RAUMFAHRT Getrübte Linsen
Der Präsident begab sich, rhetorisch, auf große Fahrt. »Wir können wieder zu Größe gelangen«, verkündete er in seiner Botschaft an die amerikanische Nation. »Wir können unserer Sehnsucht nach fernen Sternen folgen, können im Weltraum leben und arbeiten, zum Nutzen des Friedens, der Wirtschaft und der Wissenschaft.«
Mit so gestelztem patriotischem Pathos ("Wir sind die ersten, wir sind die besten") verkündete US-Präsident Ronald Reagan am Mittwoch letzter Woche seinen Plan, die Vereinigten Staaten wieder zur unumstrittenen Weltraum-Vormacht werden zu lassen: Innerhalb der nächsten zehn Jahre soll eine amerikanische Weltraumstation errichtet werden, mit einem Kostenaufwand von umgerechnet 22 Milliarden Mark. Schlüsselfertige Übergabe nach der derzeitigen Planung: 1992.
Seit zwei Jahren feilt eine Arbeitsgruppe der Nasa an den Entwürfen für die Weltraumbasis, die in 320 Kilometer Höhe die Erde umkreisen soll - zusammengefügt nach dem Baukastenprinzip und später nach Belieben zu erweitern. Gedacht ist zunächst an eine zentrale Wohneinheit, in der bis zu acht Astronauten, Wissenschaftler und Techniker sich ständig aufhalten können; spätestens nach einem halben Jahr kommt mit der Raumfähre Ablösung.
Um den Wohncontainer, der wie alle anderen Bauteile mit der Shuttle ins All gebracht wird, gruppieren sich eine Reihe weiterer Zylinder, ausgestattet als Labor, Lager oder Kraftwerk; großflächige Sonnensegel sollen die zum Betrieb der Station benötigte Energie einfangen.
Abseits von dem Verbundsystem aus Zylindern, an dem die Raumfähre jederzeit andocken kann, sollen unbemannte Plattformen ausgesetzt werden, die wie in einem Flottenverband die Station begleiten. Auf diesen Plattformen können wissenschaftliche Instrumente wie Teleskope und Erdbeobachtungskameras, aber auch vollautomatische Fertigungsanlagen, etwa zur Arzneimittelherstellung, installiert werden.
Innerhalb der Station würden sich die Astronauten von Container zu Container an Seilen entlanghangeln. Die Verbindung zu den unbemannten Plattformen ließe sich mit den neuen, düsengetriebenen Manövrier-Einheiten bewerkstelligen, auf denen jeweils ein Astronaut wie auf einem Feuerstuhl daherreitet; ein Exemplar dieser Gattung wird, voraussichtlich in dieser Woche, beim zehnten Shuttle-Flug erprobt.
Die US-Raumfahrtbehörde Nasa, so teilte Reagan letzte Woche mit, werde auch andere Nationen einladen, beim Aufbruch Amerikas »zu neuen Ufern« mitzuwirken. Gedacht ist an Kanada, aber auch die Europäer sind willkommen. Vor allem Frankreich und die Bundesrepublik, Nachzügler im kosmischen Geleitzug, scheinen begierig, ihr Scherflein zur US-Raumstation beizutragen. 15 Millionen Dollar will die europäische Raumfahrtbehörde Esa bei den beteiligten Regierungen fürs erste lockermachen: für eine Planungsphase von 18 Monaten, während der ein möglicher europäischer Beitrag technisch definiert werden soll.
»Härter als beim Spacelab«, das die Europäer der Nasa praktisch geschenkt haben, sollte diesmal verhandelt werden, meinte Westdeutschlands erster Astronaut, der Weltraumschwabe Ulf Merbold. Der Ertrag für die Europäer müsse diesmal größer sein - doch welchen Nutzen die Acht-Betten-Pension im All (Pensionspreis pro Astronaut und Tag: 30 000 Dollar) überhaupt zu erbringen vermag, ist auch in den USA mehr als umstritten. Reihum trifft Reagan mit
seinem Weltraumplan, von dem er sich im Wahljahr den Nimbus eines Raumfahrtpioniers und Entdeckers ferner Welten verspricht, auf Ablehnung und Kritik: *___"Für die nächsten 20 Jahre sehen wir keinen ____wissenschaftlichen Nutzen in einer bemannten ____Raumstation«, erklärte der Weltraumausschuß der ____amerikanischen National Academy of Sciences. Die ____Astronomen befürchten sogar: Erschütterungen und ____Verunreinigungen durch Besatzung und Treibstoffdämpfe ____könnten in bemannten Raumstationen »die Linsen trüben« ____und die Präzision der Experimente beeinträchtigen. *___"Im besten Fall überflüssig, im schlimmsten Fall höchst ____verwundbar« seien bemannte Raumstationen - so die ____überwiegende Meinung in den Planungsstäben des ____Pentagon. Besonderes Mißtrauen von Militärs und ____Geheimdienstlern gilt der Tatsache, daß sie in der nun ____geplanten Raumstation mit Nasa-Zivilisten und womöglich ____sogar Europäern Tisch und Bett teilen müßten. *___Gering ist auch das Interesse der Wirtschaft an der ____bemannten Raumstation, soweit es um Produktionsprozesse ____im All geht; solche Verfahren laufen viel ungestörter ____in unbemannten Robotstationen, deren Produktion alle ____paar Monate mit einer Raumfähre abgeholt würde. Eine ____solche Robot-Fabrik, zur Herstellung von Pharmazeutika, ____plant die US-Firma Fairchild Industries für das Jahr ____1987.
Die Auffassung, daß der Aufwand für eine Raumstation gegenwärtig höher wäre als ihr wirtschaftlicher oder wissenschaftlicher Nutzen, hatte bei einer Kabinettsitzung im Dezember auch Reagans Budget-Direktor David Stockman noch vertreten. Er wurde knapp abgefertigt: Ähnlich habe wohl auch der Schatzmeister am Hofe der spanischen Königin Isabella argumentiert, als Kolumbus auf die Reise gehen wollte.
Wieder einmal war es vor allem die Furcht vor der Macht des Bösen, war es Konkurrenzdenken gegen die Sowjets, was den amerikanischen Präsidenten dazu trieb, alle kritischen Stimmen zu überhören. In einem Bericht der Ota, einer Beratungsbehörde für den amerikanischen Kongreß, hatte er erst im Dezember noch lesen können, daß die Sowjets im Sommer 1983 schon zum sechsten Male eine Saljut-Station ins All transportiert und daß die Kosmonauten insgesamt schon dreimal so viele Stunden im All verbracht haben wie die Amerikaner. Zwei neue Großraketen, mit denen die Russen Wohnquartiere für zwölf und mehr Mann Besatzung ins All hieven könnten, stünden derzeit auf dem sowjetischen Weltraumbahnhof Baikonur und würden demnächst getestet.
»Wir müssen unsere Vorherrschaft im All erhalten«, begründete denn auch
Nasa-Chef James Beggs das neue Programm. Im übrigen sei die von Präsident Reagan nunmehr anvisierte Raumstation nur »ein erster Schritt": ein Markstein auf dem Weg der himmelstürmenden Amerikaner zur Kolonialisierung des Mondes und zur bemannten Erkundung des Mars.
So hatte sich das Wernher von Braun, der den Amerikanern die Raketen für die Mondlandung entwarf, vor nunmehr 30 Jahren auch schon erträumt. In seinem 1954 erschienenen Buch »Die Eroberung des Mondes« hatte von Braun den Plan entwickelt: In zwei Etappen sollten Menschen zu fernen Himmelskörpern gelangen, zunächst mit einem Raumschiff von der Erde zu einer erdumkreisenden Raumstation und dann von dort - mit einem anderen Raumschifftyp - auf direktem Weg zum Mond oder zu den Planeten.
Hauptvorteil des Zwei-Stufen-Fluges: Größe und Schubkraft der Startraketen könnten relativ klein gehalten werden, da beim Start von der Raumstation nur mehr ein Bruchteil der normalen Erdanziehung zu überwinden ist.
Von Braun konnte das Vorhaben nicht realisieren. Als 1961 John F. Kennedy die Aufgabe stellte, »noch in diesem Jahrzehnt« Amerikaner auf den Mond zu bringen, mußten der Raketenpionier aus Deutschland und seine Mitarbeiter sich für den Direktflug mit dreistufigen Saturn-Raketen entscheiden. Für den Mondflug in zwei Etappen hätten Zeit und Geld nicht ausgereicht.
Daß von Brauns Denkansatz, den Weltraum von erdumkreisenden Stationen aus zu erobern, technisch sinnvoll war, ist nach wie vor unbestritten. Jedoch hat sich im letzten Jahrzehnt immer deutlicher gezeigt, daß fast alle gegenwärtigen Bedürfnisse des Menschen im Weltraum sich mit unbemannten, von der Erde aus ferngesteuerten Raumvehikeln mindestens so gut, meist sogar besser und jedenfalls billiger befriedigen lassen als mit der bemannten Raumfahrt. Übrig bliebe mithin nur der PR-Effekt, den sich Russen wie Amerikaner davon versprechen.
Doch auch in diesem Punkt waren die Erwartungen offenbar zu hoch gesteckt: Kaum jemand will die schwebenden und winkenden Astronauten auf dem Fernsehschirm noch sehen. »Es wäre eine Tragödie«, faßte das britische Wissenschaftsblatt »Nature« allen Mißmut zusammen, »wenn die Wissenschaft wieder einmal politischen Erfordernissen geopfert würde.«
Über den sehr begrenzten wissenschaftlichen Nutzen einer bemannten Raumstation meinte »Nature": »Wenn die Nasa-Pläne verwirklicht werden, bedeutet es noch einmal zwei Jahrzehnte Grundlagenforschung über die Frage, warum Astronauten im Weltraum sich erbrechen und ob man in der Schwerelosigkeit das perfekte Kugellager gießen kann.«