Gemischtes Doppel - DER SPIEGEL
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MEDIZIN Gemischtes Doppel

Westdeutschlands erste geglückte Simultan-Transplantation gelang einem Münchner Ärzte-Team. Es pflanzte einem Diabetiker eine Niere und eine neue Bauchspeicheldrüse ein.
• aus DER SPIEGEL 9/1981
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Seit seinem zweiten Lebensjahr war der Patient, heute 28, schwer zuckerkrank und von täglichen Insulin-Injektionen abhängig. Dann, vor zwei Jahren, hatte die Krankheit seine beiden Nieren zerstört.

Fortan mußte sich der Angestellte aus Weiden in der Oberpfalz dreimal pro Woche im Dialysezentrum seines Heimatortes zur Blutwäsche einfinden; jeweils vier Stunden dauerte die Prozedur, bei der sein Blut von giftigen Stoffwechselschlacken gereinigt wurde.

Doch seit dem 22. Januar kommt der nierenkranke Diabetiker ohne Insulinspritzen und die oft quälende Dialyse aus. Im Eiltempo, mit Blaulicht und Martinshorn, wurde er am Tag davor ins Großklinikum Großhadern bei München eingeliefert, wo ein einsatzbereites Chirurgen-Team ihn schon erwartete.

Rund vier Stunden später erwachte er aus der Narkose -- mit einer intakten Niere und einer gesunden, ausreichend S.231 Insulin produzierenden Bauchspeicheldrüse: Die frisch transplantierten Organe stammten von einem Spender, der kurz zuvor an schweren Gehirnverletzungen gestorben war.

Es war der dritte Versuch des Münchner Ärzte-Teams unter Leitung des Chirurgie-Professors Walter Land, mit einer Doppel-Transplantation von Niere und Bauchspeicheldrüse (Pankreas) schwerstkranken Diabetikern zu helfen. Zweimal, 1979 und 1980, war das Experiment mißglückt; die Patienten hatten den Eingriff nur für kurze Zeit überlebt.

Die jüngste Simultan-Überpflanzung gibt jedoch, laut Land, Anlaß zur Hoffnung für jene Diabetiker, bei denen die Krankheit bereits zu chronischem Nierenversagen geführt hat. Für diese oft noch jungen Patienten gab es bislang keine Alternative zur lebenslangen Dialyse-Tortur.

Allein mit Nierentransplantationen, die sonst längst zur klinischen Routine zählen, konnten sie dauerhaft nicht kuriert werden; denn das Grundleiden, der Diabetes, ruinierte binnen kurzem stets auch die überpflanzten Organe.

Daran änderten auch verfeinerte Hilfsmittel der Diabetes-Behandlung nichts -- etwa sogenannte künstliche Bauchspeicheldrüsen: Die computergesteuerten Geräte ermitteln über hochempfindliche Meßsonden kontinuierlich die Blutzuckerwerte und sorgen zugleich für einen bedarfsgerechten Insulin-Nachschub.

Doch die Kunst-Organe, mittlerweile im Miniaturformat von der Größe einer Zigarettenschachtel verfügbar, sind trotz aller Fortschritte bis heute außerstande, die subtilen Dosierungskünste der natürlichen Bauchspeicheldrüse nachzuahmen. Und gemessen an den organischen Insulin-Produktionsstätten, den sogenannten Langerhansschen Inseln im Gewebe der Bauchspeicheldrüse, muten selbst die bislang kleinsten Pankreas-Automaten immer noch riesig an.

Kaum mehr als zwei Gramm wiegen, zusammengenommen, die Insulin erzeugenden Zellklümpchen, die allenfalls unter dem Mikroskop erkennbar sind -- was die Organ-Transplanteure schon vor Jahren auf die Idee brachte, nicht das komplette Pankreas, sondern nur die spezialisierten Hormonzellen in das Körpergewebe von Diabetikern einzupflanzen. Doch die Versuche schlugen fehl; die transplantierten Inselzellen gingen rasch zugrunde.

Als problematisch allerdings erwies sich in der Folgezeit auch das Vorhaben der Mediziner, die vollständige Bauchspeicheldrüse zuckerkranker Patienten gegen ein funktionstüchtiges Spender-Organ auszutauschen.

Denn das rund 80 Gramm schwere und 20 Zentimeter lange, hinter dem Dünndarm an der Rückwand der Bauchhöhle fixierte Pankreas produziert nicht nur Insulin, sondern auch eine Fülle zum Teil chemisch aggressiver Verdauungssäfte, die nach einer Transplantation das benachbarte Gewebe zersetzen können.

Die Folge: Es kam bei Pankreas-Übertragungen oft zu besonders heftigen Abstoßreaktionen, so daß die transplantierten Organe schon nach kurzer Zeit wieder entfernt werden mußten. Mitunter verzichteten die Operateure auch darauf, die defekte Bauchspeicheldrüse des Empfängers herauszunehmen; das Transplantat verbanden sie dann etwa mit einer Beinarterie des Patienten.

Inzwischen aber sieht es so aus, als hätten die Chirurgen ihre Anfangsschwierigkeiten gemeistert. Rund 15 Jahre nach der ersten Pankreas-Transplantation (1966 in Minneapolis) haben sich die Mediziner überwiegend auf ein Operationsverfahren geeinigt, bei dem zwar nicht die ganze Bauchspeicheldrüse, doch immerhin eine größere Partie des Organs überpflanzt wird -- wobei die Ausscheidungsgänge für die gefährlichen Verdauungsenzyme zuvor mit einem Gel abgedichtet werden.

Das Münchner Ärzte-Team unter Professor Land hält die Methode jedenfalls für vielversprechend. Auf Lands Warteliste für weitere Doppel-Übertragungen von Pankreas und Niere stehen derzeit vier Namen. Rund 70 Diabetiker mit Nierenversagen sind bislang in aller Welt nach dem Prinzip des gemischten Doppels operiert worden -- einer davon überlebte vier Jahre und starb dann in New York bei einem Verkehrsunfall.

Dagegen ist der schnauzbärtige Münchner Transplantations-Patient vorerst gefeit. Zwar hat er die Intensivstation verlassen, doch muß er, drohender Infektionsgefahren wegen, noch auf unbestimmte Zeit in der Klinik bleiben.

Und obgleich er vom Zwang zu Insulinspritzen und Blutwäsche-Sitzungen nun befreit ist, wird er zeitlebens von Medikamenten abhängig bleiben --Arzneimitteln, die stets lauernde Abwehrreaktionen gegen die Fremdorgane unterdrücken.

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