GIFTMÜLL Friß oder stirb
Nach der Reparatur des geborstenen Dioxin-Kessels litt Schlosser Wilhelm Werz wie der biblische Hiob. Es begann mit schweren Kopfschmerzen, nach einer Woche kamen Lähmungen hinzu, sein Körper kochte bei 42 Grad Fieber. Dann überzogen Hautabszesse und eitriger Schorf den Mieselsüchtigen. Noch zehn Jahre nach dem Unfall mußten ihm die Ärzte mit einer Art Schmirgelmaschine die immer neu auftretenden schwarzen Schwären vom Gesicht schaben.
Werz, vergiftet bei einem Chemie-Unfall 1953 im Ludwigshafener BASF-Werk, war mit Tetrachlordibenzodioxin (TCDD) in Berührung gekommen, dem Gift, das 23 Jahre später die Seveso-Katastrophe auslöste. Von den 210 chlorierten Dioxin- und Furanverbindungen gilt den Wissenschaftlern das TCDD als die gefährlichste. Schon Millionstel Gramm der Substanz verändern das Erbgut, lösen Krebs und Chlorakne aus.
Die gefährlichen Kohlenwasserstoffe entstehen täglich, kiloweise: bei der Herstellung von Holzschutzmitteln und Pestiziden, als giftiger Dampf bei der Müllverbrennung und, nachweisbar, im Qualm von Zigaretten. Das Seveso-Werk der Chemie-Firma Icmesa produzierte chemische Vorprodukte für Seifen und Duschgels.
Jahrzehntelang verscharrten Chemie-Hersteller und Abfallbeseitiger das Hypergift einfach in der Erde. Stillgelegte Müllkippen wie Georgswerder bei Hamburg sind heute tickende Zeitbomben: In dem 42 Meter mächtigen norddeutschen Giftberg werden gut 30 Kilogramm TCDD vermutet. Auf der Deponie Love Canal nahe den Niagarafällen in den USA sollen gar 700 bis 900 Kilogramm des todbringenden Stoffs lagern.
Bisher ist das besonders langlebige und widerstandsfähige Seveso-Gift nur mittels kostenintensiver Hochtemperaturverbrennung bei 1200 Grad zu entschärfen. Ganz Georgswerder mit dieser Technik zu entsorgen, würde den Stadtstaat zum Armenhaus machen; Kostenschätzungen gehen in die Milliarden.
Doch Hilfestellung bei der Entsorgung von Chemieabfällen und Altlasten könnte nun aus der Natur selbst kommen. Kleinstlebewesen, so glauben Mikrobiologen, könnten den stetig steigenden Dioxinberg gleichsam kompostieren und in fruchtbaren Boden verwandeln. Unterstützt mit acht Millionen Mark aus dem Riesenhuber-Ministerium, wird die biologische Müllbeseitigung derzeit in deutschen Forschungslabors erprobt. Ziel ist, die Zersetzungskraft von Bakterien auf toxische Stoffe loszulassen.
Mikroben nagen am Kölner Dom, liegen als schädlicher Belag auf den Zähnen, überleben in Benzintanks und Schläuchen von Desinfektionsgeräten und zerbröseln selbst härteste Glaskeramik. Die agilen Einzeller lösen Fäulnisprozesse und Krankheiten aus, bringen Bier zum Gären, andere machen Brot schimmelig oder treiben es, wie der Hefepilz, in die Höhe. Die Miniwesen vermögen dabei komplizierte organische und anorganische Verbindungen zu schlachten, sie zerlegen sie und ernähren sich bei diesem Treiben.
Das Bemühen, Mikroben als Giftmüllschlucker einzuspannen, zeigt inzwischen Resultate. Letzte Woche konnte der Hamburger Biologe Rolf-Michael Wittich, 35, einen »ersten Erfolg« melden. Ein von ihm entdecktes Pseudomonas-Bakterium, verkündete der Forscher, besitze die Fähigkeit, »dioxinartige Verbindungen« zu zernagen, »die Ähnlichkeit mit dem Seveso-Gift haben«. Der Einzeller frißt eine Substanz namens Dibenzofuran.
Aufgespürt wurde der Chemie-Vernichter in einem Waldstück nahe Limburg. Mit »Löffelchen und Tütchen« hatte Wittich bei einem Spaziergang routinemäßig im Boden gestochert und die in der Probe enthaltenen Mikroben im Labor mit einer Nährlösung hochgepäppelt. Dann ("Ich sagte mir: Friß oder stirb") kippte er als Testsubstanz das Dibenzofuran in seinen Bioreaktor.
Kurze Zeit später, großes Staunen, war die vermeintlich unverdauliche Kost verschwunden. Im Kolben schwammen Kohlendioxid, Wasser und ein glibschiger Film vollgefressener Pseudomonaden. Befund des Biologen: Die »gefräßigen Burschen« hatten die Kohlenwasserstoff-Moleküle geknackt, verspeist und sich dabei sprunghaft vermehrt.
Auf den breitgefächerten Speiseplan ungezählter Mikroben-Arten setzen Giftmüll-Experten schon seit längerem große Hoffnung. Forschern gelang es mittlerweile, Bakterienkulturen zu ziehen, die organische Blausäureverbindungen (Cyanide), chlorierte Phenole und krebserregende Benzolrückstände aus Kokereien und Teerfabriken abbauen. Die mikrobiologische Entsorgung wird bereits im großen Maßstab ausprobiert:
In Blackburn (Nordengland) wurde das mit Phenolen und Cyaniden verdreckte Gelände eines alten Gaswerks mit einer Bakteriensuppe geimpft. Die Giftvertilger drangen dabei in den Boden ein und fraßen sich durch 30 000 Kubikmeter verschmutzte Erde.
Das Fundament der Berliner Kongreßhalle, durch ausgelaufenes Heizöl verseucht, wird von der Firma Santec entgiftet. Über Rohrleitungen seitlich vom Gebäude pumpen die Santec-Mitarbeiter ölfressende Mikroben ins Erdreich.
Am Hamburger Flughafen rotieren große Mischmaschinen, die den kontaminierten Boden eines alten Tanklagers mit Bakterien und Nährsalzen verrühren. Nach der Behandlung kommt die Erde in ein 240 Meter langes Zelt und wird dort wie ein Komposthaufen aufgeschichtet, bis der Reinigungsprozeß beendet ist.
Als Vorteil solcher organischen Müllaufbereitung gelten die relativ niedrigen Kosten, zudem sei das Zerknabbern toxischer Stoffe durch Kleinstwesen, so der Hamburger Mikrobiologe Miguel Rubio, die »natürlichste und gesündeste Form«, Schadstoffe zu beseitigen. Mittlerweile tummeln sich Dutzende Firmen allein in der Bundesrepublik auf diesem Feld.
An polychlorierten Kohlenwasserstoffen wie dem Seveso-Gift beißen sich die Mikro-Müllschlucker bislang jedoch noch die Zähne aus. Bei diesen besonders giftigen Substanzen sind zwei bis vier Chloratome am Ringmolekül angedockt und sperren es gegen jeden Angriff von außen.
Doch die Hamburger Forschungsgruppe um Professor Peter Fortnagel, der Biologe Wittich angehört und die letzte Woche für Schlagzeilen sorgte, hofft diese Bastion bald nehmen zu können. Neben dem Furan-Fresser haben die Hamburger noch ein zweites Bakterium herausgesiebt, das Tetrachlorbenzol abbaut. Diese chemische Verbindung hat, wie das TCDD, mehrere Chloratome als Bollwerk auf der Außenhülle sitzen.
Mit vereinten Kräften, so hofft Wittich, hätten die Bakterien »gute Chancen, den Dioxin-Ring zu sprengen": Die eine Bakteriensorte könnte die Chloratome knacken, die andere das Restmolekül zerlegen. Da Einzeller Erbinformationen untereinander austauschen können, besteht sogar die Möglichkeit, daß bald auf dem Wege der Mutation eine Super-Mikrobe heranwächst, die auf sich allein gestellt das Ultragift verspachtelt.
Die von Wittich angestrebte »Evolution im Reagenzglas« wird zur Zeit allerdings noch durch Futtermangel aufgehalten. Mit Seveso-Dioxin zu experimentieren wäre nur in einem Hochsicherheitslabor gestattet. In dem einfachen Uni-Labor in Hamburg-Klein-Flottbek ist es strengstens untersagt.