Umwelt Gefährlicher Rausch
Gold haben sie gefunden in Böhmen, an die 40 Tonnen in einem Hügel unter dem Dorf Mokrsko - Gold im Wert von einer halben Milliarde Dollar. Aber die Leute in Mokrsko wollen, daß der Schatz bleibt, wo er ist, unter der Erde. Denn sie fürchten: Wird er gehoben, vergiftet er ihr Land.
Nun beginnen englische Geologen in dem 60-Einwohner-Dorf mit Probebohrungen. Die britische Firma, die sie entsandt hat, ein Bergbaukonzern namens RTZ, will das goldhaltige Gestein bergen, es zermahlen und aus dem Staub das Edelmetall ausschwemmen - mit Hilfe von hochgiftigem Zyanid. Damit würde diese riskante Art des Goldwaschens, die sich in den Entwicklungsländern rasant ausbreitet, erstmals in Mitteleuropa eingesetzt.
Wenn in fünf Jahren, wie geplant, in Tschechien die industrielle Goldwäsche beginnt, wird Mokrsko längst verschwunden sein. An Stelle des Dorfes _(* Am Damm des ) _(Zyanid-Rückhaltebeckens. )
klafft dann ein 200 Meter tiefes Loch. Ganz in der Nähe werden pro Tag einige hundert Tonnen abgetragenes Gestein mit der Zyanidlösung ausgelaugt. Die Substanz bindet das Gold und schwemmt es so aus seiner Umgebung.
Nach Gebrauch fließt die Flüssigkeit in ein Becken, so groß wie mehrere Fußballfelder; auf seinem Boden setzt sich giftiger Schlamm ab. Der Bodensatz, warnen Kritiker, könnte das Grundwasser, den Inhalt eines nahen Stausees, aus dem Prag sein Trinkwasser bezieht, und die benachbarte Moldau verseuchen. Gefahr besteht, wenn Giftrückstände aus dem Becken austreten.
Genau das ist vor kurzem in Guyana geschehen: Bei einem Unfall in einer Goldmine strömten mehrere Millionen Kubikmeter der Giftbrühe in den Essequibo, den größten Strom des südamerikanischen Landes.
Mit dem Abwasser trieben tagelang tote Fischschwärme, Kadaver von Wildschweinen und anderem Urwaldgetier durch den Regenwald. Ein kleineres Leck hatte bereits im Mai gewaltiges Fischsterben verursacht - Verseuchungen, wie sie im Umkreis der Zyanid-Goldminen in den westlichen Staaten der USA fast an der Tagesordnung sind.
Das bisher schwerste Unglück ereignete sich im Februar vorigen Jahres: Als nach Unwettern der Zyanidbecken-Damm einer südafrikanischen Goldmine namens Harmony brach, ergoß sich der Giftschlamm über eine unterhalb gelegene Goldgräbersiedlung. 17 Menschen erstickten im verseuchten Schlick, Hunderte wurden schwer vergiftet. Zyanid, dem Zyankali ähnlich, dringt durch die Hautporen ins Blut und verhindert, daß der Körper Sauerstoff aufnimmt. Bereits 50 Milligramm sind tödlich.
Ungeachtet seiner Gefährlichkeit boomt das Zyanidverfahren weltweit. Es ermöglicht, Gold selbst dann noch zu gewinnen, wenn es nur in Mengen von wenigen Gramm pro Tonne Gestein vorkommt. »Wir befinden uns im größten Goldrausch aller Zeiten«, sagt der amerikanische Bergbauexperte John Young.
Mit Krediten fördert die Weltbank Goldminen, die Entwicklungsländern zu schnellem Geld verhelfen sollen. Vor Hindernissen schrecken die supranationalen Glücksritter nicht zurück: Im Alatau-Gebirge in der ehemaligen Sowjetrepublik Kirgisien haben Geologen auf 4000 Metern Höhe begonnen, einen Gletscher aufzusprengen.
Mit Dynamit soll dort ein amerikanischer Bergbaukonzern bis zum Mai kommenden Jahres ein kilometergroßes Loch sprengen. Angeblich birgt das Geröll unter der 100 Meter dicken Eisdecke 200 Tonnen Gold. Die Beute wollen sich das US-Unternehmen und die kirgisische Regierung teilen.
Den Leuten von Mokrsko am Moldau-Ufer hingegen hat RTZ, die weltgrößte Bergbaufirma, ganze fünf Prozent Gewinnbeteiligung versprochen. Dorfbürgermeister Tomas Spaftka findet: »Viel zuwenig für das Risiko.« Y
* Am Damm des Zyanid-Rückhaltebeckens.