Nobelpreise Geist aus der Flasche
Champagner statt Tristesse lautet derzeit die Parole in der deutschen Forschung. Jahrzehntelang hatten die Gelehrten in tiefer Depression verharrt; angesichts der Erfolge der Forschungsgroßmacht USA erschienen ihnen die eigenen Leistungen allenfalls als zweitrangig. Neuerdings jedoch gilt: »Wir sind wieder wer.«
Vor allem die Wissenschaftler in den Instituten der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) fühlen sich als Vorreiter der Spitzenforschung. Da kamen die frohen Botschaften vom Stockholmer Nobelkomitee in der vergangenen Woche wie eine Bestätigung. Gleich zwei MPG-Wissenschaftler wurden ausgezeichnet. In den Labors kam Jubel auf.
Zum drittenmal in den letzten elf Jahren erhält ein MPG-Forscher den Medizin-Nobelpreis. Nach dem Immunologen Georges Jean Franz Köhler (1984) und den Zellbiologen Erwin Neher und Bert Sakmann (1991) wird die Tübinger Genforscherin Christiane Nüsslein-Volhard im Dezember in den akademischen Hochadel erhoben.
Gemeinsam mit ihren US-Kollegen Eric Wieschaus und Edward Lewis habe die Direktorin am Tübinger Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie »eine epochemachende Entdeckung« vorzuweisen, befanden die Juroren vom schwedischen Karolinska-Institut. Die Forschertat der künftigen Laureaten: Sie enttarnten eine Gengruppe, die bei der Fruchtfliege Drosophila - und vermutlich auch bei anderen Lebewesen - die frühe Embryonenentwicklung aus der befruchteten Eizelle steuert (siehe Grafik Seite 271).
Der Forscherdrang der drei Biologen habe »den Grundstein für neue Erkenntnisse gelegt«, urteilte das Nobelkomitee; »die haben«, meinte Jury-Mitglied Björn Vennström, »den Geist aus der Flasche gelassen«.
Nur zwei Tage später wurden dann auch im Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie die Flaschen entkorkt. Dort widerfuhr dem niederländischen Chemiker Paul Crutzen die Nobelpreisehre; er gilt als Koryphäe bei der Erforschung des Ozonlochs (siehe Kasten Seite 272).
»Spitzenforschung in Gefahr« hatte noch im Juli das Düsseldorfer Handelsblatt geunkt. »Kampagnen, Diskriminierungen, Behinderungen - die deutsche Forschung wandert aus«, klagte Welt am Sonntag. Alles maßlos übertrieben, konterte im September Bild der Wissenschaft: »Rote Karte für Schwarzmaler«.
Die deutsche Forschung sei besser als ihr Ruf, konstatierte das Blatt: »Um die Max-Planck-Gesellschaft oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft beneidet uns das Ausland.« Speziell die Bilanz der MPG-Forscher kann sich sehen lassen: Seit 1948 brachte die elitäre Gelehrtengemeinschaft - 71 Institute mit insgesamt 3050 Wissenschaftlern - 15 Nobelpreisträger hervor.
Zwar wurden die jüngsten Ehrungen für die Max-Planck-Forscher im deutschen Blätterwald groß gefeiert; die Fachkollegen indessen - deutliches Zeichen des neuerwachten Selbstbewußtseins unter den deutschen Forschern - nahmen davon eher gelassen Kenntnis: Längst war Nüsslein-Volhards Auszeichnung von den Auguren des Wissenschaftsbetriebs erwartet worden. Spätestens jetzt gilt ihnen als ausgemacht: Die deutschen Grundlagenforscher, allen voran die Wissenschaftler der Max-Planck-Gesellschaft, gehören mit zur Weltspitze.
Auch in der Genforschung wollen die Deutschen nun mithalten. Seit Zukunftsminister Jürgen Rüttgers 200 Millionen Mark für das Konzept Human-Genomforschung auslobte, herrscht Aufbruchstimmung bei den Gendetektiven der Republik.
Bis zur Jahrhundertwende, glaubt Rüttgers, könne Deutschland in der Biotechnologie die Nummer eins in Europa sein. Bis dahin allerdings muß sich noch manches ändern. Die gegenüber der Gentechnik störrischen rotgrünen Länderregierungen in Hessen und Nordrhein-Westfalen wurden von Rüttgers persönlich abgekanzelt: »forschungspolitische Krisengebiete«.
Erfolgreich hat die Pharmaindustrie zwar in strategischer Allianz mit Wissenschaftlern und der IG Chemie im Eilverfahren eine Entschärfung des deutschen Gentechnikrechts durchgesetzt.
Das Wehklagen der Chemiebosse über die investitionshemmende deutsche Genbürokratie wurde vom Karlsruher Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung schon 1993 als Zweckpropaganda entlarvt. Genehmigungsrecht und Sicherheitsauflagen seien in den Vereinigten Staaten häufig schärfer gefaßt, stellten die Autoren der Fraunhofer-Studie fest; zudem halte das nahezu unbeschränkte amerikanische Haftungsrecht für die US-Biounternehmen unkalkulierbare Risiken bereit.
Auch die Widerstände in der deutschen Bevölkerung gegen technologischen Fortschritt sind, wie Bild der Wissenschaft notiert, keineswegs so massiv, wie die Forschungsinvestoren gern behaupten. So glauben 70 Prozent der Deutschen, daß High-Tech und Biotechnologie die heimische Wirtschaft wettbewerbsfähiger machen.
In Wahrheit ist die Misere der deutschen Biotech-Industrie hausgemacht: Vor allem die Mutlosigkeit in den Führungsetagen zur Frühzeit der Biotechnologie, meint der Dielheimer Unternehmensberater Norbert Rau, habe die technologische Umsetzung der deutschen Spitzenforschung behindert: »Das waren«, klagt Rau, »klare Managementfehler der deutschen Unternehmen.« Mehr Mut, meint er, sei aber wohl erst »von einer neuen Generation von Managern« zu erwarten.
Erwartungsgemäß hat die Gentechnik-Novelle bislang kaum gegriffen: Munter wird von den europäischen Pharmamultis an Deutschland vorbei investiert; auch die deutschen Chemiemanager langen lieber jenseits des Atlantik zu, wo Löhne und Steuern niedriger liegen als in der Bundesrepublik.
Vor allem mit Forschungskooperationen hat sich die deutsche Pharmaindustrie den Zugriff auf die Resultate der US-Biotechnologie gesichert. Beim Pharmariesen Hoechst-Roussel flossen rund 60 Millionen Mark in ein Abkommen mit der kanadischen Biotech-Firma Allelix Biopharmaceuticals. Bayer läßt beim US-Unternehmen Onyx Pharmaceutical für mindestens 60 Millionen Mark an neuen Krebsmedikamenten forschen.
Für die US-Beutezüge der Euro-Pharmazeuten gibt es reichlich Opfer: Über 1300 Biotech-Unternehmen, so bilanzierten Ernst & Young, tummeln sich in den Vereinigten Staaten. In Europa gibt es nur knapp 500 - und die meisten leiden an knapper Kapitaldecke.
Auch die amerikanischen Forschungsfirmen stehen häufig auf wackligen Beinen. »Von zehn Neugründungen sind nur zwei wirklich erfolgreich«, erklärt Hartmut Hübler, Geschäftsführer der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft. Viele der Kleinunternehmer gehen pleite - was jedoch in den USA, anders als in Deutschland, keineswegs als ehrenrührig gilt. Die deutschen Professoren hingegen haben es in der Vergangenheit versäumt, die Verwertung ihrer Forschungsresultate selbst in die Hand zu nehmen. Zudem, klagen Wirtschaftsfachleute, sei die Gründung junger Biotech-Firmen in Deutschland noch immer schwer; bei den Geldgebern mangelt es an Risikofreude: »Da kriegen Sie ein paar hunderttausend Mark«, moniert auch Unternehmensberater Rau; auch deshalb, meint er, gebe es »unter den deutschen Biotech-Firmen gerade mal ein Dutzend, die man nennen kann, ohne rot zu werden«.
Wie es richtig geht, haben die US-Forscher vorexerziert. Über 330 Millionen Dollar Risikokapital, bekannte Gordon Binder, Chef beim US-Gentechnik-Unternehmen Amgen, habe man einsetzen müssen, »bevor wir irgend etwas verkauft haben«. Es lohnt sich: 1994 erzielten die Amgen-Pharmazeuten mit nur zwei Gen-Arzneien 1,65 Milliarden Dollar Umsatz.
Gleichwohl haben die deutschen Spitzenforscher im Ausland offenbar nichts von ihrem guten Ruf eingebüßt. Regelmäßig, so klagen Fachleute, würden die Spitzenresultate der deutschen Forschung von japanischen, koreanischen oder US-Firmen aufgekauft: »Die durchkämmen hier systematisch die ganze Landschaft«, konstatiert Rau.
Anders als die US-Kollegen sind aber nur wenige der deutschen Spitzenforscher zum Schulterschluß mit der Wirtschaft bereit; die deutschen Forscher, monieren Experten, seien vorwiegend Elfenbeintürmler.
»Denen«, spottet Industrieberater Rau, »hängt der Brotkorb zu niedrig«; noch immer, meint er, seien die deutschen Forscher nur an der »hehren Wissenschaft« orientiert: »Die Industrie stört nur.« Dabei werde häufig vergessen, klagt er, daß »die Forschung von Steuergeldern lebt - und die kommen doch aus der Wirtschaft.« Y
Die Misere der Biotech-Industrie ist hausgemacht
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Kettenreaktion im Embryo - Entdeckung der Gestaltbildung bei
Fruchtfliegen
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