Geduldiger Lauscher - DER SPIEGEL
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MEDIZIN Geduldiger Lauscher

Sind Heilpraktiker die besseren Ärzte? Ein Arzt ging dieser Frage nach.
• aus DER SPIEGEL 25/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ihr Arzt höre kaum zu, klagte die ältliche Patientin aus Hamburg, nur im Verschreiben sei er fix; und ihr Rheuma habe er auch nicht geheilt. Zufriedener war sie dagegen mit dem Heilpraktiker, den sie später konsultierte. Zwar konnte der auch nicht helfen, aber dafür nahm er sich wenigstens Zeit.

Wie die Hamburgerin laufen Kranke immer häufiger vom Hausarzt zum Heilkundler über; die Gründe dafür läßt eine Studie des Gießener Mediziners Dr. Walter Hewer vermuten.

Die Heilpraktiker, so das Fazit der Studie, beschäftigen sich intensiver mit den Patienten als die Mediziner. »Sind Heilpraktiker«, fragte das Fachblatt »Psychologie heute« in einem Bericht über Hewers Untersuchung, »die bessenen Ärzte?«

Sie sind zumindest, wie der Forscher bei seiner Befragung von insgesamt 137 Arzt- und Heilpraktiker-Patienten herausfand, einfühlsamer und geduldiger im Umgang mit ihrer Klientel:

* Ausnahmslos rühmten die Patienten von Heilpraktikern, der Therapeut nehme sich »viel Zeit«, ihren »persönlichen Sorgen« zu lauschen; von den Arzt-Besuchern hingegen beschwerte sich jeder dritte, das Gespräch mit dem Doktor käme viel zu kurz.

* Nahezu alle Heilpraktiker-Klienten hatten das Gefühl, ihre Krankheit werde »besonders wichtig« genommen; hingegen meinten nahezu 33 Prozent der Mediziner-Patienten, ihr Leiden fände beim Arzt nicht die rechte Aufmerksamkeit.

* 81 Prozent der Heilpraktiker-Gläubigen waren der Ansicht, ihr Verhältnis zum Therapeuten sei »am ehesten vergleichbar mit der Beziehung zu einem Freund«; von ihrem Doktor mochten das gerade 59 Prozent der befragten Patienten sagen.

Wie groß vielfach die Unzufriedenheit der Kranken mit ihren Ärzten ist, hatten in den letzten Jahren zahlreiche Untersuchungen zutage gefördert: Die Ärzte seien, so hieß es, wenig einfühlsam, sie verwirrten die Patienten durch unverständlichen Mediziner-Jargon und verhielten sich autoritär.

Eher dürftig hingegen waren bislang die Studien darüber, was Patienten denn an Heilpraktikern besonders schätzen. Forscher Hewer fand nun heraus, daß Heilpraktiker die Erwartungen ihrer Patienten, etwa in bezug auf Gesprächsbereitschaft oder Anteilnahme an privaten Sorgen, durchweg erfüllen -- das schafft zufriedene Kunden.

Bei den Medizinern dagegen ist es genau umgekehrt: Nur in Grenzen werden sie den Forderungen gerecht, die ihre Patienten an sie stellen. So hielten beispielsweise nahezu 90 Prozent der befragten Arzt-Patienten für wichtig, daß der Doktor sie »bis in jede Einzelheit über die Diagnose« ihrer Krankheit aufklärt; doch nur 63 Prozent der Patienten fühlten sich ausreichend informiert.

»Es besteht also (ganz anders als beim Heilpraktiker) eine deutliche Diskrepanz zwischen dem, was Patienten vom Arzt erwarten, und dem, was sie bei ihm real erleben«, resümierte Hewer.

Warum die Heilpraktiker auf ihre Patienten besser eingehen, ist unschwer zu erraten: Da ihnen der Griff in die Töpfe der Krankenkasse verwehrt ist, müssen sie sich mehr Mühe geben, ihre Klientel bei der Stange zu halten.

S.205Bei Akupunktur.*

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