Gefriermasse Mensch - DER SPIEGEL
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Gefriermasse Mensch

Machtkämpfe, Geltungssucht, Leben in der Ausnahmezone: Wohl in keinem anderen Beruf ist die Gefahr, seine Persönlichkeit zu verlieren, so groß wie in der Politik. VON CHRISTOPH SCHWENNICKE
Von Christoph Schwennicke
• aus SPIEGEL Wissen 1/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war auf einer dieser ungezählten Autobahnfahrten im gestreckten Galopp von Bremen nach Recklinghausen, an einem dieser Tage, an denen die Termine ineinanderfließen wie die Bäume und Büsche draußen vor dem Fenster bei Tempo 180 und man abends Mühe hat, sie wieder voneinander zu trennen. Franz Müntefering saß im Fond seines Wagens und unterbrach das Gespräch plötzlich, blickte für einige Augenblicke zum Fenster hinaus, vor dem die Landschaft nur so vorbeiflog. »Was fehlt«, sagte er dann nachdenklich mehr zu sich als zu seinem Nachbarn, »das sind die Tankstellen.«

Zu wenig Tankstellen. Das war keine Klage von Müntefering über das Raststättennetz auf deutschen Autobahnen, und natürlich hatte sein Fahrer, der da gerade wieder jemandem auf der Überholspur an der Stoßstange hing, den Audi A8 vor der Fahrt bis zum Stehkragen vollgetankt. Was Müntefering fehlte, war nicht Benzin für den Wagen. Was er meinte, war Zeit zum Nachdenken, ein Ort oder auch ein Mensch, der einem Spitzenpolitiker auf der Überholspur des Lebens Kraft gibt, Anregungen oder auch nur einen unverstellten Blick auf die Dinge. Abwechslung, Abstand, Erdung. Die Möglichkeit zum Auftanken eben. Eine Auszeit von dieser Hochgeschwindigkeitspolitik.

Doch nicht einmal auf dieser namenlosen Autobahn entkam Müntefering seinem eigenen Tun. Drahtlos jagten die Nachrichten hinter dem SPD-Chef her. Aus dem Fax in der Mittelkonsole des Wagens quoll das Thermopapier wie der Brei aus dem Topf im Märchen, und Müntefering wickelte sich jeweils nach einem guten Meter geschickt eine Doppelrolle daraus, die er mit beiden Händen wie eine antike Pergamentrolle vor sich hielt und scrollte.

Es gibt viele Berufe, in denen die Gefahren persönlicher Deformation lauern. Aber es gibt wohl keinen Beruf, in dem diese Gefahr so groß ist wie dem der Politik. Der langjährige SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann hat in seinem Buch über »Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker«, wie sein Klassiker vom »Höhenrausch« im Untertitel heißt, eindringlich über die persönlichen Auswirkungen dieses permanenten Daseins in einer Ausnahmezone geschrieben, eines Bereichs, den Joschka Fischer nicht ohne Stolz einmal mit der sauerstoffarmen Todeszone von Himalaya-Expeditionen verglich. Die Frage ist: Kann dieser dauerhafte Sauerstoffmangel, der Mangel an Zwischenmenschlichkeit, ohne Folgen auf die Psyche, die Persönlichkeit und den Gemütszustand von Spitzenpolitikern bleiben? Leinemann zitiert Erhard Eppler, der sagt, Politik gehöre zum Schönsten, aber auch Gefährlichsten und Abgründigsten, worauf Menschen sich einlassen können. »Vielleicht«, schrieb Eppler, »ist Politik an der Grenze dessen angesiedelt, was Menschen leisten können, ohne, um es biblisch zu sagen, Schaden zu nehmen an ihrer Seele.«

Politoholics - diesen Begriff hat der Politikwissenschaftler Gerd Langguth geprägt, und über die Folgen dieser veritablen Sucht hat Leinemann vor vielen, vielen Jahren, damals noch in Bonn als Gast der rheinland-pfälzischen Landesvertretung, geredet. »Politik als Sucht« hieß der Vortrag, und im Saal saßen lauter hochgradige Junkies wie Joschka Fischer und sein damaliger Intimus Hubert Kleinert. Leinemann erzählte offen von seiner eigenen, überwundenen Sucht, von seinen Versagensängsten und von einem Interview mit einem amerikanischen Senator, das beide volltrunken absolviert hätten - in diesen Zustand hatten sie sich gemeinsam vorher mit einer Flasche Wodka versetzt. Die Fischers und Kleinerts hingen an Leinemanns Lippen, beteiligten sich rege an der Debatte, beklagten eloquent die menschlichen Abgründe der Politik und den Umstand, dass sich viele angesichts dieses psychischen Drucks in den Alkohol flüchteten. Dann lud der Hausherr Karl-Heinz Klär zu einem gemütlichen Ausklang ein und alle stürzten sich auf den kühlen Pfälzer Weißwein und das Pils, das an einem aufgebauten Ausschank nahe des Eingangs schon gezapft wartete. Die Fischers und Kleinerts bedienten sich reichlich.

Leinemann berichtete damals auch von einem jungen und ambitionierten Bundestagsabgeordneten, den er in den frühen achtziger Jahren auf dessen ersten Schritten im Parlament und im Wahlkreis begleitete, über eine Wahlperiode hinweg und auch nach der Wiederwahl 1982. Die Geschichte des Bonner Hinterbänklers Karl Weinhofer, die als Dreiteiler im SPIEGEL erschien, ist bis heute ein erschütterndes Dokument einer Mutation vom Menschen zum politischen Zombie. Oberstudienrat Weinhofer hatte seine Freunde in seiner Stammkneipe, dem Eichstätter Peterskeller, inständig gebeten: »Sagt mir bitte, wenn ich mich verändere.« Und er verändert sich, nimmt neun Kilo zu, raucht wieder 60 Zigaretten am Tag, wird schwermütig und verliert die Lebensfreude, geht nicht mehr fischen und Pilze suchen. Die Angler an der Altmühl, neben denen er früher stand, beneidet er um ihr sorgloses Tun. Die aber zeigen kein Mitleid: »Du hast es so gewollt.«

In der Familie beginnt es zu kriseln, und seine Freunde in der Kneipe sagen: »Du bist kein Kumpel mehr. Hältst dich wohl für was Besseres.« Der »Charly« bleibt fremd in Bonn und entfremdet sich von seiner Heimat. Der Volksvertreter hastet zwischen Wahlkreis und Bonn hin und her und bleibt dabei selbst auf der Strecke. Schon nach 70 Tagen Bonn sagt er das erste Mal: »Es ist alles beschissen.«

Sein SPD-Fraktionskollege Hermann Scheer konnte als Ministerkandidat im Schattenkabinett Andrea Ypsilantis bei den hessischen Landtagswahlen 2008 den Zerfall einer politischen Identität aus nächster Nähe beobachten. Scheer ist überzeugt, dass man von der Politik »uminterpretiert« werde. Nichts sei mehr selbstverständlich. Es sei »schwieriger, derselbe zu bleiben, als sein Verhalten zu verändern und sich an die Erwartungen anzupassen«.

»Menschliche Gefriermasse« nannte der Schriftsteller Dieter Lattmann das, was damals Bonn und heute Berlin aus Individuen macht.

Karl Weinhofer bewohnt einen schönen ausgebauten Dachstuhl in der Altstadt von Eichstätt, nicht weit vom Dom, mit ausladendem Blick auf die Hänge des Altmühltals, im gleichen Haus sind die Instanzen für wichtige Stationen eines Lebens untergebracht, das Standesamt und die Friedhofsverwaltung.

Aus dem jungen Hinterbänkler »Charly« Weinhofer ist ein älterer Herr von 66 Jahren geworden, freundlich, offen, mit wachen, etwas wässrigen Augen. Ein Zehntel seines Lebens hat er in der Bundespolitik zugebracht. Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 1987 hat er Übergangsgeld bekommen, ein Jahr lang ist er gereist, »Südamerika, China, mit dem Wohnmobil rumgefahren«. Für kurze Zeit hat er es wieder an der Berufsschule in Nürnberg versucht, aber das ließ er bald bleiben, schied vorzeitig aus dem Schuldienst aus, machte und macht in Immobilien und Antiquitäten, seit sieben Jahren führt er Besucher durchs Automuseum von Audi in Ingolstadt, 15 Stunden die Woche. Für 76 Tage ging er 1990 als Nachrücker noch einmal in den Bundestag, die »Bild«-Zeitung titulierte ihn dafür als »teuersten Abgeordneten« des Landes.

»Ich habe meinen Abschied schon gut verkraftet«, sagt Weinhofer, »sicherlich«, fügt er hinzu, »man träumt ab und zu mal davon.« Man träumt? Ja, sagt Weinhofer, »man sieht sich dann ab und zu in der Fraktion als Abgeordneter, wenn man spricht«. Aber das lasse mehr und mehr nach. Obwohl: Am Anfang, räumt Weinhofer ein, habe er schon bei Bundestagsdebatten die ehemaligen Kollegen betrachtet und gedacht: Das könntest du aber ebenso gut. Mindestens. Eher besser.

Er angelt wieder ab und zu mit Tageskarten an der Altmühl, vor dem Fenster über dem Fluss taucht ein Kormoran auf, der mit schnellen Flügelschlägen flussaufwärts fliegt. Viele Aale, Karpfen, Zander und Hechte gebe es im Fluss. Die menschliche Gefriermasse taut offenbar nach und nach auch wieder auf, es dauert aber seine Zeit.

Politik macht süchtig, hatte Weinhofer vor bald 30 Jahren Leinemann gestanden. Ob diese Sucht einen Preis habe so wie der Alkoholismus einen gesundheitlichen? Das sei schwer zu sagen, sagt Weinhofer, »sicherlich: Die Familie ist draufgegangen dabei, und man musste sich da neu orientieren«. Es klingt, gemessen an der Aussage, seltsam geschäftsmäßig, wie er das sagt.

Muss man Mitleid haben mit Spitzenpolitikern oder sie eher für selbst schuld erklären? Wollen sie es nicht genauso? Franz Müntefering quollen damals meterweise Faxe ins Auto, weil er in den Tagen zuvor die Auswüchse des Kapitalismus gegeißelt und die Heuschrecke als gewissermaßen alttestamentarische Plage-Metapher für gesichtslose Konsortien erfunden hatte, die über gesunde Betriebe herfallen und sie kahlfressen. Er hatte seinen Vorstoß gezielt geplant, medial vorbereitet und fand sich also auch nicht unverschuldet im Sturm wieder. Es machte im Auto auch nicht den Eindruck, dass Müntefering unter dem Nachhall sonderlich litt. Er genoss ihn vielmehr erkennbar. Der Pressespiegel kannte nur ein Thema - sein Thema.

Ein Wort, das ihm Hans-Jochen Vogel mit auf den Weg gegeben hat, fiel Müntefering in diesem Zusammenhang noch ein. Vogel habe ihm einmal gesagt, Partei- und Fraktionsvorsitz gleichzeitig innezuhaben, das sei, als halte man einen Expander zwischen den Armen gespannt, »und du darfst nicht loslassen«.

Loslassen. Jahre später hat sich eben jener Müntefering sehr viel öffentlichen Respekt damit verdient, dass er sein Amt als Arbeitsminister und seine Funktion als Vizekanzler der Großen Koalition für seine todkranke Frau Ankepetra aufgab, um sich deren Pflege zu widmen und schlicht und einfach die verbleibende Zeit mit ihr zu verbringen. Das ist honorig und respektabel. Aus der Beziehung zu dieser Frau zog Müntefering zeit seiner politischen Laufbahn enorme Kraft. Wann immer es ging, begleitete Ankepetra Müntefering ihren Mann auf Touren durchs Land und wurde nicht müde, diesen Veranstaltungen am Ende der Welt beizuwohnen. Es war eine Symbiose, die die beiden eingegangen waren. Sie gab ihm Kraft und stellte ihm nichts in den Weg, dafür genoss sie die Bedeutung ihres Mannes bei diesen Ausflügen in vollen Zügen. Von dieser Kraft wollte ihr Müntefering in der letzten Lebensphase etwas zurückgeben und zog sich dafür mit ihr zurück.

Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass er in diesen letzten Lebenswochen seiner Frau alles daran setzte, den glücklosen Kurt Beck vom SPD-Parteivorsitz zu verdrängen und dieses »schönste Amt nach dem Papst« wieder selbst einzunehmen. Er telefonierte mit Frank-Walter Steinmeier, Andrea Nahles und Peer Steinbrück, er schrieb Papiere auf seiner mechanischen Schreibmaschine, er arbeitete an einem Buch, das als Gegenentwurf zu Beck gedacht war, er tigerte in seinem Abgeordnetenbüro hin und her. Schon Monate bevor Beck schließlich im September 2008 aufgab, war Müntefering hinter den Kulissen wieder aktiv. Wie viel Anteil jenseits der schweren Krankheit seiner Frau vorher ebenjener Beck an seinem Rückzug hatte, mit dem er sich in einem Machtkampf verbissen hatte, den Beck schließlich auf dem Hamburger Parteitag im Oktober 2007 für sich entschied, wird wohl für immer Münteferings Geheimnis bleiben.

Von Gregor Gysi stammt das Bonmot, dass man im Berliner Politikbetrieb vor lauter Aktenfressen aufpassen müsse, nicht selbst zum Aktendeckel zu werden. Manche Politiker ziehen daraus den falschen Schluss, dass sie das, was sie für das wahre Leben halten, in grotesker Weise inszenieren.

Der frühere Verteidigungsminister und SPD-Chef Rudolf Scharping tat sich in dieser Hinsicht besonders schwer, Maß und Mitte zu halten. Einerseits gab es kaum einen Politiker zu seiner aktiven Zeit, der in höherem Maße der Sucht des Betriebs verfallen war. Scharping machte regelrechte Tests seiner Bedeutsamkeit. Einmal lud er als Verteidigungsminister den Tross der wehrpolitischen Berichterstatter ins Opernpalais Unter den Linden in Berlin, ohne bei diesem Hintergrundgespräch eine einzige nennenswerte Neuigkeit zu erzählen zu haben. Das war auch nicht der tiefere Sinn der Operation. Als Scharping den Raum betrat und sah, dass fast alle gekommen waren, pumpte er sich zufrieden auf. Du ziehst, sagte ihm der volle Saal. Er hatte harte Konkurrenz an dem Abend. Im Fernsehen gab es zur gleichen Zeit ein wichtiges Fußballspiel.

Ein anderes Mal reiste Scharping mit einigen Journalisten im Schlepptau in die Vereinigten Arabischen Emirate. Nur ein Abend stand zur freien Verfügung, und die Journalisten gingen früher als sonst ins Bett. Um 23.30 Uhr klingelte das Hoteltelefon, der Minister möchte Sie sehen, verkündete sein Sprecher. Um Mitternacht waren dann alle um ihn versammelt. Scharping hatte nichts zu erzählen, er las lediglich Zeitungen und Pressespiegel. Er konnte offenbar einfach nicht allein sein.

Später fehlte ihm jedes Gespür für den Einsatz des Privaten im Politischen. Während seine Soldaten zu einem Auslandseinsatz nach Mazedonien ausrückten, ließ sich Scharping am Pool in Mallorca mit seiner Lebensgefährtin Gräfin Pilati beim Turteln fotografieren. Diese exhibitionistische Eskapade markiert den Anfang vom Ende des Politikers Rudolf Scharping. Die höchsten Generäle waren geschockt und verloren jeden Respekt und Scharping jeden Rückhalt, der Kanzler ließ ihn schließlich fallen.

Die Gefahr besteht, dass Spitzenpolitiker in ihrer Geltungsgier das Gespür für sich verlieren. »Während ein Workaholic seine Befriedigung in einer durch nichts mehr unterbrochenen Arbeitswut sucht, giert der Politiker nach öffentlicher Wirkung«, konstatiert Gerd Langguth. »Und während sich der Workaholic mit der Tugend des Fleißes tarnt, tarnt sich der Politiker mit seiner Bedeutung.«

Der Entzug ist manchmal schlimmer als die Droge selbst. Nicht alle schaffen es wie Karl Weinhofer, davon wegzukommen. In keiner Politiker-Aussage kristallisiert sich das so wie in einem Ausruf von Heide Simonis nach ihrem Wahldebakel 2005 in Schleswig-Holstein. Von Fernseh-Plaudertasche Reinhold Beckmann wurde die Sozialdemokratin gefragt, warum sie nicht eine große Koalition mit CDU-Wahlsieger Peter Harry Carstensen ins Auge fasse.

»Ja, und wo bin ich dann?«, entfuhr es der gescheiterten Ministerpräsidentin, die ihren Machtverlust und das damit einhergehende Trauma bis heute nicht verarbeitet hat. Der Satz wurde immer als Ausdruck von Egomanie und Machtgeilheit interpretiert.

Dabei ist viel erschütternder, in welche psychischen Abgründe hinter der Politikerfassade er blicken lässt.

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