BÜCHER Geschichte einer Geißel
In einem Hochsicherheitstrakt in Atlanta sitzt der gefährlichste Gefangene der Welt in Einzelhaft und wartet auf seine Hinrichtung. Gesucht wegen der Folter und des Todes von Millionen Menschen, dauerte es länger als ein Jahrzehnt, diesen Massenmörder in einem erdumspannenden Netz zu fangen.« Mit diesen dramatischen Sätzen beginnt das neue Buch von Jonathan Tucker*. Es geht nicht etwa um einen Kriminellen, sondern um das Pockenvirus. Tucker ist ein - derzeit sehr gefragter - Experte für Bio- und Chemiewaffen in Washington D. C. Sein bisher nur auf Englisch erschienenes Werk über die alte und möglicherweise zukünftige Bedrohung durch die Menschheitsgeißel Pocken hebt sich wohltuend ab von den Schreckensszenarien, die derzeit angesichts der amerikanischen Milzbrandfälle in den Zeitungen kursieren. Fundiert und verständlich erzählt Tucker von den Helden, die die Pocken ausgerottet haben, er analysiert die Gefahr terroristischen Missbrauchs und streut in den Wissenschaftskrimi Anekdoten ein wie etwa die vom letzten Ausbruch der Plage in Iran - damals, 1971, ein eigentlich bereits pockenfreies Land. Tausende erkrankten, Hunderte starben. Dennoch ließ der Schah die Epidemie verharmlosen - er wollte nicht die Feststimmung vor der gigantischen Feier zum 2500-jährigen Bestehen des Persischen Reichs trüben.
* Jonathan Tucker: »Scourge«. Atlantic Monthly Press, New York; 292 Seiten; 26 Dollar.