Computer Fügsames Nashorn
Zielsicher wird die Kanüle eingestochen, die Spritze dann mit gelber Flüssigkeit aufgezogen. Ein leichter Daumendruck, und das Mittel schießt in hohem Bogen heraus. »Das war etwas zuviel«, korrigiert eine sanfte Stimme, »bitte versuchen Sie es noch einmal.«
Kein Krankenpflege-Lehrgang, nur eine Simulation am PC-Bildschirm - eingespielt von computerlesbarer Compact Disc (CD-Rom); erläutert wird der Einsatz der aufnahmefähigen Speicherscheiben für Schulungszwecke. Die Spritze darf der PC-Benutzer, mittels Computermaus, versuchsweise selbst ansetzen.
Wo gleichzeitig große Mengen von Text-, Audio- und Bilddaten abrufbereit gehalten werden müssen, dienen die vom PC lesbaren glänzenden Scheiben wegen ihrer riesigen Kapazität als speicherstarke Datenspender.
So stellte beispielsweise die Firma 3V Multimedia aus Ismaning bei München auf der Computermesse Cebit im März eine CD-Rom für die Arztpraxis vor, Thema: »Was ist Rheuma?« Mittels »multimedialer« Einspielungen am PC-Bildschirm (etwa durch animierte Computergrafiken) sollen so Ärzte ihre Patienten zeitsparend über die Krankheit informieren.
Nach »Infoterminals« in Museen und Flughäfen oder PC-Stationen in Bibliotheken und Archiven werden nun auch freiberuflich und privat eingesetzte Personalcomputer mit Datenfutter von der CD-Rom (Preßkosten: etwa drei Mark pro Stück) versorgt. Die silberne Kunststoffscheibe vermag etwa 640 Millionen Daten aufzunehmen, entsprechend der Textmenge von etwa 1000 Taschenbüchern.
Rund 1,7 Millionen Abspielgeräte für die schimmernden Datenträger wurden im vergangenen Jahr weltweit verkauft; für 1995 rechnet die Marktforschungsfirma IDC mit einem weltweiten Bestand von fast elf Millionen CD-Rom-Laufwerken - Zusatzgeräten zum PC, die das Datenmaterial von der Scheibe lesen.
Etwa 3500 CD-Titel werden derzeit für den Computer angeboten. Das Programm ist breit gefächert: *___Datenbank-Anbieter und Informationshändler offerieren ____(für Abonnenten regelmäßig aktualisierte) Archiv-CDs; ____Medizinern beispielsweise erlaubt der auf Datendisc ____gepreßte »Medline Knowledge Finder« der US-»National ____Library of Medicine« die Text-Recherche am Klinik-PC. *___"Multimedia«-Discs wie die Rheuma-CD kombinieren Ton, ____Videosequenzen und animierte Computergrafik für ____"interaktiven« Anschauungsunterricht; in ____Multimedia-Enzyklopädien auf CD-Rom genügt ____beispielsweise ein Mausklick beim Eintrag »Nashorn«, ____damit sich der Unpaarhufer auf dem Bildschirm fügsam im ____Schlamm rollt und aus den Lautsprechern schnaubt. *___Computerspiele auf CD-Rom machen einen wachsenden ____Anteil des Titelangebots aus; 470 PC-Spiele auf einer ____Scheibe offeriert, für 99 Mark, die Karlsruher Firma ____CDV mit ihrer »Game Power«-CD. *___Sogenannte Material-CDs enthalten wiederverwendbare ____Illustrationen, Symbole oder Schrifttypen, derer sich ____Grafik-Designer am PC bedienen können.
Zahlreiche Bibliotheken bieten ihren Besuchern inzwischen die Möglichkeit, am CD-Rom-bestückten Computer zu recherchieren. Fundstellen können direkt am Bibliotheks-PC auf eine herkömmliche Computer-Diskette übertragen und anschließend am heimischen PC weiterverwendet werden.
Auf der Suche nach passenden CD-Rom-Laufwerken (ab 300 Mark) für ihren Personalcomputer haben es potentielle CD-Benutzer allerdings nicht leicht. Der Grund: Bisher konnten sich die Hersteller noch nicht auf einheitliche Standards für Anschluß und Betrieb der CD-Speicher einigen.
Womöglich bereits die nächste Generation der CD-Rom wurde kürzlich von der englischen Firma Nimbus präsentiert: Ihre Datenscheibe faßt mit 1,3 Gigabyte doppelt so viele Daten wie herkömmliche Speicherdiscs; auf der Nimbus-CD ließen sich somit komplette Spielfilme digitalisiert abspeichern.
Bislang sind für bewegte Farbvideos mit Stereoklang zumeist noch spezielle Hardware-Zusätze im PC erforderlich; die Rheuma-CD etwa benötigt noch eine Zusatzschaltung nach dem »DVI«-Standard, die mehr als 2000 Mark kostet.
Bei der Textrecherche kommen manche Berufsgruppen, wie etwa Mediziner und Juristen, kaum noch ohne CD-Rom aus, wenn sie auf dem neuesten Stand bleiben wollen. Der Verlag C. H. Beck beispielsweise bietet eine juristische »Leitsatzkartei« auf Datendisc an, die 88 000 Rechtsentscheide und Aufsätze umfaßt.
Die Materialsuche mittels CD-Rom kann sich allerdings mühsam gestalten. So werden etwa Nachschlagewerke, die gut zusammen auf eine Speicherdisc gepaßt hätten, jeweils auf einer eigenen CD-Rom herausgegeben. Folge: Ein Rechtsanwalt, der am PC-Bildschirm in verschiedenen CD-Rom-Archiven blättern will, muß sich unfreiwillig als Datendisc-Jockey betätigen.
Als »provisorische Lösung« wird die CD-Rom von manchen Branchenbeobachtern gesehen, so etwa von Joachim Graf, Herausgeber des Münchner Fachdienstes Multi Media. Beim Übertragen der Daten in den Arbeitsspeicher des PC, formuliert Graf die Hauptkritik vieler Benutzer, »ist die CD-Rom leider schrecklich langsam«.
Die Silberscheibe, hofft der EDV-Fachmann, sei »nur ein Übergangsmedium auf dem Weg zu hypermodernen Glasfaser-Datennetzen«, vermittels derer Informationen blitzgeschwind weltweit verteilt würden. Am PC, träumt Graf, ließen sich dann Texte oder Videos »bei Bedarf auch ins Haus bestellen - wie Pizza«.