TIERE Geniestreich der Kläffer
Louis Dobermann hatte ein Händchen für scharfe Köter. Genervt von Dieben und pöbelnden Nachtschwärmern beschloss der Steuereintreiber und Nachtwächter aus dem thüringischen Apolda, einen Hund zu züchten, der nächtens Schutz bieten und tagsüber säumige Steuerzahler das Fürchten lehren sollte.
Der Plan, ausgeheckt im späten 19. Jahrhundert, hatte Erfolg. »Ausdruck von Entschlossenheit« und »stolze Haltung« bescheinigen Züchter heute dem Dobermann. Nicht im Sinne des Erfinders dürfte allerdings ein Wesenszug sein, der 25 Dobermännern im kalifornischen Stanford eigen ist: Schon bei der kleinsten Aufregung fallen die tapferen Rassehunde unvermittelt in seligen Schlaf.
»Wir geben den Tieren etwas zu essen, und sie kollabieren vor unseren Augen«, freut sich Emmanuel Mignot, Psychiater an der Stanford University. »Für etwa 30 Sekunden sind sie paralysiert.«
Mignots Dobermänner haben krankhafte Schlafanfälle. Durch geschickte Kreuzung ist es dem Forscher und seinen Kollegen gelungen, Hunde zu züchten, die durchweg unter jenem neurologischen Defekt leiden, der auch jeden 2000. Menschen mitunter urplötzlich in den Schlaf reißt.
Der Lohn der konsequenten Inzucht: Erst kürzlich konnte das Team das für die Schlafanfälle verantwortliche Gen im Hunde-Erbgut dingfest machen. »Damit rückt auch eine Therapie für betroffene Menschen in greifbare Nähe«, schwärmt Mignots Mitarbeiter Marcel Hungs. »In den nächsten zehn Jahren rechnen wir mit riesigen Fortschritten für die Patienten.«
Der Erfolg der kalifornischen Wissenschaftler ist nur ein Beispiel für eine tierische Karriere, die derzeit Genforscher weltweit in Entzücken versetzt: Die Wissenschaftler sind auf den Hund gekommen. Vereint unter dem Dach des so genannten »Dog Genome«-Projekts versuchen sie, das Erbgut der Vierbeiner zu entschlüsseln.
Das Hunde-Genom, so glauben die Wissenschaftler, birgt nicht nur die Chance, einer Reihe von Erbkranheiten und sogar den genetischen Ursprüngen von Verhalten auf die Spur zu kommen. Auch uralte Fragen um Hund und Herrchen rücken neu ins Rampenlicht: Wie wurde der treue Gefährte zu dem, was er heute ist? Warum benimmt sich Kollege Kläff so merkwürdig vertraut? Und schließlich: Wie hat die gemeinsame Geschichte von Mensch und Hund wirklich angefangen?
Bislang gingen die Forscher davon aus, dass Hund und Mensch vor etwa 14 000 Jahren zusammenfanden. Zu dieser Zeit hüllte sich der Mensch noch in Felle, stand aber bereits kurz davor, sesshaft zu werden und Ackerbau zu betreiben.
Der Hund als Partner kam da gerade recht. Flugs ans Lagerfeuer gelockt, konnte er die Familie bewachen und war auch sonst als allzeit treuer Kumpan zu gebrauchen. Seither haftet jeder Töle das Prädikat »bester Freund des Menschen« an.
Archäologische Ausgrabungen schienen diese Theorie bislang zu bestätigen. Eindeutig identifizierbare Hundeknochen finden sich erst in Funden aus den letzten 14 000 Jahren. Einer der ältesten von ihnen, ein Hunde-Unterkiefer, wurde 1914 aus einer paläolithischen Grabstätte in Oberkassel geborgen. Doch gestützt auf neue genetische Studien, zweifelt eine wachsende Schar von Biologen inzwischen an der späten Domestikation des Hundes. Ins Wanken brachte das Gedankenmodell eine Untersuchung, die US-Forscher um den Zoologen Robert Wayne von der University of California in Los Angeles vorgelegt haben.
Wayne und sein Team verglichen das Erbgut von Wölfen, Schakalen, Kojoten und Hunden verschiedenster Rassen miteinander. Eindeutig konnten sie nachweisen, dass tatsächlich alle Hunde vom Wolf abstammen. Noch überraschender aber war ein anderes Ergebnis der Erbgut-Studie: Schon vor mehr als 100 000 Jahren hat demnach das Verhältnis zwischen Wolf und Mensch begonnen.
Dem neuen Szenario zu Folge hat der Mensch den Wolf aufgegabelt, als er von Afrika in den nahen Osten wanderte. »Damals hat sich der Mensch sehr verändert«, sagt Wayne. »Er bekam ein größeres Gehirn und musste mit einer neuen Umgebung klar kommen. Vielleicht ist dies der Zeitpunkt, als der Wolf zum Hund wurde.«
Äußerlich habe sich der Vierbeiner zunächst kaum gewandelt, vermutet Wayne. So sei es auch zu erklären, dass Archäologen keine Hundeknochen aus dieser Zeit finden. Erst als der Mensch sesshaft wurde und neue Anforderungen an seinen Allzweckkameraden stellte, so der Forscher, wurde die Gestalt des Hundes auf züchterischem Wege gezielt verändert.
Andere Experten drehen Waynes Ergebnisse inzwischen noch weiter. Sie glauben nicht nur an die frühe Domestikation des Hundes. Sie zweifeln sogar an der Saga vom Menschen, der den Wolf zähmte. Nicht der Mensch kam auf den Hund, so die neue These: Der Hund war es, der auf den Menschen kam.
»Der Hund wurde domestiziert, als der Mensch noch gar kein richtiger Mensch war«, vermutet Gregory Acland, Tierarzt an der Cornell University in Ithaca. »Was immer die frühen Hunde vor 100 000 Jahren in der Nähe von Hominiden gemacht haben - sie haben es damals nicht mit vollständig domestizierten Menschen zu tun gehabt.«
Weil der Mensch damals noch gar nicht über die intellektuellen Fähigkeiten verfügte, den Hund zu zähmen, so Acland, muss der Hund das gleichsam im Alleingang selbst erledigt haben: »Der frühe Hund hat sich selbst domestiziert und in der Nähe des Menschen eine neue ökologische Nische gefunden.«
Bei gemeinsamen Jagdausflügen habe er sich in das Herz des zweibeinigen Gruppenführers eingeschlichen - und stets fiel von der Beute auch etwas für ihn ab.
Ist der Hund also kaum mehr als ein brillanter Sozialschmarotzer? Aus biologischer Sicht jedenfalls hat das Tier eine beeindruckende Karriere hinter sich. Einigen hundert Millionen Hunden weltweit stehen heute nur noch geschätzte 130 000 Wölfe gegenüber. Der Aufwand, den Menschen für ihre struppigen Lieblinge betreiben, ist zudem immens. Etwa 1,6 Milliarden Mark pro Jahr geben die Deutschen allein für die Ernährung von Bonzo und Hasso aus.
Hunde bestimmen, wann Herrchen zu Bett geht und wann der neue Tag beginnt. Sie beeinflussen, wohin es in den Ferien geht, wer zur Cocktailparty eingeladen wird und welche Möbel in der Wohnung stehen. Kurzum: Der Mensch ist dem Hund gründlich auf den Leim gegangen. »Kein Tier hat es je geschafft, sich so perfekt des Menschen zu bedienen wie der Hund«, glaubt Gregory Acland.
Kann die gemeinsame Evolution von Hund und Mensch also rundum als Geniestreich der Kläffer gedeutet werden?
Nicht ganz. Denn der schwanzwedelnde Profiteur hat an Herrchens Seite oft wenig zu lachen. Ob Schäferhunde mit Hüftgelenkproblemen, epileptische Pudel, herzkranke Boxer oder Scottish Terrier mit Hang zu Muskelkrämpfen - über 360 erblich bedingte Krankheiten sind heute beim Hund bekannt.
Schuld ist der Hang der Züchter zur reinen Rasse. Nur konsequentes Ausmendeln über Generationen konnte den Kraftprotz Wolf in so etwas wie einen handtaschengroßen Chinesischen Schopfhund oder eine bulimische Windhunddame verwandeln. Die äußere Gestalt der zottigen Lebensabschnittspartner wird dabei nur von wenigen Genen gesteuert, die jedoch große Wirkung entfalten.
Während Hundewelpen verschiedener Rassen noch alle sehr ähnlich aussehen, plätten sich in der Entwicklung bald darauf die Schnauzen oder strecken sich die Beine. Die Vielfalt ist berauschend: In wenigen hundert Jahren ist es den Züchtern gelungen, die meisten der heute über 400 Hunderassen zu formen, deren bizarrste Vertreter mit dem Wolf kaum mehr gemein haben als den Hang zum notorischen Wasserlassen. Im selben Maße wie sich Elitemerkmale der Hunde ausprägen, schwindet jedoch auch die Vielfalt im Genom. Extrem gezüchtete Rassetiere sind genetisch fast identisch. Die Folge: Erbkrankheiten werden leichter an die Nachkommen weitergegeben.
Für die Wissenschaftler des »Dog Genome«-Projekts stellt die Hochzüchtung der vierbeinigen Klientel allerdings auch eine Chance dar. Denn zwar ist das Erbgut der Tiere innerhalb der jeweiligen Rassen verarmt. Es unterscheidet sich jedoch auch in charakteristischer Weise von den DNS-Strängen anderer Hunderassen. Durch diese auf die Zucht zurückzuführende klare Abgrenzung ist es in vielen Fällen einfacher, die für Erbkrankheiten verantwortlichen Gene dingfest zu machen.
Ein Collie lässt sich nicht nur äußerlich leicht von einem Beagle unterscheiden. Auch das Erbgut der Tiere zeigt deutliche Unterschiede und kann den jeweiligen Rassen sogar zugeordnet werden. Zum Liebesspiel animiert, produzieren ein Collie-Rüde und ein Beagle-Weibchen also Welpen, deren Erbgut aus einem Flickwerk von unterscheidbaren Beagle- und Collie-Genabschnitten zusammengesetzt ist.
Wenn Papa-Collie etwa unter erblich bedingter Netzhautdegeneration leidet, wird dieser Defekt zwangsläufig an einen Teil seiner Kinder und Enkel weitergegeben. Durchforsten die Wissenschaftler nun das Genom des Nachwuchses nach Collie-Erbgutschnipseln und finden sie bei allen kranken Tieren an der selben Stelle, ist es wahrscheinlich, dass ganz in der Nähe das für die Krankheit verantwortliche Gen sitzt.
Mit Hilfe solcher Vergleichstechniken gelang es etwa dem Psychiater Emmanuel Mignot aus Stanford, das für die Schlafanfälle verantwortliche Gen bei seinen Dobermännern zu finden. Andere Forscher versuchen derzeit, die genetischen Ursachen von Herzkrankheiten, Epilepsie oder Krebs zu ergründen.
Bei einigen Defekten ist sogar schon eine Therapie in der Erprobungsphase. Wissenschaftler der University of Pennsylvania haben kürzlich erste Erfolge bei der Behandlung der erblich bedingten Netzhautdegeneration vermeldet, bei der die Sehfähigkeit bis zur Erblindung zurückgeht, weil ein bestimmtes Enzym nicht funktioniert. Um den Defekt zu heilen, spritzte die Biologin Jean Bennett funktionsfähige Kopien des für die Enzymherstellung zuständigen Gens hinter die Netzhaut eines kranken Hundes. Tatsächlich konnte das Tier für einige Wochen wieder sehen.
Von ihren Erfolgen ermutigt, geben sich die Wissenschaftler zunehmend euphorisch. Denn nicht nur den Hunden wird die Kartierung ihres Genoms zugute kommen. Auch die Herrchen sollen profitieren. »Mindestens die Hälfte der bekannten Erbkrankheiten von Hunden ähneln bestimmten menschlichen Defekten«, sagt Elaine Ostrander, Genetikerin am Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle. »Die verantwortlichen Gene beim Menschen zu finden ist jedoch weitaus schwieriger.«
Ostrander ist eine der Pionierinnen der Forschung am Hundegenom. Schon 1997 hat sie zusammen mit Gregory Acland und seinem Kollegen Gustavo Aguirre eine erste grobe Karte des Hunde-Erbguts veröffentlicht. Seither häufen sich die Erfolgsmeldungen. Die Forscher schätzen, dass 90 bis 95 Prozent des Genoms von Hund und Mensch identisch sind. Insgesamt über 20 Hunde-Erbkrankheiten glauben die Wissenschaftler schon heute bis zu den verantwortlichen Gendefekten zurückverfolgt zu haben - Krankheiten, die allesamt auch beim Menschen auftreten können.
Selbst die Grundlagen des Verhaltens hoffen die Forscher per Genanalyse zu entschlüsseln. Weil Wesenszüge wie Bewachen oder Apportieren bei den jeweiligen Hunderassen verschieden stark ausgeprägt sind, glauben Hundeexperten, dass sie im Erbgut verankert sind. »Ich bin absolut sicher, dass zum Beispiel das Hüten einer Schafherde eine genetische Grundlage hat«, sagt etwa Karen Overall, Tierärztin an der University of Pennsylvania.
Overall beschäftigt sich seit Jahren mit auffälligen Verhaltensstörungen bei Hunden, die vermutlich oft auf Gendefekte zurückzuführen sind. Schüchterne Huskies, neurotische Cocker Spaniel und zwanghafte Bull Terrier, die stundenlang ihrem eigenen Schwanz nachjagen, zählen zu ihrem Patientenkreis.
Parallelen zwischen Hund und Herrchen sind für Overall auch hier offensichtlich. »Die sozialen Systeme von Hund und Mensch sind sich sehr ähnlich, weil wir uns sehr lange zusammen entwickelt haben«, sagt sie. »Das gilt auch für Verhaltensstörungen.« Schon behandelt die Forscherin ängstliche Vierbeiner mit Psychopharmaka, die auch beim Menschen wirken. Gleichzeitig erhofft sie sich von der Erbgutanalyse der kranken Hunde wiederum Hilfe im Kampf gegen menschliche Psycho-Leiden. »Hunde vermehren sich im Vergleich zu Menschen sehr schnell«, sagt Overall. »Wir können fünf Generationen dieser Tiere untersuchen und auf diese Weise die genetischen Ursachen von Verhalten viel schneller erforschen.«
Bis die erblichen Grundlagen ganzer Charakterzüge entschlüsselt sind, werden nach Ansicht der Wissenschaftlerin allerdings noch Jahre vergehen. Am Interesse der Hunde-Fans für derartige Erkenntnisse zweifelt sie jedoch keine Sekunde.
»Hundeliebhaber wollen immer, dass ihre Tiere die besseren Menschen sind«, sagt Overall. »Informationen über ein Gen für Temperament oder Treue würden uns die Züchter aus den Händen reißen.«
PHILIP BETHGE