Genetik: »Dutzendlinge, viele Dutzendlinge« - DER SPIEGEL
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KULTUR Genetik: »Dutzendlinge, viele Dutzendlinge«

Wissenschaftlern an der Genfer Universität gelang ein sensationelles Experiment: Zum erstenmal wurden Säugetiere -- graue Mäuse -- durch Verpflanzung von Zellkernen fortgepflanzt. Die künstliche Vervielfachung der Labormäuse, deren Erbgut dabei unverändert bleibt, läßt sich womöglich dereinst in der Viehzucht oder gar beim Menschen anwenden: Super-Milchkühe und Mathematik-Genies in Serienherstellung, wie vom Fließband.
• aus DER SPIEGEL 3/1981
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Identische Simultangeschwister«, schwärmt der Direktor der »Brut- und Normzentrale Berlin-Dahlem«. »Nicht lumpige Zwillinge oder Drillinge wie in den alten Zeiten des Lebendgebärens ... sondern Dutzendlinge, viele Dutzendlinge auf einmal.«

Die begeisterte Schilderung des »Bokanowskyverfahrens« ("Massenerzeugung endlich in der Biologie") stammt von dem Engländer Aldous Huxley; die Erstfassung seines Romans »Schöne neue Welt« erschien 1932.

Knapp ein halbes Jahrhundert später ist Huxleys Schreckensvision von der Vervielfältigung lebender Individuen zur Beinahe-Realität geworden: In einem Genfer Institut tummeln sich drei graue Mäuse, die nicht von einem Elternpaar gezeugt, sondern durch einen Labortrick ins Leben gebracht wurden -- durch Verpflanzung von Zellkernen in fremde Eizellen.

Ein Bericht über die sensationellen Schweizer Experimente erscheint Ende dieses Monats in der Fachzeitschrift »Cell«, die vom Massachusetts Institute of Technology herausgegeben wird. Danach ist es den Wissenschaftlern Karl Illmensee und Peter C. Hoppe an der Universität Genf erstmals gelungen, durch »Klonen« (so der Fachausdruck für die Fortpflanzung durch Zellkernübertragung) bei Säugetieren Nachwuchs zu erzeugen.

( Klon (von griech. Klon = Zweig, Reis, ) ( Schoß): durch ungeschlechtliche ) ( Fortpflanzung entstandene ) ( Nachkommenschaft. )

Bisher hatten solche Versuche nur bei Fröschen und anderen Amphibien geklappt.

Die Methode der Genfer war die gleiche wie bei den Frosch-Experimenten -- allerdings ins Mikroskopische verfeinert. Während Froscheier mit bloßem Auge sichtbar sind, lassen sich Eizellen von Säugetieren nur unter dem Mikroskop ausmachen; sie sind überdies äußerst empfindlich.

Als Ausgangsmaterial dienten den Schweizer Wissenschaftlern Zellen, die dem Innern von Mäuseembryos auf einer frühen Entwicklungsstufe entnommen wurden. Mit einer haarfein angespitzten Glaspipette dringen die Forscher in die Zelle vor. Mit einem Mikromanipulator läßt sich die Sonde unter dem Mikroskop ins Ziel lenken -der Zellkern wird mit der Pipette abgesogen.

Der herausoperierte Zellkern -- er enthält den gesamten genetischen Bauplan der grauen Maus -- wird sodann in eine Wirtszelle eingeschleust: in die Eizelle einer kurz zuvor befruchteten schwarzen Maus. Nur in diesem Stadium verspricht die Zellkernverpflanzung Erfolg.

Gleichzeitig wird die in der Wirts-Eizelle vorhandene Erb-Information -ein halber Chromosomensatz von der männlichen, ein halber von der weiblichen Keimzelle -- mit Hilfe der Pipette entfernt. Das Zellkernmaterial wird also ausgewechselt.

In einer Nährlösung reift sodann das Zellmonster -- Eizelle mit fremdem Zellkern -- vier Tage lang heran. Es entsteht ein Zellklümpchen im sogenannten Blastoszystenstadium.

Das Austragen des so heranwachsenden Mäuseembryos übernimmt -nächste Stufe des Experiments -- eine S.154 weiße Maus. Sie wird durch entsprechende Hormongaben so vorbereitet, daß sich das in ihre Gebärmutter eingeschleuste Zellklümpchen dort einnisten und weiterentwickeln kann (siehe Graphik).

Das Puzzle-Spiel mit grauen, schwarzen und weißen Mäusen ermöglichte den Schweizer Forschern den Nachweis, daß ihnen das Mäuse-Klonen wirklich gelungen war: Die Geburt von drei grauen Mäusen -- eine zeigt die Grau-Variante Aguti -- bewies, daß weder die schwarze Maus, der die Wirtszelle entnommen war, noch die weiße Maus, die das Austragen besorgte, irgendwelche Erbmasse hinzugetan hatten.

Geboren wurden tatsächlich identische Kopien, gleichsam jüngere Zwillinge der grauen beziehungsweise agutifarbenen Mäuse-Embryonen, denen die Zellkerne entnommen worden waren. Gewebsuntersuchungen nach Art von Vaterschaftstests bestätigten die Identität der drei geklonten mit den jeweiligen Ursprungsmäusen.

Die erfolgreichen Genfer Experimente zeigen, daß im Prinzip auch beim Menschen die Fortpflanzung durch Klonen, also durch Zellkern-Verpflanzung, möglich wäre.

Schon vor fast drei Jahren machte der US-Autor und ehemalige »Time«-Reporter David Rorvik mit einer Klon-Story Furore. Darin war von einem steinreichen, alternden Amerikaner die Rede, der, auf der Suche nach Unsterblichkeit, von einer Mietmutter einen geklonten Doppelgänger seiner selbst habe austragen lassen. Der geklonte Nachwuchs, so Rorvik, sei mit seinem Vater bis in die Papillarlinien der Fingerkuppen identisch.

Die gut erfundene Geschichte verdeutlichte die Zukunftsaussichten, die in dem Verfahren stecken: Zum ersten Mal wird es möglich, das Roulettespiel der Vererbung auszuschalten.

Bisher war Fortpflanzung etwa bei Säugetieren nur möglich, wenn (notfalls im Labor) eine männliche und eine weibliche Keimzelle vereinigt wurden; jede von ihnen bringt einen halben Chromosomensatz ins Spiel. Unausweichlich mischen sich so väterliches und mütterliches Erbgut, mit ungewissem Ausgang.

Hingegen wird beim Klonen das gesamte Erbgut nur eines Individuums unverändert in die Wirts-Eizelle und damit auf den Nachkommen übertragen. Theoretisch kann dies jeder beliebige der Milliarden von Zellkernen in einem lebenden Organismus sein; denn jeder Zellkern enthält die gesamte Erbinformation, den kompletten biochemischen Bauplan des Individuums.

So könnten beispielsweise von einer hochgezüchteten Kuh oder einem besonders schnellen Rennpferd beliebig viele Nachkommen mit absolut identischen Eigenschaften produziert werden -- in Serienherstellung, vergleichbar der auf den Wolfsburger Fließbändern.

Von solcher Nutzanwendung des Klonens, behaupten die Forscher, seien sie einstweilen noch weit entfernt.

Eine der Schwierigkeiten ist, daß es sowohl bei Mäusen wie bei Fröschen bisher mißlang, aus den Zellkernen von erwachsenen Tieren geklonte Nachkommen zu produzieren.

Die Fähigkeit, sich nach der Verpflanzung in eine Ei-Wirtszelle zu einem kompletten Individuum zu entwickeln, besitzen einstweilen nur Zellkerne, die aus Tieren im Embryonalstadium gewonnen werden.

In diesem Stadium ist gleichsam die gesamte im Zellkern gespeicherte biochemische Information noch aktiv. Im Organismus des Erwachsenen hingegen sind die Zellen je nach ihrer Aufgabe (zum Beispiel als Nieren-, Blut-, Hirn- oder Leberzellen) spezialisiert. Der für die jeweilige Aufgabe nicht benötigte Teil der biochemischen Information ist unzugänglich -- etwa wie die stillgelegten Trakte einer großen Bibliothek.

Der Traum von der durch Klonen verhundertfachten Brigitte Bardot oder dem dutzendfach kopierten Albert Einstein bleibt also unrealisierbar, bis die Biochemiker womöglich eines Tages den Schlüssel finden, der die zugesperrten Bibliothekssäle in den Zellkernen zu öffnen vermag.

S.153Klon (von griech. Klon = Zweig, Reis, Schoß): durchungeschlechtliche Fortpflanzung entstandene Nachkommenschaft.*

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