliche Erfolge: »Jedes technische Problem läßt sich lösen, wenn genügend Augen darauf gerichtet sind«, lautet Torvalds' Motto. »Irgend jemand entdeckt ein Problem, und irgend ein anderer findet heraus, wie man es beseitigen kann.«
»Üblicherweise wird Software wie eine Kathedrale gebaut«, versucht der Amerikaner Eric Raymond das Phänomen zu erklären, »erst wenn die Handwerker mit ihrer Arbeit fertig sind, darf das Publikum das Gebäude betreten.« Das Linux-Projekt hingegen gleiche einem »Basar, auf dem alle durcheinanderreden« - gleichwohl wird jeder, der etwas beizutragen hat, ernstgenommen.
In geradezu atemraubender Geschwindigkeit hat sich Linux auf diese Weise von einer Spielerei zu einem professionellen System gemausert. Firmen wie Edeka, Sixt, Ikea oder Debis benutzen Linux bereits zum Betrieb von Internet- und E-Mail-Servern. Seit die Hersteller mächtiger Datenbanksoftware wie Oracle und Informix Linux-Versionen ihrer Programme anbieten, muß selbst Microsoft die Konkurrenz für das Profi-Betriebssystem »Windows NT« ernst nehmen.
Wozu das System fähig ist, demonstrierten Fans kürzlich während der »ComputerNacht« des WDR-Computerclubs, als sie 541 PC mit Hilfe von Linux zum weltgrößten Verbund zusammenschalteten, dessen Rechenleistung manchen ausgewachsenen Supercomputer geradezu lahm aussehen ließ.
Linus Torvalds selbst hat sich auf seine Rolle als spirituelles Oberhaupt der Gemeinde zurückgezogen. Letztes Jahr wanderte er nach Kalifornien aus und arbeitet seither für eine geheimnisumwitterte Firma namens Transmeta, die mutmaßlich neue Mikroprozessoren entwickelt. »Ich wollte beruflich nichts mit Linux zu tun haben«, begründet er seine Entscheidung, »dann kann mich kein Chef dazu zwingen, etwas daran zu tun, was ich nicht möchte.«
Fototerminen verweigert sich der schüchterne Freak. Bilder, die von ihm im Umlauf sind, zeigen einen linkischen Jungen mit Nickelbrille. Doch seine Diskussionsbeiträge haben das Gewicht päpstlicher Enzykliken.
Seit das skurrile Genie verlauten ließ, sein Lieblingstier sei der Pinguin, ziert ein pummeliges Polartier als Logo die Linux-Literatur, und in der Wohnung fast eines jeden Linux-Fans steht irgendwo ein Plüschpinguin als Maskottchen.
Noch ist Linux ein System für Insider, die sich eher an der Eleganz seiner Datenstruktur berauschen als sich nach Bedienkomfort sehnen. Ähnlich wie zur Frühzeit des Automobilismus, als jeder Fahrer auch mit Ölkanne und Schraubenschlüssel umzugehen wußte, finden Linux-Nutzer nichts dabei, etwa zur Einstellung der Uhrzeit am Rechner die Buchstabenfolge »/usr/sbin/timeconfig« einzutippen.
Doch die Zeiten ändern sich. So ist zum Beispiel die Software »Star Office« mit der bekannten Textverarbeitung und Tabellenkalkulation für Linux erhältlich, in Kürze soll der Klassiker »Word Perfekt« der US-Firma Corel folgen.
Emsige Helfer basteln auch schon an grafischen Benutzeroberflächen, die - ähnlich wie Windows - die Bedienung des Systems mit Symbolen und Knöpfen auf dem Bildschirm ermöglichen.
Am weitesten fortgeschritten ist das »KDE«-Projekt. Sein Initiator ist Matthias Ettrich, 26. Am 16. Oktober 1996 veröffentlichte er im Internet den Aufruf »Programmierer gesucht« und legte wortreich dar, daß er alle bisherigen Versuche für untauglich hielt.
»An das Datum erinnere ich mich gut, das war einen Tag vor der Geburt meines Sohnes«, meint Dalheimer. Ungeachtet der häuslichen Turbulenzen antwortete er Ettrich, den er bis dahin nur als Schöpfer des Textprogramms »LyX« kannte - eine Arbeit, die Dalheimer auf seine bedächtige Art in den höchsten Tönen preist: »Das hatte Hand und Fuß.«
Inzwischen liefern etwa 60 Digitalheimwerker regelmäßig Programmzeilen für KDE, Hunderte steuern sporadisch Code bei. Etwa 40 Mannjahre Entwicklungszeit stecken schon in dem Softwarepaket.
Eine der zentralen Anlaufstellen ist ein Computer der Medizinischen Universität Lübeck. Hier lagert das elektronische Archiv, aus dem Interessierte die aktuelle Programmversion abrufen können und in das Entwickler ihre Beiträge einlagern.
Der innere Zirkel der KDE-Experten umfaßt etwa zwei Dutzend Programmierer. Sie nehmen die Beiträge unter die Lupe und entscheiden, wie der neue Code in die nächste offizielle Version einzubauen ist (Informationen im Internet unter www.kde.org).
»Wer in Diskussionsbeiträgen schreibt, 'wir sollten doch mal', hat nichts zu melden, hier zählen nur Äußerungen, die mit 'ich mache gerade' anfangen«, so beschreibt Ettrich das Organisationsprinzip.
Da ist zum Beispiel Torben Weis, 25. Der Frankfurter Informatikstudent arbeitet nach eigener Einschätzung etwa »fünf Stunden pro Nacht« an KDE. Sein ehrgeiziges Ziel ist es, eine eigene Office-Software mit allen Schikanen auf die Beine zu stellen.
Er kann glücklicherweise große Teile des Programms in seine gerade in Angriff genommene Diplomarbeit über »Dynamische Anbindungskonfiguration« einfließen lassen. »Da muß ich halt noch ein bißchen Theorie drum herumschreiben«, meint er trocken angesichts der Doppelbelastung.
Weil gewöhnlich keiner der Entwickler finanziell von seinem Engagement profitiert, nimmt sich jeder nur solcher Probleme an, die ihn persönlich interessieren, und das ist offenbar motivierender als ein fürstliches Gehalt.
KDE ist bereits in mehr als 25 Sprachen übersetzt, auch Mazedonisch, Isländisch und Slowakisch sind darunter - Sprachen, für die Softwarefirmen wegen des mikroskopisch kleinen Marktes keine eigenen Versionen auflegen würden. Im Januar kommt eine bretonische Variante hinzu. Anfangs fürchtete Dalheimer, das Projekt werde zu Konflikten mit dem französischen Leiter des Übersetzungsteams führen, aber der habe »die Leistung voll akzeptiert«.
Die Verbindung zwischen den Linux-Entwicklerzirkeln und der Nutzergemeinde stellen sogenannte Distributoren her. Auf den ersten Blick scheint es paradox: Diese Firmen verdienen Geld mit der kostenlosen Software. Sie erstellen CD-Roms mit kompletten Systeminstallationen, verkaufen sie im Paket mit dicken Handbüchern und leisten ihren Kunden telefonische Hilfestellung.
Rund eine Million Linux-Versionen gelangten 1998 auf diesem Weg in Umlauf. Die Suse GmbH zum Beispiel erwartet für dieses Jahr einen Umsatz von 17 Millionen Mark. Bevor die gerade komplettierte Distribution »6.0« zu haben ist, müssen erst mal 40 000 Vorbestellungen abgearbeitet werden.
In einem Jahr, so prophezeit Dalheimer, werde es Linux-Versionen geben, die auch Anfänger installieren können, ohne in die Tiefen der Softwarearchitektur vordringen zu müssen. Amerikanische Branchenkenner schätzen, daß früher oder später einer der großen PC-Hersteller das Betriebssystem auch für Heimrechner als Standard mitliefern wird. Eine Firma, die populäre PC-Spiele für Linux umarbeiten will, ist jedenfalls schon gegründet.
Dalheimer weiß noch nicht so recht, was er von dieser Entwicklung halten soll. Anfang des Monats hat ihn die Universität Mannheim zu einem Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung »Utopien und gesellschaftliche Alternativen« eingeladen. Endlich, so freute er sich, haben auch die Akademiker den Mikrokosmos der Linux-Manufaktur näherer Erforschung für würdig befunden.
Doch die Diskussion über selbst- und fremdbestimmte Arbeit, auf die er sich vorbereitet hatte, fand nicht statt. »Die meisten«, stellte er verwundert fest, »wollten nur Tips, wie sie das Programm zum Laufen bringen.« JÜRGEN SCRIBA