MEDIZIN Geronnener Schreck
Wenn Klaus-Werner Wenzel, 44, Internist und Schilddrüsenspezialist in Berlin-Charlottenburg, zwischendurch mal einen Blick in sein Wartezimmer wirft, begegnet ihm dort alle Woche, wie die Ärzte sagen, der »geronnene Schreck": Patienten, Frauen vor allem, mit weit aufgerissenen, angstvollen Augen und einem Herz, das sichtbar und viel zu schnell am dicken Hals klopft.
Die Dreieinigkeit der Krankheitszeichen - Kropf, Froschaugen, Herzjagen - gilt den Ärzten seit 1840, als in Merseburg ein Doktor Karl von Basedow als erster die »Trias« beobachtete, als verläßlicher Hinweis auf eine Überfunktion der Schilddrüse, die »Basedowsche Krankheit« ("Hyperthyreose").
Dieses Leiden hat jetzt Konjunktur, jedenfalls auf dem Papier. In vier Jahren, von 1976 bis 1979, überwiesen Wenzels Kollegen dem Experten 2497 Patienten mit der Verdachts-Diagnose »Hyperthyreose«. 2071 Untersuchte hatten Glück, ihre Schilddrüse funktionierte in Wirklichkeit normal, nur eine Minderheit der Zugewiesenen - 426 von 2497 - war an einer Hyperthyreose erkrankt. Quote der Fehldiagnosen: 82,9 Prozent.
Doch Doktor Wenzel sieht das nicht so eng. Von »Fehldiagnose« spricht er nicht, »wenn von Allgemeinärzten oder Fachärzten verschiedener Richtungen falsche Diagnosen gestellt« werden, »sofern keine Fehlbehandlung« stattgefunden hat. Einen strengen Maßstab legt der Privatdozent, Mitglied der »Schilddrüsenforschungsgruppe« der Freien Universität Berlin, allerdings an jene Kollegen, die sich selbst als Schilddrüsenspezialisten verstehen.
Von denen und ihren Taten berichten Wenzel und sein Co-Autor Johann Hermann Riedemann in dieser Woche den Lesern der »Deutschen Medizinischen Wochenschrift«. Es ist eine Geschichte zum Fürchten, durch Fakten belegt:
* Innerhalb von nur vier Jahren kamen 163 Patienten in Wenzels Praxis, denen »vermeintliche Schilddrüsenspezialisten« (Wenzel) eine Hyperthyreose bescheinigt hatten - fälschlich.
* 79mal waren im gleichen Zeitraum verdächtige Gewebebezirke der Schilddrüse ("kalte Knoten") nicht untersucht worden, weshalb zwölf Geschwulste (drei davon bösartig) unentdeckt blieben.
* Weil bei 125 am Kropf operierten Patienten die richtige Nachbehandlung unterblieben war, bildete sich bei 68 erneut ein Kropf.
Die Beobachtung, daß mindestens jeder zehnte Schilddrüsenpatient »einem ärztlichen Fehler unterliegt«, ist für Wenzel vor allem deshalb »so erschreckend und empörend«, weil Erkrankungen dieses Organs - dank beträchtlicher diagnostischer und therapeutischer Fortschritte in den letzten zehn Jahren - eigentlich gut zu erkennen und zu behandeln sind.
Anders als zu Doktor Basedows Zeiten, dessen Standesgenossen noch mutmaßten, die Schilddrüse sei vor allem dazu da, den Kehlkopf zu wärmen, weiß man heutzutage über die kleine Drüse schon besser Bescheid: Das rund 30 Gramm schwere Organ produziert täglich 0,08 Milligramm Schilddrüsenhormon, im Laufe eines Menschenlebens ganze zwei Gramm.
Dieser Wirkstoff, dessen Basis das Spurenelement Jod ist, beeinflußt die gesamten Stoffwechselvorgänge des Organismus. Jede Überproduktion wirkt wie starker Streß: Patienten, die an Hyperthyreose leiden, verlieren rasch Gewicht, sind nervös und schlaflos, ihr Herz, gepeitscht von Schilddrüsenhormonen, schlägt viel zu schnell.
Bundeskanzler Helmut Schmidt, der 1972 monatelang wegen einer (nicht rechtzeitig erkannten) Schilddrüsenüberfunktion im Koblenzer Bundeswehr-Zentralkrankenhaus lag, über das Befinden eines Basedow-Kranken: »Beschissen.«
Wer hingegen zuwenig Schilddrüsenhormon im Blut hat, der fühlt eine müde »Leck-mich-am-Arsch-Stimmung«. Die Patienten sind antriebsarm, ihre Haut ist S.263 teigig geschwollen. Fachwort für das Stumpfsinn-Leiden: »Myxödem«.
Über- wie auch Unterfunktion der Drüse, ihre Entzündungen, Geschwulste und Strukturveränderungen - alles in allem nicht mehr als ein Dutzend Krankheiten, von denen freilich in Deutschland rund 20 Prozent der Bevölkerung betroffen sind - hätten die Mediziner voll unter Kontrolle, wäre da nicht der fatale Umstand, den das konservative Ärztemagazin »Selecta« so beklagt: »Wenn der Fortschritt auf einem Sektor der Medizin zu rasch vonstatten geht, besteht die Gefahr, daß zunächst Verwirrung den Nutzen schmälert.«
Die Verwirrung betrifft vor allem die Labortests. Experten wie Wenzel können mit Hilfe moderner Apparate noch Spuren von einem Milliardstel Gramm (Nanogramm) Schilddrüsenhormon nachweisen. Bei der biochemischen Fährtensuche bedienen sich die Drüsenspezialisten mit großem Erfolg auch solcher Untersuchungsmethoden, bei denen radioaktiv markierte Partikel im Reagenzglas ("in vitro") die Diagnose ermöglichen. Diese »In-vitro-Analysen«, schrieb »Selecta«, hätten »die Schilddrüsendiagnostik geradezu revolutioniert«.
Von Revolution wollen aber vor allem die älteren Schilddrüsenspezialisten nichts wissen. Wenzels Untersuchung an 8501 Patienten beweist, daß selbst in der Großstadt Berlin die richtige Behandlung Glückssache ist. Denn unbeeindruckt von den Fortschritten der Medizin halten offenbar zahlreiche Doktoren an Diagnose- und Behandlungsverfahren fest, die wegen der damit verbundenen Risiken längst unzumutbar sind.
Wenzel: »Trotz aller Warnungen, die sich auch auf die nicht unbedenkliche und unnötige Strahlenbelastung beziehen, wird beispielsweise der Radiojodtest in West-Berlin immer noch praktiziert.« Dieses Untersuchungsverfahren (bei dem der Patient eine radioaktive Jodlösung trinken muß) ist so unzuverlässig, daß 66 Prozent aller Diagnosefehler auf dessen Konto gehen.
Als »schweren, iatrogenen, also durch den Arzt verursachten Fehler« stuft Wenzel die jahrelange Gabe der nebenwirkungsreichen Corticoid-Medikamente bei Schilddrüsenentzündungen ein - »zumal wenn sie auf einer Fehldiagnose beruht«.
»Unverantwortlich« nennt der Privatdozent auch die Behandlungsmethode eines Berliner Röntgenprofessors. Der hatte 1978 durch die Bestrahlung mit einer Elektronenschleuder »ohne Konsultation eines Chirurgen« den hinter das Brustbein gewachsenen Kropf eines 56jährigen Ingenieurs behandelt. Seither ist auch die Luftröhre des Privatpatienten zerstört. Der Mann ist, weil er nur durch eine Kanüle Luft bekommt, für immer krank und arbeitsunfähig.
Wenzel, selbst Sohn eines Professors, wartet nicht nur mit solch deprimierenden Fakten auf, sondern auch mit einer Novität, die es bisher in Medizin-Zeitschriften nicht gab. Mit Hilfe der »Tabelle 4: Iatrogene Fehler, nach fachlicher Leitung geordnet« kann der Leser rätseln, wer von den vierzig Berliner Schilddrüsenexperten die meisten Fehler macht.
Mit 64 (von 268) iatrogenen Fehlern führt ein »Institut unter radiologischer Leitung«, eine »Abteilung für Strahlentherapie und Nuklearmedizin eines großen Berliner Krankenhauses«, die Mängel-Liste an. Jeder Insider weiß:
Das kann nur das »Rudolf-Virchow-Krankenhaus« in Berlin-Wedding sein.