Geteilter Groll - DER SPIEGEL
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Umwelt Geteilter Groll

Tausende von Tonnen FCKW werden nach Europa und den USA geschmuggelt. Das obskure Geschäft verzögert die Genesung der Ozonschicht.
• aus DER SPIEGEL 49/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im heißen Florida operieren die Spezialagenten von »Operation Cool Breeze«. Zwischen den Hafenmolen jagen sie eine neue Klasse von Kriminellen.

Die US-Truppe hat innerhalb eines Jahres 20mal zugeschlagen. 18 Verdächtige haben die Fahnder vor Gericht gebracht, mehr als 600 Tonnen eines neuartigen Schmuggelguts wurden beschlagnahmt: Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) im Wert von 32 Millionen Dollar. Die Menge ist nur ein Bruchteil dessen, was zur Zeit in den Vereinigten Staaten auf den Schwarzmarkt gelangt.

Mindestens 10 000 Tonnen der geächteten Chemikalien, die den Ozonschild der Erde zerfressen, wurden nach Schätzung der amerikanischen Behörden 1995 illegal in die USA transportiert. Offiziellen Angaben zufolge erreicht der FCKW-Schmuggel in Florida bereits ein Umsatzvolumen, das nur vom Drogengeschäft übertroffen wird. Für den US-Zoll gilt die farblose gasförmige Konterbande mittlerweile nach Drogen als »Problem Nummer zwei«.

In Europa ist die Lage kaum anders. Jährlich bis zu 12 000 Tonnen der Ozonkiller gelangen, wie Vertreter der chemischen Industrie vermuten, auf Schwarzmärkte in verschiedenen EU-Staaten. Erst im Juni entdeckte die Polizei in Neapel im Bauch eines Schiffes aus Malta mehr als 8 Tonnen FCKW. In einem Frachter aus Tunesien hatten die Beamten 29,7 Tonnen falsch deklarierter FCKW-Fracht aufgespürt.

Seit 1995 ist in der EU, seit 1996 auch in den übrigen Industriestaaten die Herstellung von FCKW gemäß dem Ozon-Abkommen von Montreal verboten. Riesige Produktionsanlagen für die einst massenhaft als Treib- und Kältemittel verwendeten Stoffe wurden stillgelegt, aus Spraydosen und neugebauten Kühlschränken sind die gefährlichen Chemikalien seither verbannt.

Doch die Nachfrage nach FCKW unter den Betreibern von Klimaanlagen in Millionen Autos, in Zehntausenden von Bürogebäuden, Krankenhäusern und Fabriken blieb bestehen - und sie wird befriedigt.

Der Umfang des FCKW-Schwarzhandels, behauptet die britische Umweltschutzorganisation Environmental Investigation Agency (EIA) in einem gerade erschienenen Report, reiche inzwischen aus, »um die Genesung der Ozonschicht um Jahre zurückzuwerfen«.

Die Folge davon seien »Tausende zusätzlicher Fälle von Hautkrebs«. Für lange Zeit werde die geschädigte Ozonschicht weniger von der krebserzeugenden UV-Strahlung abfiltern können als nach bisherigen Modellen angenommen.

Bislang prophezeiten Forscher, daß der Ozonschild 20 Kilometer über der Erde zur Jahrtausendwende seinen schwächsten Punkt erreichen und sich dann innerhalb von 50 Jahren wieder erholen werde. Dieses Szenario setzt voraus, daß sich alle Vertragsstaaten getreu an das Abkommen von Montreal halten - was nicht geschieht:

* Indien und China müssen wie alle Entwicklungsländer 2010 aus der FCKW-Produktion aussteigen. Doch beide Länder haben in den letzten Jahren ihren Ozonkiller-Ausstoß drastisch erhöht, allein China verbraucht über 80 Prozent mehr FCKW als noch 1993.

* Rußland ist seiner Verpflichtung, die FCKW-Herstellung 1995 zu stoppen, nicht nachgekommen. Mit einer Jahresproduktion von offiziell 57 000 Tonnen gilt das Land inzwischen als einer der größten FCKW-Produzenten der Welt.

Diese Staaten arbeiten nicht nur für den Eigenverbrauch. Aus ihren Anlagen speisen sich die internationalen Schmuggelströme, und manchmal sind die üblichen Verdächtigen daran beteiligt: Nach Hinweisen, die der EIA zugingen, soll die Russenmafia einen Teil des FCKW-Schmuggels kontrollieren.

In seltener Eintracht teilen europäische Chemiekonzerne den Groll der Umweltschützer. Siegesmut Hug von der Ex-FCKW-Herstellerfirma Solvay Deutschland in Hannover fürchtet die illegalen Gas-Ströme, denn solange es diese Stoffe gibt, leidet der Absatz des von Solvay produzierten Ersatzmittels R134a, das der Ozonschicht nicht zusetzt. Die Anlagen für die R134a-Herstellung seien weltweit nur zu 60 Prozent ausgelastet, klagt Hug.

Bislang können Betreiber von Großkühlanlagen viel Geld sparen, wenn sie weiterhin FCKW benutzen. Um ihre alten Geräte weiterlaufen zu lassen, müssen sie jedes Jahr nur wenige Kilogramm FCKW hinzukaufen und damit den Schwund ersetzen, der bei Lecks oder Wartungsarbeiten entsteht. Auch teures FCKW vom Schwarzmarkt ist allemal billiger als die Umrüstung der Anlagen auf neue Kühlmittel, die bis zu einigen hunderttausend Mark verschlingt.

Oftmals wissen die Käufer nicht, ob ihr FCKW aus illegaler Quelle stammt. Denn nach dem Abkommen von Montreal dürfen in den Industrieländern auch Altbestände und wiederaufbereitetes FCKW verkauft werden. Diese Regelung macht es unmöglich, Schmuggelware aufzuspüren, wenn sie erst einmal im Land ist: Zwischen legalem und illegalem FCKW können weder Polizisten noch Chemiker unterscheiden.

Duncan Brack vom Royal Institute of International Affairs in London mahnt die europäischen Staaten daher zu stärkerer Kontrolle von Schiffsladungen - so wie die USA es vormachen: Zollbeamte in Miami sind seit Sommer dieses Jahres mit Meßgeräten ausgerüstet, die den Inhalt von Chemikalienbehältern sekundenschnell bestimmen können. Damit entdecken sie falsch deklarierte Ware.

Bei der EU in Brüssel stieß Brack mit seinem Vorschlag jedoch ins Leere. Bereits im Januar ließen die Eurokraten wissen, daß verstärkte Kontrollen nur den legitimen Handel bremsen würden und daher nicht wünschenswert seien.

Für Brack ist dieser Bescheid ein »starkes Signal dafür, daß Umweltkriminalität nicht ernst genommen wird«.

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